KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 50 532 1975‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Die Tageslosung

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht.«

Prediger 12,1

Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!

Johannes 1,45-46

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
Weitere Informationen finden Sie hier


Predigt zu Jeremia 14, 1–9 am 2. Sonntag nach Epiphanias, 
dem 19. Januar 2020 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Jeremia 14, 1–9 am 2. Sonntag nach Epiphanias, 
dem 19. Januar 2020 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Menschen wissen nicht mehr weiter. Die Felder verdorren. Jeden Tag hoffen sie, dass nun endlich wieder Regen fällt. Aber am Abend legen sie sich in die Betten. Wieder nichts. Kein Tropfen Wasser seit Wochen schon. Wie die Ernte in diesem Jahr ausfallen wird, können sie nur ahnen. Die Tiere leiden zunehmend unter der Dürre. Viele, die schon gestorben sind. Was kann man da noch tun?

Eine moderne Geschichte. Der Prophet Jeremia schreibt sie vor über 2300 Jahren an die Menschen in Juda und Israel. Es ist die Zeit der großen Dürre. Unser Predigttext für den heutigen Sonntag.

1  Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre:

2  Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor.

3
 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.

4
 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.

5
 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.

6
 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

7
 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.

8
 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?

9
 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Ich habe mir diesen Text nicht ausgesucht. Wie immer ist er uns vorgegeben. Aber die, die letzten Sonntag in der Kirche waren, werden es vielleicht gemerkt haben. Es geht um ein ganz brennendes Thema unserer Zeit. Es geht, wieder einmal, um Nachhaltigkeit. Unser Jahresthema für das Jahr 2020 in der Gemeinde. Letzte Woche am Sonntag haben wir das Themenjahr eröffnet. Im Mittelpunkt der Predigt stand die Jahreslosung.

Ich glaube — hilf meinem Unglauben.

Wie kann ich als einzelner und können wir als kleine Gemeinde im Angesicht der schier unglaublichen Bedrohung durch die Klima– und anderer Umweltkatastrophen hoffnungsfroh handeln? Nur, so die Spur der Predigt, in dem wir den Widerspruch aushalten, der in dem Satz steckt. Ich glaube — hilf meinem Unglauben. Der Satz, der ein Gebet ist. Wie bei jedem Gebet stellt sich der Beter mit leeren Händen vor Gott. Gott, dein Wille geschehe.

Auch in dem heutigen Predigttext steckt ein Gebet. Der Ausruf des Propheten an Gott ist ein Gebet. Herausgerufen aus der Verzweiflung der ausweglosen Situation. Das Land ist unter der großen Dürre gefangen. Das Leben ist an sein Ende gekommen. Pflanzen und Tiere sterben. Als nächstes ist der Mensch dran. Was soll da noch helfen? „Hilf doch um deines Namens willen“. Es ist Gott, der noch helfen kann. Sonst keiner mehr. Denn Gott war es auch, der die große Dürre über das Land brachte.

Wer trägt die Verantwortung an der Zerstörung von Gottes Schöpfung? Wer trägt die Verantwortung an der großen Dürre? Damals wie heute heißt die Antwort: Der Mensch. Damals, zur Zeit Jeremias, gingen die Menschen davon aus, dass die Naturkatastrophen die Strafe Gottes für menschliche Schuld sind. So erzählt es Jeremia: Gott schickte die große Dürre, weil die Menschen seinem Wort nicht gefolgt sind. Und heute?
Seit rund 20 Jahren gibt es in der naturwissenschaftlichen Forschung einen neuen Begriff: Das Anthropozän. Mit dem Wort Anthropozän bezeichnet man eine neue Epoche der Erdgeschichte, die dadurch geprägt ist, dass der Mensch, der Anthropus, zum wichtigsten Faktor der Entwicklung unseres Planeten geworden ist. Dieses Zeitalter beginnt um 1950. Eine Zeit, in der die Atombombe neu war, die Bevölkerung in einer ungekannten Geschwindigkeit anstieg und die Landwirtschaft zu einer umfassenden Veränderung der geologischen Struktur der Erde beitrug. Spätestens seit dieser Zeit ist nachweisbar, wie der Mensch die Natur im großen Maßstab verändert. Heute ist nahezu allen Menschen klar: Die großen Dürren, die schweren Brände, der ansteigende Meeresspiegel, das Aussterben der Arten: Das ist Menschenwerk. Gott können wir da aus dem Spiel lassen.

Wirklich, können wir da Gott aus dem Spiel lassen? Hat er mit all dem nichts zu tun? Der Glaube in Israel war damals eine anderer. Wir hören dort vom alten Glauben, der in vielen Religionen der Welt zu finden war und noch zu finden ist: Die Natur in ihrem Verlauf von Kommen und Gehen, von Zusammenbruch und Heilung ist Werk Gottes. Gott ist es, der Wind und Regen schenkt. Der die Sonne scheinen lässt und dafür sorgt, dass wir hier Mitte Januar noch immer keinen Schnee haben.

Im Laufe der Zeit haben wir uns von diesem Gott verabschiedet. Ich glaube nicht mehr an einen Gott, der oben im Himmel sitzt und wie ein Puppenspieler seine Bühne bespielt, je nachdem, ob wir hier Gutes oder Böses getan haben. Wir sind insofern ganz weit weg von den Menschen damals in Israel. Können wir dann mit so einem Text überhaupt noch etwas anfangen? Kann der uns überhaupt noch etwas sagen im Blick auf die gegenwärtigen Umweltkatastrophen? Wir können uns heute ja nicht hinstellen und den Leuten in Australien sagen: „Schaut auf die Feuer, die euer Land verwüsten. Das ist alles eine Strafe Gottes für die Schuld, die ihr euch aufgeladen habt.“

Und doch sind wir den Menschen damals zur Zeit Jeremias und damit auch diesem Text nahe. In zweierlei Hinsicht. Erstens im ohnmächtigen Blick gegenüber dem, was passiert. Die Dürre zieht über das Land. Die Pflanzen und Tiere verdursten. Und der Mensch kann erst einmal nichts dagegen ausrichten. Wenn ich an den letzten Sommer denke, an die langen Wochen, in denen es viel zu wenig geregnet hat, in denen die Bauern auf ihre staubigen Äcker schauten, auf die kümmerlichen Pflanzen, die dort wuchsen, dann erinnere ich mich an dieses Gefühl der Ohnmacht. Einer Ohnmacht gegenüber der Natur, von der wir doch dachten, wir hätten sie überwunden. War das nicht das große erfolgreiche Projekt der Moderne, dass der Mensch sich über die unvorhersehbaren Naturereignisse erhaben fühlte. Die Fluten und Dürren, die Erdbeben und Feuerstürme. Das hatten wir doch langsam aber sicher in den Griff bekommen.

Und nun das: Die Natur zeigt sich uns so, wie sie sich den Menschen in all den Jahrtausenden, auch zur Zeit Jeremias gezeigt hat: In den gewaltigen Naturereignissen begegnet uns das Fremde, das Unbeherrschbare, das Lebensbedrohliche. Natur ist nicht einfach der Raum, in dem wir unsere Freiheit ausleben können. Die Natur ist nicht nur der Lieferant für unsere Lebensmöglichkeiten. Das wussten die Menschen zu allen Zeiten und das erfahren wir auch in diesen Tagen. Das ist nicht wirklich neu.

Das zweite, was uns mit den Menschen damals zur Zeit Jeremias verbindet, ist die Gewissheit, dass uns die Not des Lebens zur Verantwortung ruft. Der Prophet reagiert auf eine durchaus vertraute Weise: Wenn die Natur um uns ihr gewaltsames, ihr bedrohliches Gesicht zeigt, dann muss das wohl etwas mit uns zu tun haben. Wir tragen eine Verantwortung gegenüber dem, was geschieht. Jeremia legt nicht die Hände in den Schoß und sagt sich: „Naja, nun hat uns Gott gestraft mit der großen Dürre, die uns erreicht. Nun hoffen wir mal, dass es vorbei ist.“ Sondern er wendet sich an Gott: Ach, Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen, dann hilf doch um deines Namens willen. Er betet.

Ora et labora. Betet und arbeitet. Das ist ein alter Grundsatz des Ordens der Benediktiner. Ein Mönchs– und Nonnenorden, gegründet im Mittelalter, der sich die Verbindung zwischen dem Gebet und der tätigen Arbeit zur Aufgabe gemacht hat. Die tätige, die tägliche Arbeit ist auf das Gebet angewiesen und umgekehrt. Ohne meine Arbeit wäre mein Gebet Heuchelei. Ohne das Gebet wäre meine Arbeit ziellos. Im Blick auf die anstehenden Aufgaben im Zeichen der Klimakatastrophe heißt das: Ich will meine tägliche Arbeit dafür tun, dass es mit dieser Erde nicht den Bach runtergeht. Ich will mich demütig und konzentriert an die Arbeit machen. Wissend, dass es nicht an mir liegt, ob das große Ganze gelingt oder nicht. Das Ziel ist viel zu groß, als dass ich allein, als dass wir allein auch nur einen spürbaren Beitrag leisten könnten. Und gerade deshalb müssen wir uns an die Arbeit machen. Jeden Tag aufs Neue.

Dietrich Bonhoeffer hat den benediktinischen Grundsatz Ora et labora — Betet und arbeitet im Zwanzigsten Jahrhundert neu formuliert. Er schrieb:

„Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“

Beten und Tun des Gerechten. Mehr braucht es nicht. Und genau das ist so schwer. Weil wir meinen zu glauben und dann doch alles Heil, alle Gerechtigkeit auf der Welt von uns selbst erwarten. Und dann werden wir wieder bitter enttäuscht, weil unsere Kraft, unser Reichweite so begrenzt ist.

Das Notwendige Tun. Davon spricht Bonhoeffer. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Ich könnte mich hier jetzt hinsetzen und sofort 15 Ideen aufschreiben, was wir alles tun müssten, damit die Welt besser würde. Und dann schaue ich auf den Zettel und denke: O lieber Gott, das ist ja vielzuvielzuviel, dass schaffe ich alles nicht. Dann nehme ich meine Chipstüte, setze mich vor den Fernseher und versuche zu vergessen. Könnte ich machen. Und mache ich auch oft genug.

Was stattdessen gefragt ist: Im Angesicht der Katastrophe nüchtern bleiben. Das tun, was möglich ist. Das Getane und den ganzen Rest im Gebet in Gottes Hände legen. Und mit beidem, mit dem Tun und mit dem Beten, Gott dienen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt zu Markus 9, 24 am 1. Sonntag nach Epiphanias, dem 12. Januar 2020 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.

 


Hauptpastor der Gemeinde