KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.

Psalm 116,1

Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Matthäus 6,6

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Predigt zu Markus 14, 17–26 am Gründonnerstag, 
dem 29. März 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Markus 14, 17–26 am Gründonnerstag, 
dem 29. März 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Gemeinsames Essen gehört zu den tiefsten Symbolen von Gemeinschaft. Wenn wir an einem Tisch zusammenkommen und das Essen teilen, dann müssen wir gar nicht groß reden. Dann müssen wir uns gar nicht mit vielen Worten unserer Freundschaft vergewissern. Dann reicht es aus, von einem Brot, aus einem Topf zu essen. Ich vermute, dass das ganz tief in unseren Genen drinsteckt. Vermutlich war es schon bei den ersten Höhlenmenschen so: Wenn man den Bären erlegt hatte und das Fleisch teilte, dann war es eine Ehre, dazuzugehören. Dazuzugehören hieß, leben zu dürfen.

Es ist daher kein Wunder, das das gemeinsame Essen in allen großen Religionen der Welt eine ganz zentrale Rolle einnimmt. Und es ist auch kein Wunder, das die Ostertage, die im engeren Sinne mit diesem Gründonnerstag beginnen, mit der Erzählung des letzten Abendmahles von Jesus und seinen Jüngern und mit unserem gemeinsamen Abendmahl anfangen. Das Abendmahl bildet sozusagen den Rahmen: Heute Abend hier, da geht es los, die stille Zeit, die bis zum Ostermorgen dauert, die dann in einem gemeinsamen Frühstück weitergeht hinein in die Osterfreude und am Ostermontag im gemeinsamen Abendmahlsgottesdienst ihren Abschluss findet. Es geht in den Tagen erstaunlich viel um das Essen.

Seinen Abschied von den Jüngern verbindet Jesus also mit diesem besonderen Mahl und der Apostel Paulus macht in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth deutlich, was es mit diesem besonderen Mahl auf sich hat. Ich lese den Predigttext aus dem ersten Korintherbrief im 10. Kapitel…

16  Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?

17  Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Hier ist auf knappsten Raum von der doppelten Gemeinschaft die Rede, die wir im Abendmahl feiern. Erst einmal, so sagen uns die Worte, die zum Abendmahl gesprochen werden ja unmissverständlich, erst einmal haben wir Gemeinschaft mit Jesus Christus. „Sein Blut und sein Leib“ — das heißt ja nicht, dass wir als Kannibalen über seinen Körper herfallen. Es heißt, dass wir leibhaftig mit ihn in eine Gemeinschaft eintreten. Wir sind mit ihm verbunden, über Zeiten und Orte hinweg. Jesus ist nicht nur der Zimmermannsohn, der vor rund 2000 Jahren in einem fernen Land gelebt, gewirkt, gestorben ist. Dann hätten wir nicht mehr viel mit ihm zu tun. Jesus ist der, in dem Gott in unser Leben tritt. Wahrheit des Lebens. Das ist mehr als Erinnerung an einen besonders tollen Typen, der mal gelebt hat. Es ist echte Verbundenheit mit der Wahrheit des Lebens selbst. Und zwar ganz und gar. Mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Wir Christen versammeln uns um den Tisch, essen Brot und Wein und sind dabei mit ihm verbunden, Gott in Jesus Christus. Darum geht’s. Das ist der eine wesentliche Teil der Gemeinschaft.

Nun könnte es ja sein, dass uns dieser Teil nichts sagt. Nun könnte es ja sein, dass unser Interesse daran, mit diesem komischen Gott in Jesus Christus zusammenzukommen, nun ja, gar nicht so riesig groß ist. Und dieses Desinteresse an Gott könnte daher kommen, das mir diese Gott fern ist. Eine Figur aus diesem alten Märchenbuch der Bibel, ein altes längst überholtes Wort. „Gott“. Was soll denn der denn in meiner modernen Welt noch eine Rolle spielen? Könnte ja sein, dass ich deshalb nichts mehr empfinde, wenn ich hier nach vorne komme und das Brot und den Wein zu mir nehme. Könnte ja sein das mir dieser Gott gar nichts mehr sagt, und ehrlich gesagt könnte ich das sogar sehr gut verstehen.

Denn wenn es nur darum geht, mit diesem fernen Gott aus dem alten Buch zusammen zu sein, dann könnten wir das Abendmahl auch sein lassen. Dann könnten wir diese ganze Veranstaltung hier sein lassen. Diesen Kirchenkram, Ostern sowieso. Könnten wir machen, wenn nicht die zweite Seite der Gemeinschaft hinzukommen würde. Paulus sagt es so: „So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben. Die Gemeinschaft mit Jesus in Brot und Wein ist also erst vollständig, wenn wir in ihr die Gemeinschaft mit allen entdecken, die das Brot teilen. Paulus ging es erst einmal um die Gemeinde vor Ort. Es ging ihm um die Streitigkeiten und Zerrüttungen, die dort herrschten. Und er will seinen Leuten da in Korinth klarmachen: Ihr gehört alle zusammen. Nicht weil ihr euch so dufte findet und ihr alle auf einer Wellenlänge liegt, nein, weil ihr alle zu diesem Christus gehört. Und ihr gehört nicht nur dazu, ihr seid sogar durch eure Gemeinschaft Christus selbst in dieser Welt. Das macht er an anderer Stelle deutlich: Die Gemeinschaft der Christen ist der auferstandene Christus selbst. In der Gemeinschaft des Abendmahles wird Gott gegenwärtig.

