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Predigt zu Markus 8, 31–38 am Sonntag Estomihi, 27. Februar 2022 in Helsinki und in Turku

Bild zur Predigt am 27. Februar 2022

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Schwestern und Brüder,

„Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden …“ — das war vor vielen Jahren mal ein Schlager und seitdem immer mal wieder ein Evergreen. Ein Lied, das ein unrealistisches, aber ungemein attraktives Versprechen macht, als gäbe es das: Liebe ohne Leiden.

Wir wissen, dass sich diese beiden Worte nicht aufeinander reimen. Zwischen diesen Worten liegt vielmehr eine intensive Spannung: Liebe — das Zauberwort überhaupt — Leiden — das Schreckenswort schlechthin. Das wäre schon paradiesisch, wenn es das gäbe „Liebe ohne Leiden“!
Das „Hohelied der Liebe“ haben wir eben in der Brieflesung gehört: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie duldet alles — die Liebe hört niemals auf.“

Und in der Evangeliumslesung steht diesem Lobpreis der Liebe die Leidensankündigung Jesu zur Seite: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ — der weiche dem Leiden nicht aus, sondern nehme es auf sich.
„Liebe“ und „Leiden“ sind die beiden bestimmenden Worte für diesen Sonntag vor der Passionszeit. Und sie meinen das genaue Gegenteil des Schlagerslogans: „Liebe ohne Leiden.“

Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs. Vom See Genezareth sind sie aufgebrochen, diesem See, der so friedvoll aussieht auf dem Titel unseres Liedblattes. Aber merkwürdig: Jesus wandert in Richtung Norden. Die Stationen, die Markus in den vorangehenden Abschnitten seines Evangeliums nennt, liegen alle nördlich vom See Genezareth und unser Predigttext ist in Cäsarea Philippi lokalisiert — weit, weit im Norden an den Jordanquellen, schon in Syrien. Jesus entfernt sich von dem Ort seiner Bestimmung. Und das ist eigenartig. Weicht er aus? Ist ihm der Boden selbst am friedvollen See Genezareth zu heiß geworden?

Es ist wie eine Zeit der Klärung, die Jesus dort an den Jordanquellen erlebt.
„Wer sagen die Leute eigentlich, dass ich sei?“ — so fragt er seine Jünger.
„Nun, einige halten Dich für Johannes den Täufer, andere für Elia, wieder andere halten dich für einen der Propheten.“
„Und ihr? Für wen haltet ihr mich?“
Und aus Petrus bricht es heraus: „Du bist der Christus!“

Welch eine Last von Erwartungen liegt da auf Jesus!

Johannes der Täufer war enthauptet worden. Elija war verfolgt und in einem feurigen Wagen in den Himmel entrückt worden. Anfeindung und Leid war das Schicksal vieler Propheten. So unrecht haben die Leute nicht mit ihren Mutmaßungen.

„Wisst ihr,“ so wendet sich Jesus an seine Jünger, „der Menschensohn muss viel leiden und verworfen und getötet werden, ehe er dann nach drei Tagen auferstehen wird.“

Dort im Norden fällt für Jesus die Entscheidung — eben nicht weiter weg zu gehen von dem Ort seiner Bestimmung, sondern umzukehren, sich wieder nach Süden zu wenden und den Weg nach Jerusalem einzuschlagen.

Dort im Norden fällt Jesus für sich die Entscheidung, dem Leiden nicht auszuweichen, dem absehbaren Leiden in Jerusalem.

Jesus entscheidet sich klar und bewußt für den Weg Johannes des Täufers und der Propheten — für den Weg des Leides. Und Jesus fordert seine Jünger auf, ihm auf diesem Weg zu folgen.

Das Markusevangelium fordert uns auf, Jesus auf diesem Weg zu folgen, dem Leiden nicht auszuweichen, es anzunehmen als etwas Notwendiges und Sinnvolles.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist die Zumutung dieses Sonntages, dass wir an ihm aufgefordert werden, das Leid als etwas Sinnvolles und sogar Notwendiges anzunehmen. Eine Zumutung, weil es nicht in unsere Vorstellung von einem gelingenden Leben hineinzupassen scheint.

Leid gilt in unserer westlichen Welt als etwas unbedingt zu vermeidendes. Als Störung dessen, was wir uns unter einem gelingenden Leben vorstellen. Der polnische Philosoph Leszek Kołakowski hat die Lebensweise der westlichen Welt einmal als die „Kultur der Analgetica“ beschrieben — als eine Kultur der schmerzstillenden Mittel, auf der panischen Flucht vor allem, was Leid und Schmerz bedeuten könnte. Der Effekt ist eine Narkotisierung des Lebens, die unsere Gemeinschaft als Menschen zerstört.

Kołakowski macht auf einen Zusammenhang aufmerksam: Je unfähiger wir werden, das eigene Leiden zu ertragen, desto leichter fällt es uns, fremdes Leiden zu dulden.

Noch einmal: Je unfähiger wir werden, das eigene Leiden zu ertragen, desto leichter fällt es und, fremdes Leid zu dulden, uns nicht darum zu bekümmern, es uns egal sein zu lassen.

Je weniger wir aus eigener Erfahrung wissen, wie Leid sich anfühlt, desto größer wird unsere eisige Toleranz gegenüber fremdem Leid.

„Das ist nicht mein Problem.“ — ein achselzuckender Satz der Distanzierung.

Ein Satz voller Apathie in einer apathischen Zeit. Ein mitleidloser Satz in einer leidensunfähigen Zeit.

Worauf es aber in der Nachfolge Jesu ankommt, ist nicht Apathie — nicht das Vermeiden von Leid, sondern Sympathie — die Fähigkeit zum Mitleiden.

So verstehe ich diesen schwierigen Satz Jesu: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Ich verstehe diesen so schwierigen Satz so: In der Nachfolge Jesu ist wichtiger als alles andere, dass wir fähig zum Mitleiden werden, zur Sympathie.

Darauf kommt es an, dass wir unser eigenes Leiden nicht verdrängen, nicht betäuben — sondern es wahrnehmen und annehmen und unser Leid anderen mitteilen können.

Und darauf kommt es an, dass wir vor fremdem Leid nicht die Augen verschließen, dass wir diesen schlimmen Satz: „Das ist nicht mein Problem“ aus unserem aktiven Sprachschatz ausschließen. Dass wir bereit werden, fremdes Leid mitzuempfinden und mitzutragen.

In der Nachfolge Jesu kommt es darauf an, dass wir zu einer Gemeinschaft werden, in der Leid geteilt und gemeinsam getragen wird.

Und Nachfolge — das heißt ja, dass Jesus uns darin vorangegangen ist. Jesus ist dem Leiden nicht ausgewichen. Ganz offen spricht er von dem Leiden, dem er entgegengeht.

Petrus nimmt ihn beiseite — versucht ihm einzureden, dass er das Leiden doch umgehen könne. Jesus wehrt ihn ab: „Geh mir aus den Augen, Staaten, Du meinst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist.“

Jesus weht die Versuchung ab, die wir so gut kennen: dem Leid aus dem Weg zu gehen, den schmerzfreien Weg zu suchen.

Jesus geht den Weg durch das Leiden, weil das der einzige Weg ist, Leiden zu überwinden. Auf diesem Weg sollen wir ihm nachfolgen. Es geht um die Überwindung des Leides. Das ist das Ziel, das uns die Bibel vor Augen stellt: Gott wird abwischen alle Tränen und kein Schmerz wird mehr sein, kein Leid und kein Klagegeschrei.

Zu diesem Ziel gibt es keinen Weg am Leiden vorbei. Zu diesem Ziel kommen wir nur, wenn wir Leid gemeinsam tragen. und wir können diesen Weg gehen aus der Kraft der Liebe, denn:

„Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns nicht „Liebe ohne Leiden“. Was ich uns wünsche, sagt ein Gedicht von Jörg Zink:

Ich wünsche dir nicht
ein Leben ohne Entbehrung
ein Leben ohne Schmerz,
ein Leben ohne Störung.
Was solltest du tun
mit einem solchen Leben?

Ich wünsche dir aber,
dass du bewahrt sein mögest
an Leib und Seele,
dass dich einer trägt und schützt
und dich durch alles,
was dir geschieht, deinem Ziel entgegenführt.

Amen.

 

 

 


— Predigt zu Markus 8, 31–38 am Sonntag Estomihi von Pastor Hans–Christian Beutel 
am 27. Februar 2022 in der Deutschen Kirche in Helsinki, und in der Scharfschützenkapelle im Dom zu Turku.


Reisepastor der Gemeinde