KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dir helfe.

Jeremia 30,11

Paulus schreibt: Bei meinem ersten Verhör stand mir niemand bei, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich.

2. Timotheus 4,16-17

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Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, dem 7. Juli 2019 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, dem 7. Juli 2019 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Der Predigttext für den heutigen 3. Sonntag nach Trinitatis: 1. Timotheus 1, 12–17.

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. 15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Zu Tausenden treten die Menschen heutzutage aus der Kirche aus. Nur noch ein Bruchteil der Kinder wird getauft. Nur noch weniger als die Hälfte der Paare im Großraum Helsinki lassen sich kirchlich trauen (40 %). Dem Nationalen Zentrum für Statistik in Finnland zufolge lag vor drei Jahren (2016) der Scheidungsquotient der Erstehen bei 69 Prozent [ Quelle: Statistics Finland, Tilastokeskus: Number of marriages contracted decreased slightly, 20.4.2016 ]. Die Anzahl der dringlich und schnell (kiireellisesti) von den Behörden für den Kinderschutz in Finnland in Gewahrsam genommenen Kinder hat sich in zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Insgesamt waren im ganzen Lande fast 20 000 Kinder (genau 18 544) zu deren eigenem Schutz außerhalb ihrer Familien untergebracht — eine finstere Rekordzahl in den fast dreißig Jahren der statistischen Erfassung in Finnland (seit 1991), eine Rekordzahl, bei der hinter jeder einzelnen Ziffer ein Menschengesicht mit Kinderaugen leidet [ Fakten: Yle Uutiset: Itä-Suomessa otetaan huostaan enemmän lapsia kuin Länsi-Suomessa – tutkimusprofessori: „Jokaisen numeron takana on lapsi”, 7.6.2019 ]. Daraus kann gefolgert werden, dass es den Familien mit Kindern hier in Finnland noch nie so schlecht gegangen ist.

Da ist mir kürzlich die Dogmatik einer neuen Religion zu geflattert: Es ist ein sechzehnseitiges Heftchen mit dem Namen der neuen Religion ilove me. Dabei wird das englische Wort für ‘ich’ klein geschrieben und an die Liebe angeklebt, agglutiniert, um damit unterschwellig zu zeigen, dass es sich um etwas Modernes, Intelligentes und Erstrebenswertes handelt. Unter dem etwas modifizierten und modernisierten Motto der alten finnischen Erweckungsbewegung der Erweckten (Heränneet), deren Motto lautete „Tule sellaisena kuin olet“ — „Komm so wie du bist“, werden heute Menschen eingeladen „Tule sellaiseksi kuin olet“ — „Werde, was du bist“ zu einem Ereignis, einer Messe des „totalen Wohlbefindens“ unter dem Namen I love me. Da kommen mir in den Sinn Selbstsucht, Ichbezogenheit, Egoismus, Narzissmus, Egozentrik. Aber „Sprudelnde Energie“ wird versprochen unter Gesundheitspflege, Wellness, Kosmetik und Schönheitspflege, Stilkunde und Mode. Selbstliebe oder Eigenliebe wird thematisiert und an die erste Stelle gesetzt, und das, was man ist, ist nicht etwa eine Daseinsqualität, in der man sich befindet, also keine existenzielle Befindlichkeit, sondern eine idealistisch in weite Ferne gesetzte Zielvorstellung, die es zu erreichen gilt mit den von jener neuen Religion propagierten und in der Broschüre auf den letzten aufgeschlagenen Seiten angebotenen Kupons für alle möglichen Dinge mit Bildern voller glücklicher, junger, gesunder und modischer Menschen. Es raunt nicht mehr, es flüstert auch nicht, sondern es schreit: „Kauf mich, dann wirst du, was du bist!“. Das ist also als würde einem Esel eine Möhre vorgehalten, der dieser nachzulaufen und den Karren zu ziehen habe. Die Praxis jener neuen Religion lässt also die Menschen im neuen Glauben der Selbstliebe um das goldene Kalb des eigenen Ich tänzeln. Für Kinder ist in dieser neuen Religion kein Platz. Diese Broschüre erwähnt Kinder mit keinem Wort, und auf dem hier abgedruckten Messeplan gibt es nicht einmal eine Spielecke oder ein Kinderzimmer.

Dieser Ansatz jener neuen Religion wirkt auch auf das Christentumsverständnis zurück. Das zeigt sich beispielsweise im Verständnis des Doppelgebots der Liebe, bei dem man hübsch modern und modisch davon ausgeht, dass man zuerst sich selber lieben müsse, bevor man andere lieben könne, man müsse erst zu dem werden, was man ist, bevor man andern helfen könne. Das ist eine narzisstisch bornierte Auslegung, denn die Formulierung „wie dich selber“ hat gleichnishaften Beispielcharakter: wenn du Durst hast trinkst du; dürstet deinen Nächsten weißt du aus eigener Erfahrung was es bedeutet, Durst zu haben und wie sich der anfühlt und wirkt: also gib ihm zu trinken, wie dir selber. So wie man sein eigenes Leben erhält, so soll man auch das des Nächsten versorgen und pflegen. Da hätte ja der barmherzige Samariter vor seiner Hilfeleistung erst diese Messe ilove me besuchen müssen, um zu werden, was er ist. Man sollte für das rechte Verständnis des Liebesgebotes die Probe aufs Exempel anhand der Mutterliebe machen. Wenn diese erstrangig zu Selbstliebe wird, nimmt es nicht Wunder, wenn so viele Kinder dringend schutzbedürftig sind und von den Behörden in Gewahrsam genommenen werden müssen. Ich hab das selber als Pfleger sozialgeschädigter Berliner Kinder erlebt, die wegen der lebensbedrohenden Gefährdung durch ihren engsten Sozialbereich in einem Heim 500 Kilometer entfernt von Berlin aufwachsen mussten. Mutterliebe und narzisstisches „I love me“ sind tatsächlich inkommensurabel: nicht miteinander in Einklang zu bringen.

Heutzutage gehört es sich nicht mehr, vor dem Essen ein Tischgebet zu sprechen und für die Speise zu danken sowie diese zu segnen. Nein, denn heutzutage muss man mit dem Handy erst ein Bild von seiner Mahlzeit machen und das ins Facebook stellen, um allen Nachfolgern zu zeigen, was für ein tolles Ego man hat, wo man so etwas Modisches, Schönes und Gesundes zu sich nimmt. Dafür erwartet man als transzendentale Glückseligkeit möglichst viele erhobene Daumen also Likes von seinen Followers zu bekommen, wie man so modisch auf Neudeutsch sagt. Das läuft also gut im Fahrwasser jener modernen neuen Religion, deren neue Transzendenz der angestrebte Beifall der vielen Nachfolger bildet. Bei diesem Jagen nach erhobenen Daumen merken die meisten gar nicht, dass sie selber zu Däumlingen werden, die nicht über den Tellerrand blicken können, Bagatellen verewigen und eudämonistischen Gefühlen nachjagen, bei dem das eigene Glück als Sinnerfüllung des menschlichen Daseins gesehen wird: goldene Nabelschau.

Jene neue Religion hat keinen Platz für Versager, keinen Kübel für Sünde, braucht keine Erlösung, da man ja selber zu dem werden kann, was und wer man ist. Man erlöst sich halt selber. An den dargestellten verheerenden Begleiterscheinungen dieser neuen Religiosität mit ihrer eudämonistischen Transzendenz als Glückseligkeitserwartung und deren katastrophalen Folgen hab ich mich nun genug ausgelassen. Nun will ich mich dem Apostel Paulus zuwenden.

Paulus schildert sich selber als „der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war“. Er sieht sich also als Versager, Loser und als ein aus bewusster Missachtung gegen die göttliche und menschliche Ordnung Verstoßender. Er selber hätte aus nur eigener Kraft und nur mit Bordmitteln immer munter so weiter gehandelt und die Anhänger jener damals neuen Religion frisch und herzhaft belästigt, ans Messer geliefert und auch noch für andere als nur Stephanus zu dessen Steinigung die Kleider gehalten. Darin sieht er sich gar als Sünder mit Goldmedaille: „unter denen ich der erste bin“, also ein in sich selber hoffnungsloser Fall. Er konnte sich nicht selber beim Schopf packen und aus dem Morast ziehen. Das musste ein anderer tun. Der mit hasserfüllter Emsigkeit wohlgeschierte Wagen musste von einem Stärkeren von außen gebremst und umgekippt werden. Der Herr Jesus stellte sich ihm in den Weg, warf ihn vom Pferd, machte ihn blind und senkte einen wohl epileptischen „Pfahl in sein Fleisch“, mit dem er ihn lebenslänglich demütigte (2. Korinther 12, 7). Damit nahm der Herr ihn in seinen Dienst, wofür im griechischen Urtext das Wort διακονία steht: Dienst als Dienen am Nächsten nach dessen Bedürftigkeit und nicht nach Maßgabe der eigenen Selbstliebe. Das bezeichnet Paulus als „empfangene Barmherzigkeit“, durch die er seinen Unglauben und seine Unwissenheit erkannte. 

Die Gnade unseres Herrn wurde an ihm überreichlich, überquellend, und nahm jenen ehemaligen Versager in Dienst. „Unser“ bedeutet, dass der ehemalige Verfolger der Christenheit kein Außenseiter mehr ist. Glaube und Liebe bilden die Kanäle oder Werkzeuge (μετά) der Gnade  also unverdiente und unverdienbare Gnade fließt durch Glaube und Liebe. Und woher kommen Glaube und Liebe? Es sind keine von Paulus selber hervorgebrachten Gefühlszustände, die irgendwie selbstsüchtigen, ichbezogenen, egoistischen, narzisstischen oder egozentrischen Charakter hätten oder produzieren würden. Nein, sondern diese sind christozentrisch: beide werden vom Urtext als ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ bezeichnet, das heißt in Christus Jesus, in der Gemeinschaft mit ihm, in dem von ihm konstituierten neuen Lebensverhältnis, in dem an selber in Christus lebt und dieser in dem neuen Menschen (Galater 5, 20). In und durch Glaube und Liebe lebt man also nicht mehr sich selber und tänzelt nicht mehr um das goldene Kalb des eigenen Ich, sondern es ist das fremde Leben des auferstandenen Christus im Menschen. Es gibt viele Beispiele dafür, wie durch die Begegnung mit dem lebenden Christus aus dem neuen rechten Glauben rechte Liebe quillt. Ich hab das hier schon früher erzählt und tue das noch immer: Vor einigen Jahren legte die frisch gekürte Miss Finnland, die den Traum einer jeden jungen Frau erreicht hatte, ihre Krone nieder, um statt all der vielfotografierten Auftritte und Verpflichtungen des gekrönten Jahres ihre schwerkranke Mutter zu pflegen. Da begegnete sie dem auferstandenen und lebendigen Herrn Jesus Christus am Krankenbett in den Niederungen des Lebens und stieg von ihrer einsamen Höhe herab in den Dienst der aufopfernden Liebe. Darin bewahrheitet es sich immer wieder, was der Apostel Paulus uns als ein Lebensmotto mit schön gemalten Buchstaben an die Wand hängt: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.

Wir singen nun gleich ein Adventslied, in dem Jochen Klepper von der Hoffnung singt in der Finsternis jener damals neuen Religion der Herrenrasse, auf deren Altären im Holocaust die Nichtarier, vor allem die Juden geopfert wurden, dem Klepper mit seiner Familie selber zum Opfer wurde. Diese Hoffnung liegt nicht in den Bordmitteln des Menschen selber, sondern im gottgeschenkten neuen Tag. Klepper singt realistisch: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschen Leid und Schuld“. Auch wir meinen, mit unseren modernen technischen Mitteln und maximaler sozialer Vernetzung immer mehr ins Licht zu gelangen, und fallen doch so leicht allen möglichen flötenden Rattenfängern zum Opfer, die uns zu Däumlingen des eigenen Lebens machen. Unsere Schuld ist geschehen in Adams Fall, und darum fallen wir immer wieder und werden schuldig. Es ist — so Jochen Klepper — der Stern der Gotteshuld, auf den wir immer wieder schauen dürfen und müssen, in dessen Licht uns kein Dunkel mehr hält. Und in diesem Dunkel des Menschen will Gott wohnen und wohnt in seinem Sohn, unserem Heiland unter uns und in uns. Das ist unsere Hoffnung! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne, in Ewigkeit.

Amen.

 

 


— Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, dem 7. Juli 2019 von Pastor Hans–Christian Daniel in der Deutschen Kirche in Helsinki; Lied EG 16: “Die Nacht ist vorgedrungen”.