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Ich will dich preisen und deinen Ruhm besingen unter den Völkern.

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Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.

Apostelgeschichte 4,20

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Predigt zum Epheserbrief 1, 3–14 am Sonntag Trinitatis, 
dem 27. Mai 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zum Epheserbrief 1, 3–14 am Sonntag Trinitatis, 
dem 27. Mai 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Damals, als wir klein waren, wollte mein großer Bruder immer alle ganz genau wissen. So fragte er unsere Mutter: „Frauke, unsere kleine Schwester, ist ein kleines Mädchen, nicht wahr?“ — „Ja“, antwortete Mutter, „Frauke ist ein kleines Mädchen.“ So fragte Thomas weiter: „Und Käthe, die Haushaltshilfe, ist die ein großes Mädchen?“— „Nein“, antwortete Mutter, „Käthe ist ein junges Mädchen.“ „Warum?“ fragte der wohl Vierjährige sofort. — „Wenn eine weibliche Person volljährig ist, ist sie ein junges Mädchen, oder man nennt sie Fräulein.“ — „Bist du auch ein Fräulein?“ fragte der Wissbegierige weiter. — „Nein,“ entgegnete Mutter, „ich bin eine Frau.“ „Warum?“ wollte mein Bruder sofort wissen. Mutter erläuterte: „Wenn ich verheiratet bin und nun auch Kinder habe, bin ich eine Frau.“ Ich stand dabei, und das war mir alles viel zu hoch. Darum lief ich damals wohl knapp Dreijähriger kurzerhand hin, umarmte Mutter und stieß heraus: „Du bist Mutter!“ Das genügte mir. Liebe empfangen und Liebe geben: das strukturiert dem kleinen Menschen die komplexe Begriffswelt wohl am allerbesten.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief im ersten Kapitel (1,3–14), wo der Apostel Paulus aus dem Gefängnis (3,1) schreibt:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. 4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; 5 er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. 7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, 8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. 9 Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, 10 um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn. 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, 12 damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. 13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung — in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, 14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.

Im griechischen Urtext ist dieser ganze Text eine einzige Satzperiode mit 199 Wörtern und 21 Nebensätzen; in der deutschen Übersetzung sind darin 254 Wörter in sechs Sätze und 28 Relativsätze aufgeteilt. Paulus schreibt also quasi ohne Atem zu holen emotional betroffen und involviert. Er ist so überwältigt von dem Gegenstand, den er lobend darstellt, als wolle er aus dem Gefängnis hinlaufen und durch die Gitter und Ketten allen Verstehens und Begreifens hindurch den dreieinigen Gott umarmen: Du bist Gott! Das tut er mit einem Hymnus, den er wohl in einem der vielen griechisch sprachigen Gottesdienste seiner vielen Gemeinden seines großen Missionsgebietes aufgegabelt und als Zettelchen im Gepäck mit dabeihatte. Nun sitzt er wahrscheinlich in Rom im Gefängnis und singt das Lied seinen fernen Christenbrüdern.

Im Neuen Testament gibt es keine dogmatisch fundierte oder philosophisch–theologisch ausgebaute Trinitätslehre, sondern nur einzelne Aussagen darüber, dass Gott sich in drei Personen offenbart: als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Erst die altkirchlichen Denker, die man ‚Kirchenväter‘ nennt, haben zumeist im vierten Jahrhundert die Lehre über die Dreiheit in der Einheit Gottes hauptsächlich anhand der griechischen ontologischen, also das Sein und Wesen des Menschen und des Kosmos durchdringenden, Begrifflichkeit und Philosophie darzustellen versucht. Diese Denkanstöße sind in der Kirchengeschichte weitergegeben und in verschiedenem Maße aufgenommen worden. Zum Beispiel in Luthers Sicht war die Trinitätslehre viel zu philosophisch und abstrakt, so dass er sich daran gehalten hat, allerhöchstens einige Ansätze der Kirchenväter zu zitieren, nicht aber weiterzuentwickeln. Er sagt in seiner Vorlesung über die Genesis:

Wir lehren und glauben nicht allein, dass ein Gott ist, sondern auch, dass er in ganz einfältiger Einfältigkeit (simplicissima simplicitate) und in ganz einiger Einigkeit (unissima unitate) ist: wir trennen diese drei nicht voneinander, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. Wir machen nicht unterschiedliche Götter, sondern glauben, dass in rechter Einigkeit ein einiger und einfältiger Gott sei (unissime unum et simplicissimum Deum credimus). Ja, möchte irgendeiner sagen: ich verstehe das nicht! Antworte: Das ist recht, du sollst es auch nicht verstehen.
(WA 43, 479, 5–10)

Beispielsweise in Luthers Kleinem und Großen Katechismus, die beide wesentlicher Bestandteil unseres heutigen lutherischen Bekenntnisses sind, gibt es keine Lehre über die Dreifaltigkeit Gottes. Luther begnügt sich damit, kindlich und schlicht darzustellen, was Gott der Vater als Schöpfer und Erhalter „mir“ — also dem Einzelmenschen — getan hat und täglich noch tut, dass der Sohn, also der Heiland, „sei mein Herr“, und dass „ich“ — also wieder jedweder Mensch in seiner existenzialen Grundsituation — ohne den Heiligen Geist „nicht an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann“. Luther verankert also das Wesen des dreieinigen Gottes als Wirken fest in die Existenz jedes einzelnen Christen: Seht, das ist und tut der dreieinige Gott für dich!

So geht auch schon in unserem Predigttext der Apostel Paulus die heilige Trinität an. Er philosophiert und spekuliert nicht, sondern lobt — obgleich allein inhaftiert — mit und in der Gemeinschaft der Gemeinde — er schreibt ja in der ersten Person im Plural. Er lobt Gott den „Vater unseres Herrn Jesus Christus“, weil der „uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus“. Der himmlische Segen wird Wirklichkeit, geistliche Wirklichkeit, die durch Christus vermittelt, also weitergeleitet wird. Christus ist also der Heilsvermittler: Durch ihn haben wir, was der Vater und Schöpfer uns gibt. Die Unmittelbarkeit wird durch den Heiland vermittelt zu einem Haben unter dem Kreuz, eine Habe, die man niemals besitzen kann, wie zum Beispiel das Leben durch Christus kein Besitz des Menschen ist, sondern Leihgabe, die stets abgerufen werden kann, Leben unter dem Kreuz. So ist der erste Grundsatz der Trinität: Gott segnet uns; wir haben den Segen von Gott. Der zweite Grundsatz der Trinität ist: Wir empfangen den Segen durch Christus. Das macht jenen Segen so ganz anders als die Welt ihn erhofft, und es gibt dabei keinen täglichen Lottogewinn, Weltfrieden oder ewige Gesundheit, sondern ein Christenleben unter dem Kreuz und im Schatten des Todes aber im Glauben an die Vergebung der Sünde durch Christi Blut und mit ihm in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten.

Dieses Leben unter dem Kreuz wird in dem von Paulus zitierten Lied in zwei ethische Grundsätze gefasst, die zum rechten Leben verhelfen: dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe und damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben. Für solch ein Leben bekommen wir immer wieder Anregungen und Leitlinien, heute besonders durch das Ordenskreuz, der Johanniter. Die Kreuzform erinnert an den Opfertod Christi. Die acht Spitzen weisen auf die acht Seligpreisungen der Bergpredigt hin. Jeder der vier Balken des Kreuzes steht für eine Kardinaltugend (Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Mäßigung). Die Ordensregel hat als Grundlage den „Doppelauftrag“ des Ordens als Bekenntnis zu Jesus Christus und der Evangelischen Kirche sowie den Dienst am Nächsten. Die Ordensregel des Johanniterordens verpflichtet alle Mitglieder. Sie gibt keine Einzelanweisungen für die Lebensordnung, sondern versteht sich als Leitlinie für Haltung und Handeln der Mitglieder. Die wichtigsten Pflichten im Orden sind das Bemühen um den christlichen Glauben, die Stärkung der Bruderschaft und das Einbringen der eigenen Kräfte und Fähigkeiten in die heutige Gesellschaft. Das geschieht am sichtbarsten in der Johanniter–Unfall–Hilfe, die sich der christlichen Nächstenliebe verpflichtet hat. Als ein Werk des Johanniterordens sieht sie sich durch die Nöte und Gefahren der Menschen in unserer Zeit herausgefordert. Die Hilfe von Mensch zu Mensch bildet das zentrale Motiv der Johanniter. So bekommen wir wunderbare Beispiele dafür, was es heute bedeutet, dass wir heilig und untadelig vor den dreifaltigen Gott sein sollten in der Liebe und damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben.

In der Haft stimmt der Apostel Paulus seinen Gotteshymnus an, dessen Kehrreim das sich zwölfmal wiederholende „in Christus“, oder „in ihm“ oder „in dem Geliebten“ bildet. Also Paulus fügt dem trinitarischen Grundsatz des „durch Christus“ einen zweiten, geschichtlich erfahrenen hinzu, nämlich „in Christus“. „In ihm“ erfolgte die Erwählung zur Liebe und zur Kindschaft Gottes: Die Menschheit wurde also durch Christus von Gott adoptiert und begnadigt. „In Christus“, „in dem Geliebten“ wird das, was in der Himmelswelt Wirklichkeit ist, auf der Welt unter den Christen im Glauben zur neuen Wirklichkeit. Die Segensfülle der Himmelswelten, wird „in Christus“ hier sichtbare, greifbare, erfahrbare geschichtliche Wirklichkeit, an der der Christ im Glauben Anteil bekommt. Diese Wirklichkeit beinhaltet die Adoption in die Kindschaft Gottes, die Sündenvergebung als Aufhebung des Tadels, die Erwählung zur Liebe Gottes, die Begnadigung in Christus. Damit wird der Mensch berufen zur und beschenkt mit „aller Weisheit und Klugheit“, die im griechischen Kulturkreis so wichtige Faktoren der Geisteswelt bildeten. Auch die heutige Welt fragt nach dem Verstand und der Vernunft. Am Beispiel der Johanniter–Unfall–Hilfe zeigt sich besonders gut, wie man als Christ mit „Weisheit und Klugheit“ dem armen und bedrängten Menschen helfen kann, denn die setzen an besonders schwierigen Stellen sogar Hubschrauber zur Erstversorgung und zum Transport von Kranken ein.

Gott in Christus „hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens“, dem alle anderen nur nachspekulieren konnten. Damit ist die Zeit reif, zur Fülle gekommen, das Warten auf den Messias zu Ende und die Weltgeschichte zu einem Zielpunkt gekommen, den Paulus im Gefängnis in völliger Geistesfreiheit, also einer „in und durch Christus“ geschenkten Freiheit unter dem Kreuz erblickt und erfasst: „auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn“. Der beachtliche französische Philosoph und Paläontologe Teilhard de Jardin sieht Christus als den Zielpunkt Omega, auf den alles hinausläuft und in dem alles zusammengefasst wird, wie Paulus hier sagt. Wir haben hier also eine besonders wichtige Bibelstelle vor uns.

Der Glaube ist immer ein Neuanfang, ein „Gläubig–Werden“, bei dem nicht das eigene Tun oder der eigene Wille entscheidend ist, sondern durch die Taufe „als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist“. Der Heilige Geist bewirkt in den Christen immer wieder, jeden Tag neu „dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit“. Damit beschließt der Apostel Paulus seinen Gotteshymnus dynamisch, indem er, der Häftling, seinen Briefempfängern zu einer trinitarisch verankerten neuen Freiheit der Christenmenschen verhilft.

Dafür begehen wir den Trinitatistag, dass wir kleinen Gotteskinder immer wieder die uns über den Verstand gehenden geistigen Dimensionen des Glaubens zurücklassen und — mit Luther — „in ganz einfältiger Einfältigkeit“ den in Christus und im Glauben anwesenden Gott durch den Heiligen Geist in Liebe umarmen und gleich jenem kleinen Jungen hervorstoßen: Du bist mein Gott! Das soll unseren Glauben auffrischen.

Amen.

 

 


— Predigt zum Sonntag Trinitatis, 27. Mai 2018 von Pastor Hans–Christian Daniel in der Deutschen Kirche in Helsinki.