KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

Psalm 98,2

Als Barnabas und Paulus in Antiochia angekommen waren und die Gemeinde versammelt hatten, berichteten sie, was Gott alles durch sie getan und dass er allen Völkern die Tür zum Glauben aufgetan habe.

Apostelgeschichte 14,27

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Predigt zu Jesaja 61,1–3(4.9)10.11 am 2. Sonntag nach 
dem Christfest, dem 5. Januar 2020 in der Deutschen Kirche 
in Helsinki

Predigt zu Jesaja 61,1–3(4.9)10.11 am 2. Sonntag nach 
dem Christfest, dem 5. Januar 2020 in der Deutschen Kirche 
in Helsinki

In diesen Tagen am Anfang des Jahres da werden wir ja überflutet mit Anregungen, wie wir unser Leben leben sollten, damit das Jahr gut wird. Tipps und Tricks für ein neues Jahr. Oder besser noch: So gelingt das neue Jahrzehnt! Und wir selber sind ja meist auch gut darin, die ToDo–Liste für den Neuanfang richtig vollzuschreiben. Da stehen vielleicht so Klassiker drauf wie: Mehr Sport, weniger Schokolade. Oder vielleicht mal was Neues, so wie: Einfach mal mit sich zufrieden sein.

So oder so. Ob die Stimmen nun von außen kommen oder aus unserem Inneren. Es geht am Anfang eines Jahres oft um Selbstoptimierung. Was kann ich tun, damit mein Leben oder vielleicht sogar diese Welt besser wird.

Da helfen klare Worte, die anders an die Sache rangehen. Worte, die sagen: Liebe Leute, der neue Anfang wird gut. Und es liegt gar nicht in erster Linie an euch. Der Prophet Jesaja findet solche klaren frischen Worte des Neuanfangs. [ Lesung Predigttext ]

1  Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;

2  zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden,

3  zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

10  Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.

11  Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.

Das Jahr in unserer Kirche fängt mit diesen Worten an. Mit dieser frischen Zusage: „Ich bringe euch gute Botschaft. Es wird gut.” Was für ein erfrischender, mutmachender Neuanfang, der den Menschen damals in Jerusalem, den Zurückgekehrten aus dem Exil in Babylonien, zugesprochen wurde.

Und es gibt in der Bibel noch einen, der mit diesen Worten einen Neuanfang wagt.

Interessanterweise sind diese Verse aus dem Jesajabuch die ersten Worte, die Jesus öffentlich verkündet. So erzählt es der Evangelist Lukas. Als junger Erwachsener taucht dieser Jesus plötzlich in seiner Heimatstadt Nazareth auf. Am Sabbat geht er wie üblich in die Synagoge. Und wie es dort üblich war, duften man die Bibel nehmen, einen Abschnitt vorlesen und ihn auslegen. Dieser junge Typ, den bisher noch wenige kannten, nimmt sich nun also das Buch, schlägt es scheinbar an einer beliebigen Stelle auf und beginnt zu lesen: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir!“ und „Ich bin gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen.“ Er liest zwei, drei Sätze vor. Dann setzt sich Jesus wieder hin und sagt noch ganz lässig: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt.“ Und er meint damit nichts Andres als: Durch mich, Jesus, Sohn Gottes, gehen diese hoffnungsvollen Worte in Erfüllung. Durch mich werden die Gefangenen frei, die Blinden sehend. Durch mich tritt das Gnadenjahr des Herrn in Kraft.

Durch Jesus werden die Worte der Hoffnung leibhaftig. Sie werden sichtbar in der Welt. Wir sind ja noch mitten drin in der Weihnachtszeit, auch wenn man das am Anfang des Jahres immer schon ein bisschen vergessen hat. Aber wir sind noch drin im Weihnachtswunder. Gott wird Mensch. Das Wort ward Fleisch. Im Menschen Jesus von Nazareth wird das wahr, was Jesaja verheißen hat: Die Blinden werden sehend, die Gefangenen frei. Das gilt. Heil und Gerechtigkeit für die Welt. Das sind so riesige Worte. Sie sind so riesig und undurchdringbar, dass es einen Menschen, einen einfachen Menschen, ein Kind braucht, um es zu begreifen. In ihm liegt das Heil der Welt. Und in der Begegnung von Mensch zu Mensch, in dem, was wir Liebe nennen, kommt das Heil, kommt Gott, immer und immer wieder auf diese Welt.

Die beiden Texte des Propheten Jesaja und des Evangelisten Lukas zeigen: Wir leben in einer doppelten Perspektive. Zum einen sind wir das Volk Israel. Auch. Das Volk zurückgekehrt aus dem Exil, wieder neu in der zerstörten Heimat. Wir sind die, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wir sind die, die auf eine Welt schauen, unsere Welt, hier und heute, die immer bedroht ist, die immer vor der Zerstörung steht. Immer auch in Trümmern. Wir sind ein Teil dieser Welt, in der es die Blinden gibt, die Armen, die Gefangenen. Die sind ja da. Neben uns. Nachbarn. Brüder und Schwestern. Und manchmal sind wir es auch selbst. Wir sind die, die die Worte Jesajas brauchen. Es wird die Zeit kommen, da wird das vorbei sie. Es wird die Zeit kommen, da wird es gut sein. Im Kleinen wie im Großen. Ich könnte gar nicht leben, wenn ich nicht diese Hoffnung hätte. Jeden Morgen. Immer weder aufstehen, anziehen, raus ins Leben mit so einem Satz im Herzen: Siehe, es wird gut. Das Heil, die Gerechtigkeit, das Gute wird kommen. Ich könnte gar nicht leben ohne diese klare Zusage.

Das ist die eine Perspektive, die eine Blickrichtung. Und durch Jesus kommt eine neue hinzu. Denn durch ihn ist diese Hoffnung schon erfüllt. Da kann ich morgens aufstehen und muss nicht nur im Blick voraus sagen: irgendwann einmal wird es gut. Sondern ich kann zurückschauen und sagen: Es ist schon gut, weil Jesus schon da ist. Geboren, gelebt, gestorben, auferstanden. Alles schon vollzogen. Alles schon erfüllt. Auch wenn die Welt in Trümmern liegt. Immer wieder. Auch wenn das Grauen kein Ende nimmt, das Menschen anderen Menschen zufügen. Auch wenn die Welt noch lange nicht so ist, wie sie sein könnte. Aber mit Jesus steckt in dieser Welt etwas drin, tief in ihr verwurzelt, ein für alle Mal, etwas das bleibt. Liebe. Die Kraft, die die Blinden sehend, die Gefangenen frei macht. Die Worte der Hoffnung sind schon Worte der Erfüllung.
Am Ende des Predigttextes findet der Prophet Jesaja selber Worte und Bilder, die diese Kraft Gottes noch einmal ganz nah an den Menschen heranrücken. Er spricht von dem Kleid des Heils, das wir anziehen dürfen, von dem Mantel der Gerechtigkeit. Das Heil ist etwas, das ich überstreifen kann wie ein Kleidungsstück. Gott selber ist wie ein Mantel, in den ich hineinschlüpfen kann. Eine zweite Haut. Nicht meine erste. Nicht die angeborene. Nicht die, die mir von Natur aus gegeben ist. Sondern Gott tritt von außen an mich heran. Und er öffnet den Mantel: „Hier, schau, schlüpfe hinein.“ Lass die anderen reden am Anfang des Jahres. Lass sie wieder kommen mit ihren alten Verlockungen und Verführungen: „Wecke den Tiger in dir! In dir liegt die Kraft. Du kannst alles, was du willst. Du musst es dir nur zutrauen.“ Lass sie kommen, aber folge ihnen nicht. Denn da ist ein Heil, dass dir schon gegeben ist. Da ist ein Leben, dass schon bereitliegt, das du dir nicht erst erkämpfen musst. Schlüpfe hinein, zieh es an. Es liegt schon fertig bereitet.

Vor ein paar Tagen, das Jahr war noch ganz frisch, da fuhr ich über die Autobahn in Hessen. Kasseler Berge. Es war ein kalter Tag, überall auf den Bäumen war Raureif, der Morgennebel verzog sich langsam, in den Bäumen und auf den Feldern hielt er sich noch. Aber die Sonne kam heraus. Alles glitzerte. Meine Familie schlief. Im Radio kamen die neusten Nachrichten aus dem Iran. Es wird dort immer ernster. Die Autobahn war voll, tausende Autos, zehntausende, die sich über die Straßen quälten. Nicht nur in Deutschland. Überall. Millionen. Ich saß in unserem VW–Bus. Zehn Jahre alt. Hundsmiserable CO2–Bilanz. Ich war hellwach, hörte und sah, wie es zuging in der Welt.

Und ich war glücklich. Ich war so tief erfüllt von einem Glück, von diesem unbeschreiblich tiefen Glück, leben zu dürfen. Es war kein zynisches Gefühl. Überhaupt nicht. Es war nicht dieses Gefühl: „Ach, soll die Welt doch den Bach runtergehen, Hauptsache mir geht es gut. Ich hab eine klasse Auto und meine Familie ist gesund.“ Nein, überhaupt nicht. Es war eine tiefe Gewissheit, das beides gleichzeitig sein darf. Das Unglück und das Glück. Die Bedrohung und die Freude am Leben. Diese Gewissheit, dass man das nicht gegeneinander aufrechnen darf.

Ich habe so eine Ahnung, das Jesaja von dieser Gewissheit spricht. Hundsmiserabel ging es dem Volk Israel. Noch nichts war zu sehen von dem Glück, das ihnen versprochen wurde. Aber Jesaja schmettert dieser Tatsache ein lautes Trotzdem entgegen: Das Glück ist noch nicht sichtbar. Trotzdem wird es kommen. Trotzdem dürft ihr hoffen. Trotzdem ist Leben möglich. Und wenn wir die Hoffnung aufgebeben, wenn wir diese Gewissheit aufgeben, dass diese Welt zum Guten gemacht ist, dann geben wir alles auf.

In welchen Mantel willst Du in diesem Jahr schlüpfen? In den schwarzen, schweren. Der dich am laufen und tanzen hindert. In diesen Mantel der heißt: Es geht doch eh alles den Bach runter. Oder willst du dich in den anderen Mantel kleiden. In den hellen leichten. In den Mantel, der dich beweglich hält. Wach für die Welt. Der Mantel der heißt: Es wird gut. Trotz allem. Der heißt „Gottes Heil — Jesus Christus“. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Amen.

 

 


— Predigt Jesaja 61,1–3(4.9)10.11 4, 4–7 am 2. Sonntag nach dem Christfest, dem 5. Januar 2020 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.

 


Hauptpastor der Gemeinde