Diese Vorstellung von Gemeinschaft findet sich an vielen Stellen im Neuen Testament. In der Beschreibung, das wir alle Kinder Gottes sind, in Bildern der Schöpfung, die uns noch weiter in die Gemeinschaft mit allen Geschöpfen Gottes hineinstellen. Es ist ein Bild von Gemeinschaft, das viel radikaler ist als eine Clubmitgliedschaft oder eine Vereinszugehörigkeit. Zur Kirche zu gehören bedeutet nicht, dass wir hier der Verein Deutsche Christen in Finnland e.V. sind. Mitgliedsbeitrag bezahlt durch die Kirchensteuer und sonntags sind hier unsere Vereinstreffen. Die Gemeinschaft der Christen ist die von Brüdern und Schwestern. Ganz konkret. Wir sind Teil eines Leibes. Wenn ein Teil leidet, dann leidet der andere mit. Und wenn einer sich freut, dann freuen sich die anderen mit. Das bedeutet es, Abendmahl zu feiern.

Es ist ein radikaler Gedanke, der die Ernsthaftigkeit dessen deutlich macht, was wir da in den nächsten Tagen feiern. Denn wir feiern eine Gemeinschaft, die selbst das tiefste Leiden bis in den Tod hinein mit einschließt. Wir sind verbunden als Brüdern und Schwestern, in dem was da kommt: Die Verlassenheit dieser Nacht, in der Jesus sich aufmacht in den Garten Gethsemane und dort verhaftet wird, der Weg zum Kreuz, hinein ins Leiden und in das Sterben. Und dann sind wir verbunden im Licht des Ostermorgens, das wir gemeinsam feiern.

Ich habe zu Beginn dieser Passionswoche in der Andacht am Montag einen Vorschlag gemacht. Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns auf den Weg machen in dieser Woche mit einem ganz konkreten Menschen. Ich habe erzählt, dass es für mich in diesem Jahr Ayla ist. Ayla, so stelle ich mir vor, ist ein siebenjähriges Mädchen, das in Ost–Ghuta in Syrien lebt. Ich stelle mir vor, wie sie großgeworden ist in den letzten Jahren, wie sie nichts anderes als den Krieg kennengelernt hat, wie sie Vater und Onkel in diesem Krieg verloren hat, wie sie Nacht für Nacht die Bomben auf ihr Stadtviertel fallen hört. Und nie weiß, wer von ihren Nachbarn, aus ihrer Familie den nächsten Tag noch erleben wird.

Was bedeutet das, wenn ich sie mir heute Abend vorstelle, an dem es um die Gemeinschaft geht, um den einen Leib, der wir sind, Menschen auf dieser Welt, die alle Geschöpfe Gottes sind, Brüder und Schwertern. Wenn ich soweit gehe, dass ich die gleiche Luft atme, wie Ayla es heute Abend tut. Wenn ich ihre Angst empfinde, ihre Trauer, ihre Hoffnungslosigkeit. Dann wird für mich dieses abstrakte Bild von Wein und Brot ganz konkret. Wir sind in einer Gemeinschaft verbunden, die eine Seite in der Zeitung oder ein Bild in den Nachrichten gar nicht abbilden kann. Wir sind verbunden als Brüder und Schwestern, weil wir Menschen sind, Geschöpfe Gottes. Und wenn ich heute an den Tisch des Herrn, an den Altar gehe und das Brot esse und den Wein trinke, dann verbinde ich mich mit dem Christus, mit dem der vor aller Zeit alles in allem gewesen ist und sein wird. Ich verbinde mich mit seinem Leiden, seinem Sterben, seiner Auferstehung. Und damit verbinde ich mich mit dem Leiden und dem Sterben und dem Leben von allen Menschen auf dieser Welt. Das ist eine Größenordnung, die ich kaum fassen kann. Und die mich schier erschlagen muss, wenn ich damit ernst mache. Denn dann muss ich damit ernst machen, dass jedes Leiden mein Leiden ist, jede Freude meine Freude, jedes Sterben mein Sterben.

Ich werde morgen davon erzählen, morgen, wenn wir Karfreitag feiern, ich werde davon erzählen, das Ayla gestorben ist. Heute Abend noch lebt sie. Ich höre sie atmen, wie sie da liegt in ihrem zerschossenen Haus. Wie sie nichts weiter denkt als daran, leben zu wollen. Ich möchte mich heute Abend mit allem, was ich bin, in ihre Einsamkeit hineinfallen lassen. Mich nicht trösten lassen mit einem großen gütigen Gott, der es schon richten wird. Nicht heute Abend und nicht in den kommenden Stunden. In denen es darum geht auszuhalten, was das bedeutet: Ein Leib zu sein. Gemeinschaft in Christus. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 


— Predigt am Gründonnerstag, 29. März 2018 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde