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Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

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Predigt zu Offenbarung 21,6 am 2. Sonntag nach Epiphanias, dem 14. Januar 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Offenbarung 21,6 am 2. Sonntag nach Epiphanias, dem 14. Januar 2018 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Im Mittelpunkt der heutigen Predigt zu Beginn des Jahres soll die Jahreslosung stehen. Der biblische Satz, der wie eine Überschrift über den kommenden Wochen und Monaten steht. Die Jahreslosung 2018 steht im Buch der Offenbarung im 21. Kapitel:

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle 
des lebendigen Wassers umsonst.“

Schlägt man die Bibel auf und macht sich auf die Suche nach diesen Worten, findet man sie auf der vorletzten Seite. Im Buch der Offenbarung ist die Rede davon, wie es sein wird am Ende der Zeit. Was wird kommen? Und damit spricht der Text auch von dem, was ist. Hier und jetzt. Denn die Zukunft, von der die Bibel spricht, ist immer eine, die hier ganz unmittelbar in unserer Gegenwart ihren Einfluss hat. „Dies ist die Offenbarung Jesus Christi“, so beginnt das letzte Buch der Bibel „Dies ist die Offenbarung Jesus Christi, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll.“ Und was in Kürze geschieht, dass bestimmt heute schon unsere Leben. Wenn in Kürze Besuch ins Haus kommt, dann wird heute schon die Bude geputzt.

Die Offenbarung ist in Kleinasien, in der heutigen Türkei entstanden. Sie ist zunächst geschrieben worden an die noch jungen Gemeinden vor Ort. Karges trockenes Land zum großen Teil. Durchzogen von einigen wenigen fruchtbaren Flusstälern. Die Menschen damals, die wussten, was Durst ist. Die wussten, was es bedeutet, das Meer zwar in Sichtweite zu haben, aber trotzdem kaum etwas zu Trinken. Und viele von ihnen kannten die Erfahrung, buchstäblich auf dem Trockenen zu sitzen. Durst war dann nicht nur die Lust auf einen Schluck kühlen Wassers, da ging es oft genug um die Existenz. Nicht genug Wasser zu haben bedeutete, dass die Ernte auf den Feldern bedroht war und das Vieh vor dem Verdursten stand. Du man selber manchmal auch. „Ich will dem Durstigen Wasser geben“, das war eine ganz lebenspraktische Zusage.

Für uns hier in Finnland, dem Land der tausend Seen, ist diese Lebenswirklichkeit weit weg. Auch wir haben so unsere Sorgen im Leben, sicherlich; die Sorge vor dem Verdursten gehört nicht dazu. Wasser gibt es hier wahrlich genug. Lebendiges Wasser in Hülle und Fülle. In Finnland haben wir ein ganz besonderes Verhältnis um Wasser. Für uns bedeutet die Lebendigkeit des Wassers etwas ganz anderes als für die Menschen Kleinasiens zur Zeit Jesu. Wenn ich an die Lebendigkeit des Wassers denke, habe ich sofort meinen Lieblingsort vor Augen. Die Holzbank vor der Sauna unseres Sommerhauses, direkt am Ufer, dort, wo der Steg zum Wasser hinabführt. Ich liebe es, dort zu sitzen. Mit oder ohne Bierdose in der Hand. Den Blick auf die Weite des Sees gerichtet. So lange, bis sich meine Gedanken dem Anblick und dem Klang des Wassers anzugleichen scheinen. Es kommt immer wieder der Moment, da scheint es, dass der See mir etwas zu erzählen beginnt. Herrmann Hesse erzählt in einem Roman von Siddartha, von Buddha, der Jahr um Jahr am Ufer eines Flusses saß. Es war der Fluss, der zu seinem großen Lehrmeister wurde. Am Fluss lernte Buddha, was Leben heißt. Für uns hier in Finnland sind es die Seen und das Meer, die unsere Lehrmeister sind. Unser Wasser, das uns vom Leben erzählt. Der Höytiäinen, der See an unserem Sommerhaus, ist mir mit den Jahren zum Lehrmeister geworden. Er ist ein lebendiges Wasser. Er verändert sich von Jahreszeit zu Jahreszeit, ja, er verändert sich eigentlich von Minute zu Minute. Manches Mal liegt er ganz still da, eine riesengroße spiegelglatte Fläche. Und dann kommt innerhalb von Minuten ein Gewitter über den Wald gezogen und die Wellen bäumen sich auf und schlagen ans Ufer. Es gibt Tage im Sommer, da wird das Wasser so warm, dass man Stunde um Stunde mit den Kindern im See toben kann. Und im Winter schneidet sich das Eiswasser in die Haut, wenn man nach der Sauna ins Eisloch springt. Lebendiges Wasser in all seiner Vielfalt. Wasser, das vom Leben erzählt. Wenn ich im Sommer am Steg sitze und die Wellen ans Ufer schlagen, so wie sie es vor Jahrtausenden schon taten und so wie sie es tun werden, lange noch, wenn ich schon nicht mehr da bin, dann schaudert es mich und das Leben wird so unendlich groß. In den Rhythmus der endlosen Wellen nimmt mich der See mit hinein in seine Zeit.

Vor zwei Wochen waren wir wieder dort. Dickes Eis auf dem See. Aber es hatte die Tage zuvor zu tauen begonnen, so dass die oberste Eisschicht brüchig war. Wenn man darüber ging, brach man immer wieder ein, knöcheltief auf das darunterliegende Eis, das trug. Auch das ein Bild für das Leben, das in aller Brüchigkeit bleibt und hält.

Lebendiges Wasser. Der Schreiber der Offenbarung hatte die lebenspendenden Quellen vor Augen. Den Durst an glühend heißen Sommertagen. Für mich ist es der Rhythmus des Sees und des Meeres, der von der Quelle des Lebens erzählt. Der Sommersee, der trotzdem das Eis und die Kälte noch in sich birgt. Die weiten Eisflächen im Winter, die in sich schon den Aufbruch und den Sommer tragen. Ja, vielleicht wäre das ein guter Plan für dieses Jahr: Öfter mal am Wasser sitzen. Sich von ihm etwas erzählen lassen.

Und dann plötzlich merken, was dieses kleine Wörtchen ‘umsonst’ für eine Wucht hat. „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Wie ein Anhängsel taucht es in dem Satz noch auf. Und auch im griechischen Original steht es ganz hinten. Δωρεάν. Umsonst. Scheinbar nicht notwendig. Und doch steckt in diesem kleinen Wort die ganze Kraft des Satzes: Umsonst. In diesem zweideutigen Wort. Es kann sowohl im Griechischen wie auch im Deutschen ja beides bedeuten: vergebens oder unverdient. Es schwingt beides mit. Die Quelle des Lebens ist mir geschenkt. Umsonst. Das Leben ist ein Geschenk, dass ich mir nicht selber gemacht habe. Ich habe dieses Geschenk ausgepackt, es liegt vor mir. Ich bin es selbst, dieses Geschenk. Und was mache ich damit? Kann es sein, dass es mir manchmal vorkommt, als ob das alles umsonst ist. Vergebens. Diese Frage, die im Nacken sitzt: Ob ich nun da bin in dieser Welt oder nicht, ist das eigentlich so entscheidend? Was würde dieser Welt eigentlich fehlen, wenn ich nicht da wäre? Sicherlich. Der eine oder die andere würde traurig sein ein Weile, wenn ich nicht mehr bin. Aber wenn ich nie gewesen wäre, was wäre eigentlich dann? Der Welt wäre es doch vermutlich egal gewesen, oder? Alles also vergebens? Umsonst?

Ich sitze am Ufer des Sees. Sommer, die Wellen schlagen sanft an die Steine. Einige hundert Meter weg spielen die Nachbarskinder im Wasser. Ich höre sie lachen. Die Sonne glitzert auf den Wellen. Glück. Umsonst geschenktes Glück. Ich habe es mir nicht verdient. Es geschieht. Einfach umsonst. Und ich ahne nur, vertraue mehr als das ich es weiß: In diesem Gefühl steckt ein tiefe Erkenntnis: Das Leben ist nicht nur jetzt, nicht nur in diesem wunderbar sommerlichen Moment am See ein Geschenk, eine Gabe. Sondern immer, Von Anfang an bis zum letzten Atemzug. Und darüber hinaus. Das Leben gibt sich jeden Tag. Jeden Atemzug gibt sich das Leben hin. Mir. Uns. Der Welt. Das ist die Grundlage von allem. Dass das Leben umsonst da ist.

Das griechische Wort Δωρεάν, umsonst, das am Ende der Jahreslosung steht, kommt von dem Wort Δωρεά. Das heißt Gabe. Dieses Wort kommt im Neuen Testament nur elfmal vor und immer ist hier von der Gabe Gottes die Rede. Gott gibt sich. Dieser Satz bedeutet im Kern nichts anderes als: Das Leben gibt sich. Gott gibt da nicht einen Teil von sich, sozusagen ein Stückchen Gott für mich und ein Stückchen Gott für dich, und du, du bekommst nichts von Gott… Nein, Gott ist die Gabe selbst. Zu Leben heißt, in der Gabe Gottes zu sein, zu atmen, zu essen und zu trinken, zu feiern, krank zu sein und gesund zu werden, zu sterben und in Gottes Ewigkeit weiter zu sein. Das ist Gottes Gabe. Das ist Gott selber. In mir und überall dort, wo Leben ist.

Liebe Leute, das ist also der Plan für dieses Jahr: Erstens: Öfter am See sitzen. Vor mir aus auch am Meer. Zweitens: Der Lebendigkeit des Wassers, dem Rhythmus der Wellen zuhören und sich von ihm etwas über das Leben erzählen lassen. Drittens: Überzeugt sein: Das Leben ist ein Geschenk. Gabe Gottes, unverdient. Viertens: Selber zur Quelle des Lebens werden, in dem dieses schlichte Wunder sichtbar wird. So wird es ein gutes Jahr. Versprochen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 


— Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2018 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde