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Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue.

4. Mose 23,19

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Hebräer 1,3

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Predigt zum 1. Korintherbrief 2, 12–16 am Pfingstsonntag, 
dem 20. Mai 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zum 1. Korintherbrief 2, 12–16 am Pfingstsonntag, 
dem 20. Mai 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth im 2. Kapitel.

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

Die deutsche Sprache ist eine schwierige Sprache. Ich weiß gar nicht, woher das kommt, aber gerade die Worte des Glaubens sind im Deutschen wahnsinnig missverständlich. Alleine das Wort Glauben! Wenn ich im Deutschen das Wort Glauben benutze, klingt sofort mit: Naja, wissen kann ich es eh nicht, muss ich es halt Glauben. Aber das Glauben im biblischen Sinne vor allem heißt, sich ganz und gar auf etwas zu verlassen, das kommt im Deutschen kaum zum Ausdruck. Oder das Wort, um das sich heute, am Pfingsttag alles dreht: Geist. Jeden Montag bin ich im Kindergarten, halte für die drei Gruppen jeweils eine kleine Andacht. Und jede Andacht endet ganz traditionell mit dem Segen. Verschiedene Segensworte spreche ich da. Oft eben auch die traditionellen Worte: „Gott segne dich, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Und fast jedes Mal kommt ganz spontan von den Kindern die Reaktion: „Huh, ein Geist“. Nein, nein, nein, mit so einem Geist hat der Geist Gottes, der Geist, den wir an Pfingsten feiern, nichts zu tun.

Die deutsche Sprache ist eine schwierige Sprache. Das Englische macht es in Bezug auf den Glauben ganz geschickt. Es verwendet für die wesentlichen Dinge unseres Glaubens verschiedene Worte. Für Glauben gibt es die Worte ‘Faith’ und ‘Believe’. Für den Himmel gibt es die Worte ‘Sky’ und ‘Heaven’. Und auch für den Geist hat das Englische zwei verschiedene Worte. Zum einen gibt es den ‘Ghost’, den herumspukenden Geist im Schloss der Geist, der die Kinder erschrecken lässt. Und dann gibt es eben auch den ‘Spirit’, die Kraft, die Energie, den Antrieb. Oder wie der Theologe Eberhard Jüngel den Geist Gottes beschreibt: Die Durchsetzungskraft Gottes. Das alles ist Spirit, nicht Ghost.

Heute, an Pfingsten, geht es also um diesen Geist, um den Spirit, um die Durchsetzungskraft Gottes. Wie setzt sich Gott durch in der Welt? Wie kann heute eigentlich dieser alte Name, diese uralte Vorstellung, Gott, eine Bedeutung haben in dieser durchgetakteten, materialistischen Welt? Es geht, das macht Paulus klar, um das Verstehen. Es geht darum, in allem, was in dieser Welt nicht zu verstehen ist, diese eine Kraft, diesen Spirit zu entdecken. Pfingsten ist das Wunder, das wir trotzdem verstehen können, was die Wahrheit dieses Lebens ist. Für die Menschen damals in Jerusalem, die das Pfingstwunder erlebten, wir haben gerade davon gehört, für sie bestand das Wunder ja nicht darin, das da plötzlich Feuer von den Decke kam und ein heftiger Sturm durch das Haus fegte. Das war alles beeindruckend, sicherlich. Das eigentliche Wunder an diesem Pfingsttag damals in Jerusalem war aber, dass die Menschen sich verstehen konnten. Das sie, die aus allen Ecken der damals bekannten Welt kamen, sich auf eine Art und Weise verstehen konnten, die ihnen neu war. Pfingsten ist das Wunder, das wir uns trotzdem verstehen können, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Und was wir da verstehen, ist Gott selber. Gott, der alles in allem ist.

Gott wird nur durch Gott verstanden. Gott kann nicht erklärt werden und dann sagt der andere: Ach ja, nun habe ich es kapiert, jetzt fange ich mal an zu glauben. Gott ist keine Maschine, für die es einen Bauplan gibt. Gott wird nur durch Gott verstanden. Und dieses Ereignis, dass ich plötzlich diese Flamme der Erkenntnis in mir spüre, diese unendliche Schönheit des Gedankens Gott, dieses Ereignis heißt Geist Gottes. Pfingsten. Erst recht, wenn ich das dann nicht nur für mich selber entdecke, sondern wenn ich mich in einer Gemeinschaft wiederfinde, die diese Flamme auch in sich trägt. Pfingsten ist, wenn wir als Gemeinschaft auf uns schauen, auf uns, auf diese Welt und auf diesen Christus und spüren: Krass, das ist also mein Leben: „Dieser Gott am Kreuz. Krass, dieser Menschen Jesus von Nazareth ist auferstanden, für mich und für diese Welt. Und das ist tatsächlich wahr.“ Das ist kein Satz, den ich erklären kann wie ein geschichtliches Ereignis. Weil es ein Satz des Glaubens ist. Und das heißt im Kern, dass es ein radikaler poetischer Satz ist.

Seit einigen Monaten gibt es in Deutschland eine heftige Diskussion um ein Gedicht. Erstaunlich, dass heute überhaupt noch über Gedichte gestritten wird. Es ist in diesem Fall ein Gedicht des Dichters Eugen Gomringer. Das Gedicht heißt Avenidas, ist schon in den 60er Jahren entstanden. In dem Gedicht geht es um Blumen und um Frauen und um einen Mann, der all dies beobachtet. Er wird Bewunderer genannt. Das Gedicht war bis vor kurzem auf der Fassade einer Kunsthochschule in Berlin zu lesen. Dann regte sich im letzten Jahr Widerstand der Mitarbeitenden und Studierenden der Hochschule. Sie sagten, das Gedicht sei sexistisch und müsste weg. Es gehe schließlich um die Frau als Objekt und den Mann, der sie betrachtet wie eine Blume. Ich kann diese Meinung nachvollziehen. Aber ich will das hier gar nicht ausdiskutieren. Was wichtig ist: Das Gedicht wurde tatsächlich übermalt. Nun kam es zu wütenden Protesten und zu langen Diskussionen, was Poesie, was Kunst darf und was nicht. Vor einigen Wochen trafen sich nun Vertreter der Hochschule und der Dichter Eugen Gomringer, mittlerweile über 90 Jahre alt, in Berlin zu einer öffentlichen Diskussion. Diese Diskussion auf der Bühne wurde für mich ein Sinnbild dafür, wie Poesie wirkt. Und damit wurde diese Diskussion auch ein Sinnbild dafür, was der Geist Gottes ist. Auf der Bühne diskutierten die Beteiligten aufgeregt zwei Stunden lang hin und her. Sie tauschten Argumente aus, versuchten ihre Positionen zu erläutern. Aber nach zwei Stunden stellten alle müde und ernüchtert fest: Man kann Poesie nicht erklären. Man kann auch seinen Widerwillen gegen bestimmte Art von Kunst nicht erklären. Man trägt das Verständnis für die Wahrheit dieses bestimmte Gedicht in sich oder eben nicht.

Diese Diskussion fiel mir wieder eine im Blick auf den heutigen Predigttext, im Blick auf das Pfingstwunder. Gott wird nur durch Gott verstanden. Manchmal tun gerade wir Protestanten so, als ob wir uns mit den Zweiflern und Atheisten nur zusammen an einen Tisch setzen müssten und wir müssten ihnen einfach nur erklären, warum der Glauben so eine tolle Sache ist. Und die Atheisten haben oft das Gefühl, sie müssten nur lange genug auf uns einreden, dass es Gott nicht gibt, dann werden wir schon vom Glauben abfallen. Aber die tiefe Schönheit des Glaubens, der Spirit Gottes, der ereignet sich wo und wann er will. Gottes Geist ist ein Geist der Freiheit. Auch deshalb sind wir in unserem Glauben so unendlich frei. Weil wir ihn nicht gemacht haben Und weil wir ihn nicht für andere machen können.

Pfingsten wird oft als die Geburtsstunde der Kirche bezeichnet. Und da ist bei aller historischen Ungenauigkeit etwas dran. Denn Pfingsten ist eben nicht nur das Ereignis, dass ich als Einzelner plötzlich verstehe, dass Gott sich in mir durchsetzen will. Sondern Pfingsten heißt, dass es da tatsächlich eine Gemeinschaft gibt, die diesen Spirit in sich trägt. Das ist das eigentliche Wunder.

Ich finde es überhaupt nicht verwunderlich, dass die Menschen diese Geschichte von Gott, der am Kreuz stirbt und drei Tage später wieder aufersteht, für ausgemachten Blödsinn halten. Hallo, wie soll man denn bitte so eine verrückte Geschichte zum Zentrum seines Lebens machen können? Wenn die Erde wüst und leer wäre und nur einige Menschen würden auf dieser Erde herumlaufen und mein Job wäre es, eine neue Religion zu erfinden, da würde ich mir doch nicht so eine Geschichte ausdenken: Ein Typ, in einem schäbigen Stall geboren, läuft als Erwachsener vollkommen verarmt durch die Gegend und erzählt den Menschen, er wäre Gottes Sohn. Und dann wird er wie ein normaler Verbrecher hingerichtet, bis ihn schließlich seine alten Freunde nach dem Tod wiedersehen, wie er neben ihnen herläuft. Nein, dass die Menschen diese Geschichte nicht zum Mittelpunkt ihres Lebens machen, das finde ich nicht verwunderlich. Dass sie lieber am Sonntagfrüh in der Sonne sitzen und ihren Kaffee trinken an ihrem freien Tag, als hierher zu kommen und sich unter dieses Kreuz zu setzten, das ist nicht verwunderlich. Überhaupt nicht.

Verwunderlich ist, vielleicht das größte aller Wunder überhaupt, dass es Menschen gibt, die das tun. Und nicht nur eine Handvoll. Was für ein Wunder ist das, dass sich heute an Pfingsten, überall auf der Welt, Millionen und Abermillionen von Menschen aufmachen, sich versammeln, dass sie diese uralte Geschichte hören in all ihren verschiedenen Sprachen und dass sie, dass wir unter dem Kreuz versammelt sind. Das ist das Wunder: Dass wir verstehen dürfen, was da geschehen ist. Welchen Sinn dieser Jesus Christus für uns macht. Das ist ein Wunder, für das es den heiligen Geist braucht, den Spirit, die Durchsetzungskraft Gottes. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde