KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 50 532 1975‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Die Tageslosung

Die diesjärige Datei mit den Losungen konnte nicht gefunden werden. Weitere Infos in der ReadMe.md des Plugins.


Predigt zu 5. Mose 30, 11–14 am 18. Sonntag nach Trinitatis, 
dem 11. Oktober 2020 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu 5. Mose 30, 11–14 am 18. Sonntag nach Trinitatis, 
dem 11. Oktober 2020 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im 5. Buch Mose im 11. Kapitel:

„Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Könnt ihr euch an die ersten Worte erinnern, die zu euch gesprochen wurden? Vermutlich nicht. Es wäre jedenfalls sehr erstaunlich. Aber ich schätze mal, es waren Worte der Mutter oder des Vaters, die euch sahen, kurz nach der Geburt — Und die zu euch sagten: Mein Schatz. Ich liebe dich. Schön, dass du da bist. Könnt ihr euch vorstellen, wie oft ihr diese liebevollen Worte gehört habt, bevor ihr erst so richtig verstehen konntet, was sie bedeuten? Da haben sie sich schon lange in euer Herz gearbeitet. Ich liebe dich.

Wenn eine Mutter, ein Vater diese Worte zu seinem Kind spricht, so und ganz ähnlich Tag für Tag immer und immer wieder, dann werden diese Worte das wachsende Herz, das heranwachsende Leben tragen. Ich liebe dich. Es sind nicht nur einfach Worte. Worte die einen Tatsache beschreiben. Und die man dann im Kopf verarbeitet. Und die man dann verstehen kann oder eben auch nicht. „Ich liebe dich“ sind Worte, die einen Menschen formen. Ein Kind, dass diese Worte hört, hunderte Mal in den ersten Jahren seines Lebens. Das wird ein vollkommen anderer Mensch sein, als ein Kind, das diese Worte nicht gehört hat. Ich liebe dich sind Worte, die nicht nur im Moment das Herz weit machen und einen Menschen glücklich, sondern es sind Worte, die einen Menschen formen. Sie wachsen in einen Menschen hinein. Und das gilt nicht nur bei einem neugeborenen Menschen. Das gilt immer. Wir werden zu anderen Menschen, wenn wir geliebt werden.

Gott ist das Wort. Ständig ist davon in der Bibel die Rede. Hier, im fünften Buch Mose, da rückt das Wort Gott, Gott, der das Wort ist, ganz nahe an den Menschen heran.

„Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Ich bin zu diesem Menschen hier geworden durch die Worte, die zu mir gesprochen wurden. Durch die Worte, die durch mich hindurchgingen in den Jahrzehnten. Gott ist das Wort. Das lebendige Wort, dass uns ins Leben ruft.

Bevor wir geboren wurden, haben wir schon gehört. Worte der Mutter, Klänge, Töne, die uns erreichten. Lange bevor wir die ersten Worte sprachen, haben wir schon gehört. Gott ist das Wort. Dieser Satz nimmt das auf. Mensch zu sein bedeutet, angesprochen zu sein. Herausgerufen in die Welt. Angesprochen als ein geliebtes Wesen.

Ich vergesse das oft, welche grundlegende Bedeutung es hat, dass wir sprechende Wesen sind. Geschöpfe, denen Gott Worte, Sprache gegeben hat. Sprache, mit denen ich Welten baue, die mehr sind als das Offensichtliche. Worte, die mich mitnehmen in eine andere Welt. Eine Welt, die nicht offen vor Augen liegt, sondern die hinter den Dingen liegt. Eine Welt, die nicht diesen Raum hier braucht und nicht diese Zeit, sondern die überall und ewig sein kann. Die Bibel weiß von Anfang an davon, wie grundlegend Sprache ist für unser Dasein in der Welt. Gott ruft die Welt ins Leben. Aus dem Nichts erschafft er alles, was ist. Indem er spricht. Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. So wird es dann später der Evangelist Johannes auf den Punkt bringen. Gott selbst ist das Wort. Und in Jesus Christus wird dieses Wort lebendig. Vor aller Zeit.

Die Welt ist nicht einfach so da. Die Welt ist durch die Worte, mit denen sie uns erreicht. Gott ist nicht einfach so da. Auch Gott ist nur in den Worten, in denen er uns erreicht. Das ist mit diesem merkwürdigen Satz gemeint: „Das Wort ist gang nahe bei dir.“ Gott ist nicht außerhalb der Worte, in denen er zu uns kommt. In einer Welt, in der wir Wörter im Überfluss haben, da wird vielleicht auch dieser Gott überflüssig. Und unser Gehör wird stumpf für das eine Wort, dass unser Leben ausmacht.

Wir leben in einer Flut von Worten. Neulich hörte ich die Zahl, dass ein Drittel von allem, was im 16. Jahrhundert auf der ganzen Welt gedruckt wurde, von Martin Luther geschrieben wurde. Unfassbar. Ich hatte dabei sofort den Raum in der Bibliothek in Marburg vor Augen, wo ich studierte. Der Raum, in dem die gesammelten Werke Luthers standen. Regalmeter um Regalmeter. Wie ein Mensch nur so viel schreiben konnte?! Bücher, Briefe, Predigten, Reden. Und dann dachte ich plötzlich: Moment, wenn ich mal alles sammeln würde, was ich so in den Jahren geschrieben habe, alle Texte, E–Mails, Briefe. Alle SMS und WhatsApp–Nachrichten. Dann sehe das vielleicht ganz ähnlich aus wie bei Martin Luther. Nicht die Qualität, sicher nicht. Aber die Quantität.

Und wenn das jeder und jede von uns machen würde. Einmal sammeln, was wir alles so geschrieben haben in den Jahren unseres Lebens. Wie viele Kilometer an Papier würden da zusammenkommen? Wir schreiben und schreiben und reden und reden. Und in dieser Flut der Worte verliert die Sprache ihren Wert. Ganz unmerklich. Was gilt in all den Worten noch ein Wort?

Da kann ein Präsident heute das und morgen das genaue Gegenteil behaupten. Da kann ich heute eine Nachricht schreiben an meine Konfirmanden, an die sich schon in zwei Tagen keiner mehr erinnern kann. Kannst du dich noch dran erinnern, von wem du in der letzten Woche alles eine E–Mail, eine WhatsApp–Nachricht oder eine SMS bekommen hast? Nie und nimmer könnte ich das. Schon im Blick auf gestern kann ich das nicht. Wie fühlt es sich dagegen an, einen Liebesbrief aus der Schublade zu ziehen, den ich vor Jahrzehnten einmal bekommen habe. Da öffnet sich doch eine ganze Welt, oder nicht?

Versteht mich nicht falsch, ich will hier nicht rumjammern. Nicht wehmütig an eine vermeintlich bessere alte Zeit erinnern. Ich bin sehr dankbar für die vielen vielen Möglichkeiten, die wir heute haben, miteinander in Kontakt zu sein. Schnell und problemlos. Ich will nur fragen, was mit dem Wert eines Wortes passiert ist, wenn wir in dieser Flut der Worte leben.

Und ich kann nur ehrlich draufschauen und sehen: In meiner Welt ist der Wert der Worte verloren gegangen. Wie schwer kann es da sein, an einen Gott zu glauben, der auf ein Wort hin die ganze Welt erschafft. Alles, was da ist. Den Raum und die Zeit. Und ich bin mitten hineingerufen in diese Welt. In der Taufe bin ich mit seinem Namen genannt. Christus. Das eine lebendige Wort Gottes. Wie soll ich denn in der Flut all dieser Worte dieses eine Wort noch hören und es als das nehmen, was es ist: Das eine und entscheidende Wort meines Lebens. Anfang und Ende der Welt und meines Lebens.

Wie wertvoll sind die Worte der Mutter, des Vaters, die sie, die er seinem Kind zusagt. Wie wertvoll jedes einzelne Wort der Liebe, mit dem das Kind hineingeliebt wird in diese Welt. Angesprochen, angenommen. Das Herz formt sich hinein in die Liebe der Welt, der Mensch wird durch das, was ihm zugesprochen wird. Und er bleibt immer weiter angewiesen auf diese Ansprache. Auf die Zusage: Du darfst sein. „Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Aus dem Hören wird ein Sprechen. Ein Formen der Worte und der Sprache. Und in der eigenen Sprache schafft der Mensch im Gegenüber zum Anderen, im Miteinander mit dem Anderen die Welt. „Dass du es tust.“ Ich werde vom Hörenden zu dem, der das Wort Gottes tut. Der das Wort Gottes lebt. Wir sind die, die als Christen das lebendige Wort, das Christus ist, hineinleben, hineinlieben in diese Welt. Unser Leben ist geformt aus dem lebendigen Wort Gottes. Wir sind mehr als nur die, die irgendwelche Worte daherreden. Das lebendige Wort geht durch uns hindurch.

Und am Ende werden wir die Welt geformt haben. Durch unsere Sprache, die unser Sein ist. Die auch unser Schweigen ist. Nach all dem Gesagten, nach all den Tausenden von Worten, die wir geschrieben, gesagt, dahergeredet haben. Da werden wir wieder zurückgehen in das Schweigen, in das letzte Hören. Und am Ende, wie oft habe ich das erlebt, werden wir vielleicht noch daliegen, kurz vor dem Hinübergehen. Und die letzten Worte, die wir noch sagen können, sind die Worte des Gebets, die Lieder, die aus der Tiefe der Seele noch singen. Das eine Wort ist dann wieder ganz nahe bei mir. Dann, in den letzten Stunden, vielleicht erst dann, wird jedes Wort wieder das Gewicht bekommen, dass es verdient. Und am Ende werden wir zurückgehen zu dem, der uns einmal ins Leben rief durch sein Wort. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 


— Predigt zu 5. Mose 30, 11–14 von Pastor Matti Fischer am 18. Sonntag nach Trinitatis, 
dem 11. Oktober 2020 in der Deutschen Kirche in Helsinki


Hauptpastor der Gemeinde