KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Weil dein Herz weich geworden ist und du dich gedemütigt hast vor Gott, so habe ich dich auch erhört, spricht der HERR.

2. Chronik 34,27

Paulus schreibt: Ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.

1. Korinther 15,9-10

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Predigt zu Lukas, 6, 35–42 am 4. Sonntag nach Trinitatis, dem 14. Juli 2019 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Lukas, 6, 35–42 am 4. Sonntag nach Trinitatis, dem 14. Juli 2019 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Liebe Schwestern und Brüder,

in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, war ein Erholungsheim für blinde Menschen. Im Erdgeschoß ein Verlag und eine Druckerei für Literatur in Blindenschrift — und in den Gästezimmern im Obergeschoß wohnten blinde Menschen mit ihren Familien — für zwei oder drei Urlaubswochen, und in den Ferien gab es Familienfreizeiten für Blinde. An viele von ihnen erinnere ich mich sehr gut — z. B. an eine Familie, die regelmäßig in den Sommerferien kam:

Die Eltern beide vollblind — ihre kleine Tochter sehend. Woran ich mich noch immer fasziniert erinnere, ist Folgendes: Natürlich war es den Eltern wichtig, dass ihre Tochter Kleidung trug, die auch farblich zusammen passte. Und dafür hatte sich die Mutter ein System ausgedacht: Wenn sie ein Kleidungsstück kaufte, hat sie sich im Laden die Farbe beschreiben lassen. Zuhause stickte sie dann auf das Waschetikett das Blindenschriftzeichen für einen Ton — sie hat sich buchstäblich Farbtöne vorgestellt und wenn sie Kleidungsstücke kombinierte, dann hat sie sich die als Klänge vergegenwärtigt: Wie sich in der Musik Töne zu Klangharmonien zusammenfügen, so gab es eben auch Farbharmonien.

Wir haben eben in der Evangeliumslesung einen Satz gehört, der mit einer unterstellten Hilflosigkeit argumentiert: „Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“ Gewiss, in unbekanntem Gelände und an ungesicherten Baugruben kann das gefährlich werden. Aber so generalisiert hilflos habe ich Blinde einfach nicht erlebt. Ich habe dagegen erlebt, wie blinde Menschen ihren Alltag mit oft faszinierenden Ideen bewältigt und sich eben auch gegenseitig unterstützt haben. „Kann ein Blinder einem Blinden Orientierung und Unterstützung geben?“ Yes, they can!

Mir hat diese Erfahrung geholfen, mir den Text unseres Evangeliums zu erschließen:

Vom Umgang mit dem Nächsten

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Gott segne uns durch sein Wort!

Liebe Schwestern und Brüder,

könnte es sein, dass ein barmherziger Umgang mit unserem Mitmenschen damit beginnt, dass wir barmherzig auf die Vorurteile schauen, die wir in uns tragen? Vorurteile, die uns helfen uns schnell zurecht zu finden — und in der Tat wird uns in dem beschleunigten Takt, in dem unsere Gesellschaft funktioniert, ja einiges an rascher Orientierung abverlangt. Für ein genaues Hinschauen, ein überlegtes und abgewogenes Agieren bleibt uns meistens zu wenig Zeit und innere Ruhe. Deshalb reduzieren wir Menschen, mit denen wir es zu tun bekommen, auf scheinbar Naheliegendes: einen blinden Menschen auf die fehlende Sehkraft, einen lauten Menschen auf eine offensichtlich fehlende Sensibilität, einen erfolgreichen, durchsetzungsfähigen Menschen auf eine latente Rücksichtslosigkeit…

 

Das ist ein effektives Orientierungswissen. Es hilft uns, in dem raschen Takt unseres Alltags schnell die geforderten Einordnungen und Entscheidungen zu treffen. Aber es ist auch ein beschränkendes Orientierungswissen — eines, das eine spezifische Blindheit erzeugt. Wer darauf trainiert ist Menschen schnell einzuordnen, der oder die wird blind für den konkreten Menschen, der oder die wird eher Gruppen sehen als einzelne Menschen: die Blinden, die Lauten, die Rücksichtslosen.

Der Mangel an Zeit für ein sorgfältiges und genaues Eingehen auf Menschen ist ein Problem unserer Generationen. Die Menschen, denen Jesus sein Gleichnis erzählt hat, hatten andere Probleme: die lebten in einer Gesellschaft, die von strikten ideologischen Festlegungen geprägt war und die brauchten ein Orientierungswissen, um sich zwischen den Ideologien hindurchzufinden:

  • Wer mit einem Römer auch nur sprach, war ein Kollaborateur – und nichts anders mehr als ein Kollaborateur.
  • Wer oft in die Synagoge ging und sich ernsthaft in die Heilige Schrift vertiefte, war ein Pharisäer und wurde reduziert auf pharisäische Selbstgerechtigkeit.
  • Wer den Dialekt Galiläas sprach, war ungebildet und nicht vertrauenswürdig.
  • Sind wir so weit ab davon?
  • Erzeugt bei uns eine sächsische Dialektfärbung nicht leicht einen Pegidaverdacht?
  • Ordnen wir eine Argumentation mit Bibelstellen nicht schnell einer evangelikalen Frömmigkeit zu?
  • Löst ein öffentlich getragenes Kopftuch in uns nicht reflexartig den Gedanken an einen Islam mit problematischem Verhältnis zur westlichen Moderne aus?

„Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ Was Jesus hier sagt, braucht Übung. Nimm Dir vor, Dich darin zu üben.

Nimm Dir vor, auf Deine Vorurteile zu achten und Dir Dein schnelles Orientierungswissen bewußt zu machen. Das kann im raschen Takt des Alltags und im ideologisch aufgeheizten gesellschaftlichen Klima manchmal sperrig werden. Aber du wirst lernen Menschen zu sehen statt Gruppen. Und das wirst Du als Bereicherung erleben. Du wirst dabei eine Empfangende, ein Empfangender sein: „Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben.“

Nimm Dir vor, barmherzig zu urteilen, sorgfältig und abgewogen und um Verstehen bemüht. Das kann anstrengend werden. Aber auch bereichernd: Du schöpfst Hoffnung wenn Du Menschen nicht nur reduziert auf das wahrnimmst, was sie vordergründig ausmacht. Wenn Du Menschen differenziert wahrnimmst, wirst Du unweigerlich anfangen, sie zu mögen — vielleicht sogar sie zu lieben.

Nimm Dir vor nicht zu verdammen, den Stab nicht zu brechen über einem Menschen. Was weißt Du denn wirklich von ihm oder ihr?! Kein Heiliger ist ohne Vergangenheit. Kein Mistkerl ist ohne Zukunft. So wie Du den einen verklärst und den anderen verdammst, wirkt das zurück auf Dich. Die Idealisierungen setzen Dich unter Druck — die Verdammungen machen Dich gefühlskalt und hart und selbstgerecht. Ist es das, war Dir gut tut?

Kantig und hart wie ein Balken ist das Orientierungswissen unserer Vorurteile. Wer sich das aus dem Auge ziehen lässt, der tappt erst mal im Dunkeln. Die Operation ist nicht ohne Schmerz und Verunsicherung. Diese Operation ist aber auch nicht ohne Chance und Gewinn:
So wie das harte und verdammende Urteil über einen Mitmenschen auf Dich zurückwirkt und dich hart, kalt und selbstgerecht werden lässt, so wirkt eben auch der barmherzige und einfühlsame Gedanke an einen Mitmenschen auf Dich zurück: er lässt Dich weicher, teilnehmender, offener und empfänglicher werden — das sind nichts weniger als die Voraussetzungen des Glücks!

Wahrhaftig: „Eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“

Amen.

 

 


— Predigt zu Lukas, 6, 35–42 am 4. Sonntag nach Trinitatis, dem 14. Juli 2019 von Pastor Hans–Christian Beutel in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Reisepastor der Gemeinde