KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue.

4. Mose 23,19

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Hebräer 1,3

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Predigt zu Markus 1,32–39 am 19. Sonntag nach Trinitatis, 
22. Oktober 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Markus 1,32–39 am 19. Sonntag nach Trinitatis, 
22. Oktober 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Ich bin ein freier Mensch. Gott sei Dank. Und deshalb werde ich schuldig. Gott sei Dank. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Mit jeder Entscheidung, die ich treffe. Auf dem Weg, den ich gehe, diesem Weg, den wir Leben nennen, da muss ich Entscheidungen treffen. Das Leben geschieht mir ja nicht einfach so. Ich muss immer wieder sagen, wo es lang geht. Mit mir, mit den Beziehungen, in denen ich lebe. Jede Entscheidung ist geprägt von den ungezählten Möglichkeiten, die ich habe. Bis hin zur radikalsten aller Möglichkeiten: Alles hier sein zu lassen und neu anzufangen. Von dieser Möglichkeit spricht die Bibel immer wieder. In dem Augenblick, an dem ich mich für eine Möglichkeit entscheide, fallen alle anderen Möglichkeiten aus. Und mit ihnen die Menschen, denen ich dort, auf diesen Wegen begegnet wäre. Und auch all das Notwendige, Richtige, Gute, das ich dort, auf all den anderen Wegen, hätte tun können.

Die Bibel ist ein unheimlich realistisches Buch. Weil sie das Leben beschreibt, wie es ist. Und weil sie von Gott ganz realistisch, menschlich spricht. Ich liebe die Bibel deshalb, weil sie mir immer wieder die Augen öffnet und mir in aller Klarheit vor Augen stellt, was Leben heißt.

Der heutige Predigttext hat dies in der letzten Woche für mich auf besondere Weise getan. Er hat mir die Augen geöffnet. Der Text aus dem Anfang des Markusevangeliums erzählt von einem Aufbruch, einem Neuanfang, fast unscheinbar. Ich lese aus dem ersten Kapitel des Markusevangeliums.

32  Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie 
zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele 
Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. 
Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, 
dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und 
trieb die Dämonen aus.

Was ist der Job von Jesus? Warum ist er auf die Welt gekommen? Dieser gute Mensch, Gottes Sohn. Ganz Gott und ganz Mensch. Er ist gekommen, um die Welt zu retten. Das sagt die Bibel, das sagt die Theologie und die Kirche. Aber, was in aller Namen heißt das eigentlich: In Jesus ist die Welt gerettet? Und was heißt das für uns.

Jesus rettet die Menschen. Ganz konkret wird davon berichtet in unserer Geschichte: Kaum war die Sonne untergegangen, kaum war der Sabbat, der Heilige Tag vorbei, da brachten sie zu ihm alle Kranken und Beladenen des Ortes. Und Jesus, so wird erzählt, heilte sie alle. Die ganze Nacht durch hatte er zu tun. Und es ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt: „Dort, in dieses Haus, da müsst ihr gehen. Dort werden euch eure Leiden genommen. Dort bei ihm, Jesus, da werdet ihr ein neues Leben finden.“ Jesus heilt die Menschen. Das ist sein Job als Sohn Gottes. Als der, der Gottes Reich in dieser Welt aufrichtet. Dass er Menschen ganz konkret aus ihrem Elend hinausführt. Gott ist plötzlich nicht nur ein himmlisches Wesen, der wie an unsichtbaren Fäden die Welt lenkt. Nein, Gott ist plötzlich da in menschlicher Gestalt. Mensch unter Menschen. Als ein solcher heilt er. In der Begegnung von Mensch zu Mensch. Alles ist also gut. Gottes Reich wird sichtbar. Jesus erledigt seinen Job.

Aber schon nach einer Nacht, nach wenigen Stunden, da überlegt er es sich anders. Da scheint es ihm zu viel zu werden „Lasst uns anderswo hin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige.“ Was ist der Job von Jesus? Er hätte doch bleiben können, wo er ist. Er hätte doch da, an seinem Ort, die Menschen heilen können. Arbeit hätte er genug. Die Menschen wären gekommen, so wie sie in der ersten Nacht gekommen sind. Der Ruf hätte sich verbreitet und von überall her wären sie gekommen. Aber schon nach kurzer Zeit macht sich Jesus auf den Weg an einen neuen, einen fremden Ort, um dort, wie er sagt, zu predigen. Geht es also gar nicht um Heilung? Geht es ihm um die Predigt? Will er doch nur reden und nichts tun? Ist ihm das Predigen tatsächlich wichtiger als das Heilen?

Natürlich nicht, Jesus weiß, dass seine Aufgabe ist, beides miteinander zu verbinden. Predigen heißt für Jesus: Die Verkündigung von Gottes Reich. Übersetzt für uns: In Jesus kommt Gott in unser Leben. Hier und Jetzt. Das erleben die Menschen, damals wie heute. Gott, die Wahrheit des Lebens, erscheint in diesem Zimmermannssohn aus Nazareth. In einem ganz normalen Menschen. Sie erscheint in seinen Heilungen, in seinen Taten für die Menschen. Und sie erscheint in seinen Worten. Beides gehört zusammen. Tat und Wort. Was wäre aus dem Christentum geworden, wenn sich Jesus, seiner außergewöhnlichen heilenden Kräfte bewusst, gleich im ersten Dorf, in dem er gebraucht wird, niedergelassen hätte? Wenn er wie ein guter Arzt seine Praxis eingerichtet hätte und die Menschen wären zu ihm gekommen?

Vielen hätte er geholfen. Ja, vielleicht hätte er sogar zu seiner Zeit mehr Menschen geholfen und mehr Menschen geheilt. Aber sein Weg ist ein anderer. Er bricht auf von dem Ort, an dem er gebraucht wird und geht hinein ins Unbekannte. Und mit diesem Weg beginnt sein Weg hinauf nach Jerusalem. Der Weg, der ihn schließlich zum Kreuz führen wird und in den Morgen der Auferstehung hinein. Dieser Weg liegt vor ihm.

Und der Weg beginnt mit einem Aufbruch. Das Erstaunliche an diesem Aufbruch, so wie er im Markusevangelium, dem ältesten Evangelium beschrieben ist, ist seine Plötzlichkeit. Eigentlich war Jesus doch genau dort, wo er hingehörte. Er war da, wo Menschen ihn brauchten, er war dort, wo er seine Kraft weitergeben konnte. Er war dort, wo die Menschen erleben konnten: Von diesem Menschen Jesus von Nazareth geht etwas Besonderes aus. Und: Hier und jetzt wurde er gebraucht. Ich finde das eigentlich unglaublich, was Jesus hier tut: Er wendet sich von den Menschen ab, die ihn brauchen. Man muss sich das einmal bildlich vorstellen: Da ist der ganze Ort in Aufruhr: All die Menschen, die nach Hilfe suchen, endlich haben sie jemanden gefunden, der ihnen ihre Last abnehmen kann. Und was macht Jesus? Er zieht sich zurück. Sucht eine einsame Stätte und betet. Er zieht sich zurück. Und noch schlimmer: Er kehrt gar nicht mehr zurück an den Ort, wo doch so viele auf ihn warten. Er macht sich noch im Morgengrauen auf den Weg zu einem neuen Ort. Was wird er in denen, die auf ihn noch immer warten, jetzt wo die Sonne wieder aufgeht, auslösen. Wie viel Enttäuschung wird er hinterlassen. Und wieviel ganz konkrete Not. Denn dort sind ja noch die, die leiden. Die, die jetzt nicht mehr geheilt werden von ihrer Krankheit. Jesus kehrt ihnen den Rücken zu.

Der Schlüssel zu diesem Text, so glaube ich, liegt in diesem Aufbruch. In diesem auch unbarmherzigen Aufbruch Jesu zu einem fremden Ort. Jesus lässt die zurück, die ihn brauchen und wendet sich dem Fremden zu. Er nimmt, dass finde ich das erstaunlichste an unserem heutigen Text, er nimmt Schuld auf sich, um sich dem Neuen zuzuwenden. Auf doppelte Weise verstehe ich diesen Aufbruch: Zum einen handelt Jesus hier als Gottes Sohn. Als derjenige, der erst im Kreuz von Jerusalem und in der Auferstehung am Ostermorgen zum Ziel findet. Erst hier wird er zum Heil für die ganze Welt. Auch für uns. Auch deshalb muss er sich auf den Weg machen. Aber er handelt hier eben auch als Mensch, der, weil er Mensch ist, nicht schuldlos bleiben kann. Will er sich dem Neuen zuwenden, muss er das Alte zurücklassen. Im Wissen um die, die sich nach Heilung sehnen, muss er sie zurücklassen und sich den Anderen zuwenden.

Wir haben in den letzten Tagen einen Brief aus Deutschland bekommen. Eine alte Freundin von uns berichtet darin von ihrer Trennung von ihrem Mann. Drei Kinder, alle unter zehn Jahre alt, haben die beiden. Aber es geht nicht mehr, nach Jahren der Auseinandersetzung, die man von außen kaum mitbekommen hat, hat sie gesagt, es geht nicht mehr. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt. Gerade versuchen sie eine Regelung mit den Kindern hinzubekommen. Und sie schreibt darüber, wie es ist, als Mutter die Familie zu verlassen. Was man sich da anhören muss. Wie viele laut geäußerte oder stumme Vorwürfe plötzlich im Raum stehen: „Das kannst du doch nicht machen! Denk doch mal an deine Kinder!“ Ja, das tut sie ganz gewiss. Aber sie hat sich entschieden. Und die Eltern werden in allem einen Weg finden, es für die Kinder so erträglich zu machen wie es geht. Aber es bleibt eine Schuld. Immer. Jedes Mal, wenn eine Beziehung zu Ende geht, und vor allem, wenn noch andere Menschen davon betroffen sind, dann bleibt eine Schuld. Weil unser Leben voranschreitet, weil wir nicht stehenbleiben können. Weil es den Zustand der vollkommenen Glückseligkeit nicht gibt. Nicht in diesem Leben. Weil wir voran müssen. Sowie Jesus voran muss nach Jerusalem. Und auf diesem Weg ziehen wir eine Spur des Gelingens und eine Spur der Schuld hinter uns her. Was wäre denn, wenn unsere Freundin diesen Schritt nicht gegangen wäre, wenn sie ausgehalten hätte, im ewigen Streit mit ihrem Mann gefangen? Wäre das der bessere Weg für die Kinder? Und wer bin ich, darüber zu urteilen?

Ich finde den heutigen Predigttext auf eine fast schon erschreckende Art und Weise tröstlich: Jesus ist ganz und gar Mensch. Ein besonderer Mensch sicherlich, einer, der besondere Begabungen und Kräfte in sich trägt. Aber für die Bibel, für die Menschen, die diese Geschichte erzählt und aufgeschrieben haben, ist nicht der heilende, wundertätige Jesus der entscheidende. Entscheidend ist, dass er, Jesus, Mensch und Gott in einem ist.

Und als Mensch kann er nicht anders als den Weg eines Menschen zu gehen: Sich zu entscheiden für einen Weg. Schritt für Schritt voranzugehen. Und in jedem Schritt voran Menschen zurückzulassen. Er wird, das wurde mir tatsächlich jetzt erst deutlich in diesem Text, auch Enttäuschungen und Wut zurückgelassen haben. Weil er ganz Mensch gewesen ist. Und weil wir als Menschen nicht anders können. Wir entscheiden uns. Und in jeder Entscheidung liegt auch das Zurücklassen von anderen Möglichkeiten, von all dem Guten, was wir hätten auch tun können. Aber wir können als Menschen eben mit dem Menschen Jesus unterwegs sein.

Das ist für mich der tiefe Trost des Textes. Wir können unser Gelingen und unsere Schuld mit seinem Gelingen und seinem Scheitern verbinden. Und wir können damit auf dem Weg sein, der über dieses Leben, über diesen ewigen Kampf zwischen unseren hellen Seiten und unseren Schattenseiten hinausweist. Dorthin, wo dieser Jesus uns das Leben schenkt. Seine Vergebung, sein Licht, seine Gnade. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde