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Die Tageslosung

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

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Predigt zum Hebräerbrief 9, 15–28 am Karfreitag, 
dem 30. März 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zum Hebräerbrief 9, 15–28 am Karfreitag, 
dem 30. März 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Karfreitag. Der Tag, in dem wir hinabsteigen in die Tiefen des Lebens. Der Tag, an dem wir uns erinnern, auf welchen Fundamenten unser Glauben steht. Unsere Fundamente schweben nicht oben in himmlischen Höhen. Sie sind verankert im Menschlichen. Unser Gott ist ein Gott des Lebens. Ein Gott, der nicht ausweicht vor all dem, was Leben heißt.

Karfreitag. Der Predigttext, der uns in diesem Jahr aufgegeben ist, steht im Hebräerbrief im 9. Kapitel… ich lese die Verse 15 bis 28.

15  Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

16  Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.

17  Denn ein Testament tritt erst in Kraft mit dem Tode; es ist niemals in Kraft, solange der noch lebt, der es gemacht hat.

18  Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet.

19  Denn als Mose alle Gebote gemäß dem Gesetz allem Volk gesagt hatte, nahm er das Blut von Kälbern und Böcken mit Wasser und Scharlachwolle und Ysop und besprengte das Buch und alles Volk

20  und sprach (2. Mose, 24,8): »Das ist das Blut des Bundes, den Gott euch geboten hat.«

21  Und das Zelt und alle Geräte für den Gottesdienst besprengte er desgleichen mit Blut.

22  Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne dass Blut ausgegossen wird, geschieht keine Vergebung.

23  So also mussten die Abbilder der himmlischen Dinge gereinigt werden; die himmlischen Dinge selbst aber müssen bessere Opfer haben als jene.

24  Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesicht Gottes für uns;

25  auch nicht, um sich oftmals zu opfern, wie der Hohepriester alle Jahre mit fremdem Blut in das Heiligtum geht;

26  sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

27  Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:

28  so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

 

Aus ferner Zeit kommen die Worte zu uns. Eine andere Welt, in die sie hineingesprochen waren. Es ist an uns, sie in unsere Welt hineinwirken zu lassen. Wir kann das gelingen, wenn hier von Opfer und Blut, von Heiligtümern und Gottesbund die Rede ist? Welche Worte gelten uns heute noch, die wir morgens aufstehen, unsere Autos besteigen um zur Arbeit zu fahren. Die mit allem möglichen unsere Tage verbringen, auch heute diesen Karfreitag. Was geht es uns noch an, diese Rede vom Blutopfer Christi? Natürlich viel. Das Geheimnis des Glaubens und des Lebens ist in diesen Worten verborgen. Und die Mühe soll nicht umsonst sein, dieses Geheimnis aus den Worten zu bergen. Möge Gott uns dabei helfen.

Die Menschen, die diesen Text lasen und hörten, sie hatten noch eine Vorstellung von dem, was hier beschrieben war. Sie wussten, was damit gemeint war, wenn von den Kälbern und Böcken die Rede war. Die priesterliche Tradition des Alten Bundes war ihnen vertraut. Jahr um Jahr mussten die Priester an den Altären die Opfer bereiten, nicht, um einen rachsüchtigen Gott zu besänftigen. Aber um das Volk der Glaubenden von ihrer Sünde zu befreien. Am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, da wurden zwei Böcke bereitet, einer wurde am Altar geopfert, der andere bekam das Blut auf sein Fell gesprengt und wurde in die Wüste geschickt. Wir haben dieses Ritual zumindest in unser Sprache bewahrt: Wenn wir vom Sündenbock reden oder davon, dass wir das uns Unliebsame hinaus in die Wüste schicken. Dann knüpfen wir an diese alte Tradition. Unsere Sprache hat es aufbewahrt.

Jedes Jahr neu musste dieses Ritual vollzogen werden. Denn auch wenn der Bock sich aufmachte in die Wüste und dort verendete. Die Schuld und die Sünde kamen immer wieder zurück, sie ließen nicht locker und für die Freiheit von der Schuld musste Jahr um Jahr neu gebetet und geopfert werden. Die Menschen wussten damals wie heute, wenn sie ehrlich auf sich schauten: Wir leben nicht so, wie wir leben sollen. Klar ist uns gesagt, wie ein gutes Leben aussieht. Die Gebote geben eine Richtschnur vor. Und doch gelingt es nicht, unser Leben allein auf diese auszurichten, allein aus unsere Kraft frei zu werden.

Die Menschen wussten darum, damals wie heute. Und so suchten die Menschen immer wieder nach Antworten auf die letzte Frage: Warum? Warum ist die Welt so wie sie ist? Warum müssen noch immer Kinder verhungern, Frauen und Männer in Kriegen umkommen, Menschen bei Unfällen und Katstrophen zu Schaden kommen? Warum braucht es all diese Opfer auf der Welt? Warum? Es ist eine bequeme Frage, wenn wir auf unserem Sofa vor dem Fernseher sitzen und in den Nachrichten das Elend in der Welt betrachten. Es ist eine bequeme Frage, weil sie uns, wenn wir ehrlich sind, nicht wehtut. Wenn aber das Sinnlose Leiden in unser Leben dringt, was dann? Und wenn es uns nicht selbst betrifft, wenn wir uns aber in die Lage versetzen derer, die es betrifft. Was dann?

Ich habe in den letzten Tagen einen Menschen an meine Seite geholt. Einen Menschen, den es vielleicht nicht gibt, aber den es geben könnte. Ich habe sie Ayla genannt. Sieben Jahre, eine Mädchen aus Ost–Ghuta in Syrien. In den Andachten und im gestrigen Gottesdienst habe ich von ihr erzählt. Was tun, wenn wir den leidenden Christus nicht nur in ferner Zeit, nicht nur als Figur in diesem Buch hier sehen? Sondern wenn wir den leidenden Christus in dieser Welt entdecken? Wenn wir damit ernst machen, dass das Kreuz die Gegenwart des Leidens vor Augen hält. Nicht eine Geschichte vor langer langer Zeit. Ich habe davon erzählt, dass ich mit Ayla durch die Woche gegangen bin. Ayla, die nie etwas anderes erlebt hat als den Krieg. Seit sieben Jahren tobt er in ihrer Stadt. Vater und Onkel hat sie verloren. Ich möchte, dass dieses Kind nicht nur eine Zeile in der Zeitung ist, ein verwackeltes Bild in den Nachrichten. Ich möchte, dass dieses Kind heute hier, in diesem Karfreitagsgottesdienst, bei uns ist. Das wir uns vorstellen, dieses Kind gibt es. Wir wissen doch, dass es dieses Kind gibt, auch wenn es einen anderen Namen trägt, auch wenn es in einem anderen Krieg lebt. Aber lasst uns heute, nur mal heute die Augen nicht davor verschließen, dass dieses Kind da ist. Und lasst uns mit ihr, mit Ayla, diesem Kind nun dort sein, in ihrer Stadt, ihrer Heimatstadt, in der es zwischen zerbombten Häusern groß geworden ist. Seht ihr, das ist Christus, die dort steht. Hört ihr, wie die Flugzeuge über ihr Haus donnern, wie sie dort steht, wie sie gerade spielen will mit ihren Freunden. Einmal nur raus aus dem Haus. Wie sie jetzt, ja jetzt, in diesem Moment, zu spät hört, dass die Mutter sie ruft. Schnell, schnell, komm ins Haus. Schnell, hörst du nicht das Flugzeug?“ Siehst du nicht, wie Christus dort steht und jetzt, in diesem Moment, die Bombe fällt nur wenige Meter von ihr entfernt, die Mutter sieht es noch,. Sie sieht wie jetzt, ja jetzt, ihr Kind zerfetzt wird. Ausgelöscht. Weil es spielen will. Nicht mehr als das. Hörst du den Schrei der Mutter. Sie schreit während wir hier sitzen und auf das Kreuz schauen. Sie schreit. Und auch sie ist dieser Christus. Sie ist Christus am Kreuz. Sie, die nie wieder diesen Augenblick vergessen wird, der heute geschieht, in Ost–Ghuta, in Syrien, überall auf der Welt. Und wir wissen das. Wir wissen es doch. Und denken noch, dass dieser Gott dafür da ist, dem Leiden einen Sinn zu geben. Aber es gibt keinen Sinn im Leiden. Es gibt keinen Sinn im Leiden am Kreuz. Keinen Sinn im Leiden eines Menschen.

Es gibt keine Antwort auf die Frage Warum. Weil Leiden sinnlos ist. Es ist sinnlos, dass heute wieder ein Kind stirbt in einem der Kriege, heute, während wir Gottesdienst feiern. Es ist sinnlos, dass in diesen Minuten wieder hunderte von Menschen am Hunger sterben. Und wir werden am Ostersonntag die Biotonnen wieder bis zum Rand füllen. Es ist sinnlos, dass junge Frauen und Männer in Syrien und in anderen Teilen der Welt für die Freiheit ihr Leben lassen. Wir sehen es gerne anders. Wir hätten es so gerne, dass all dieses Leiden, so grausam es ist, zumindest einen Sinn hat. Aber diesen Leiden einen Sinn zuzusprechen, ist zynisch. Diesen Leiden einen Sinn zuzusprechen, macht die Leidenden zu falschen Opfern.

Wir sind hineingestellt in dieses Leben. Wir sind hineingestellt und nehmen es an, wie es ist. Vielleicht ist das die größte Aufgabe für uns Christen. Das ich nicht mehr nach der Aufopferung suchen muss, nach der großen Tat, die mich Gott näherbringt. Sondern dass ich das Leben annehme, wie es mir begegnet. Das mir das Kreuz hilft, klar und realistisch auf diese Welt zu schauen. Tag für Tag und in allem schon Gott erkennen. In all dem den Ruf erkennen, der mich zur Liebe hinzieht, zur Barmherzigkeit, zu einem Leben im Sinne Gottes. Ein Leben in dieser Gottesnähe ist nicht sinnlos, weil wir uns ganz dem Ursprung aller Dinge hingeben. Ohne zu fragen: Wozu ist das alles gut? Warum ist es so, wie es ist? Das Leiden bleibt. Auch seine Sinnlosigkeit, die das Herz aufschreien lässt. Im eigenen Leiden, im Mit-Leiden mit den Anderen.

Kein Mensch darf leiden, damit es anderen besser geht. Kein Geschöpf muss leiden, damit Gott zufrieden gestellt wird. Mit dem Tod Jesu Christi am Kreuz kommt diese Vorstellung an ihr Ende. Ein für alle mal. „Christus ist einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen.“ Ich glaube, liebe Gemeinde, dass dieser Satz kaum noch unser Herz erreicht. Weil sich alles in uns sperrt, so von Gott zu denken: dass er so ein Opfer zulässt. Aber er tut es, damit alle anderen Opfer sinnlos, überflüssig werden. Er tut es, damit wir frei leben können.

Karfreitag. Wir stehen unter dem Kreuz. Wir schauen auf das Kreuz mit den Worten der Bibel im Rücken. Vom erlösenden Blut Christi ist dort die Rede. Wir sind die Erlösten, wir sind die Befreiten. Es werden Tage kommen und sind auch schon jetzt, in denen wir diese Erlösung brauchen. Diese Freiheit, die auch die tiefsten Ängste und Leiden in sich birgt. Wir stehen unter dem Kreuz und legen sie ab: Unsere Angst, unser Leid und unsere letzte Frage: Warum? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 


— Predigt am Karfreitag, 30. März 2018 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde