KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 9 6869 8513‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Dokumente

< aktuelle Links, Dokumente, Tagesordnungen, Sitzungsprotokolle, Terminübersicht, PDFs und ähnliches… >

Die Tageslosung

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
Weitere Informationen finden Sie hier


Predigt zu Matthäus 24,1–14 am Zweiten Advent, 4. Dezember 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Matthäus 24,1–14 am Zweiten Advent, 4. Dezember 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Gnade sei mit uns und Friede, von Gott, unsrem Vater, von Jesus Christus, unserem Bruder und vom heiligen Geist, unserem Tröster. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ — diese beiden Liedzeilen sind Religion. Religion, von Menschen gemacht und von Menschen gebraucht. Alle Jahre wieder geschieht genau das gleiche — vorhersehbar, berechenbar, beherrschbar. Da kommt keine Unsicherheit auf — da kommt nichts Neues auf uns zu… same procedure as last year, same procedure as every year.

Das ist der Sinn von Religion: Menschen zu entlasten von Unsicherheit, von der Furcht vor Unbekanntem, Neuem. Menschen durch Wiederholung, durch Rituale zu stabilisieren. „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ Das ist Religion. Von Menschen gemacht und von Menschen gebraucht. Mit Gott hat das nichts zu tun.

Mit Gott hat das nichts zu tun — jedenfalls nicht mit dem Gott Jesu Christi. Denn der ist kein Gott der Religion, sondern ein Gott der Offenbarung. Ein Gott, der Dir immer als der Unbekannte begegnet. Als der Unberechenbare. Als der Verstörende. Als der, der so grundverschieden ist von dem Bild, das Du Dir von ihm nur immer machen könntest. Der Dir deshalb sagt: „Mach Dir kein Bildnis!“

Verstörend ist der Predigtabschnitt für diesen Gottesdienst aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 24:

Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und war wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

Dann werden sie euch der Bedrängnis überantworten und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele zu Fall kommen und werden sich untereinander verraten und sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Gott segne uns durch sein Wort!

Liebe Schwestern und Brüder, das Grundgefühl dieser Adventszeit ist Angst. Wir tragen die Erschütterung durch das Wahlergebnis in den USA noch in uns. Heute Abend werden wir in den Nachrichten zwei weitere Wahlausgänge gemeldet bekommen: Aus Italien und aus Österreich. Und wir fürchten: Es wird in beiden Fällen nicht gut ausgehen. Mit „gut“ meine ich in beiden Fällen die nicht–populistische Wahlmöglichkeit. Die nicht–angstgetriebene Wahlmöglichkeit. Die hat es schwer, denn das Grundgefühl unserer Zeit ist Angst.

Ich meine, das verbindet die verschiedenen populistischen Bewegungen unserer Zeit, dass sie angstgetrieben sind und zu Sammelbecken für angstgetriebene Menschen werden. Für diese Sicht sprechen

  • die massiven Feindbilder, mit denen Populisten Wähler mobilisieren,
  • die rational schwer nachvollziehbaren Verschwörungstheorien,
  • die hysterische Rhetorik und das aggressive Misstrauen gegen anders Denkende,
  • die konspirative Phantasie und die Resistenz gegen faktenbasierte Argumentation in politischen Auseinandersetzungen.

Der amerikanische Historiker Richard Hofstadter nennt das einen „paranoiden Politikstil“ — einen angstgetriebenen Politikstil — und ich meine, dass dieser Begriff taugt, um zu beschreiben, was wir zur Zeit erleben. Und was Menschen vor unserer Zeit erleben haben: Denn immer wieder in der Geschichte haben diese angstgetriebenen Bewegungen Menschen in ihren Bann gezogen. Zur Zeit Jesu sind es die Prediger der apokalyptischen Bewegungen, die Menschen um sich scharen. Vor denen warnt Jesus: „Lasst euch nicht von ihnen verführen!“ — d.h. fallt nicht herein auf die Grandiosität ihrer Selbstdarstellung.

Ein wohltuend nüchterner Ton durchzieht Jesu Rede: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht.“ — das heißt, seht genau hin auf die Kriegsschauplätze eurer Zeit und lasst euch nicht Angst machen. Ein klarer, analytischer Geist spricht sich in Jesu Worten aus: „Weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.“ — das heißt, weil die Achtung vor dem gottgegebenen Lebensrecht eines jeden Menschen verlorengeht, tritt kalter Zynismus an die Stelle von liebevoller Mitmenschlichkeit.

Unser Predigtabschnitt setzt sich auseinander mit der apokalyptischen Weltuntergangsstimmung zur Zeit Jesu. Vieles was diese Rede anspricht, ist blutige Realität: Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 nach Christus; die Kriege, die dort ausbrechen, wo die Kraft der niedergehenden Ordnungsmacht des römischen Reiches nicht mehr ausreichte; die Hungersnöte infolge dieser Kriege; die anti–religiöse Verfolgungsbewegung, unter der damals das entstehende Christentum zu leiden hatte. Und doch nimmt Jesu Rede die apokalyptische Weltuntergangsstimmung nicht auf: „Denn das muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende.“

„Denn das muss geschehen.“ — Warum das geschehen muss, das beantwortet auch Jesus nicht. Obwohl das doch die eigentlich quälende Frage ist! „Warum muss das geschehen?“ — diese Frage lässt Jesus unbeantwortet. Allenfalls gibt sein Satz: „Das alles aber ist der Anfang der Wehen“ einen Hinweis. Geburtswehen sind in der Bibel — anders als in unserem heutigen Sprachgebrauch — Zeichen einer von Gott entfremdeten Welt, Zeichen einer Menschheit, die das Paradies verloren hat: „Unter Schmerzen wirst Du Kinder gebären.“ Das wird Eva bei der Ausweisung aus dem Paradies nachgerufen (Gen 3,16).

Geburtswehen — in unserem heutigen Sprachgebrauch eher der verheißungsvolle Beginn neuen Lebens. Ich bin mir nicht sicher, ob Jesus das mit gemeint hat: „In all dem, was offensichtlich so gräßlich schief läuft, entsteht doch auch neues, hoffnungsvolles Leben.“

Aber darin bin ich mir sicher, dass Jesus nicht die apokalyptische Lust daran, dass alles den Bach runtergeht, predigt. Im Gegenteil: Diese angsteinflößenden Entwicklungen sind der Ort und die Zeit, für Gottes Wahrheit einzutreten: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker.“

Liebe Schwestern und Brüder, nicht der Angst nachgeben sondern für Gottes Wahrheit eintreten. Nicht die Liebe erkalten lassen, sondern Gottes Gerechtigkeit leben. Nicht die Nachrichten aus Syrien wegschalten, sondern genau hinsehen und uns in unserer Empathiefähigkeit ansprechen lassen. Das ist dran in dieser Adventszeit.

Ja, das ist tief verunsichernd. Und das ist verstörend. Die Versuchung ist groß und nur zu verständlich, auszuweichen ins Religiöse, in den Weihnachtsritualen Stabilität und Sicherheit zu suchen. Aber das hätte nichts mit Gott zu tun. Jedenfalls nicht mit dem Gott Jesu Christi. Der sagt nicht „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“ sondern „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht.“

Plätzchen backen ist in Ordnung, Adventslieder singen tut gut, die Kerzen am Adventskranz anzünden und einen Weihnachtsbaum aussuchen auch. Und „Alle Jahre wieder“ ist und bleibt ein schönes Lied! Aber das musst du dabei wissen: Gott steht nicht für die Harmonie, die wir uns selber schaffen. Gott steht für Heil. Und der Friede Christi, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsere Liebe.

Amen.

 


Predigtlied EG 20,1–4: „Das Volk, das noch im Finstern wandelt.“

— Predigt zu Matthäus 24,1–14 am Zweiten Advent, 4. Dezember 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki.

 


Reisepastor der Gemeinde