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Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.

Psalm 116,1

Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Matthäus 6,6

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Predigt zu 1. Johannes 3, 1–2 am ersten Weihnachtstag, dem 25. Dezember 2017, in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu 1. Johannes 3, 1–2 am ersten Weihnachtstag, dem 25. Dezember 2017, in der Deutschen Kirche in Helsinki

Nach einem festlichen Abend, nach gutem Essen und vielleicht dem ein oder anderen Glas Wein sind wir hier an diesem Mittag in der Kirche zusammen. Der Weihnachtstag hat ja so seine ganz eigene Atmosphäre. Eine Stimmung, die mit der an keinem anderen Tag des Jahres vergleichbar wäre. Für mich ist dieser Tag immer wieder von einer großen Ruhe geprägt. Nach all den Tagen der Vorbereitung, nach den Stunden des Festes ist nun die Zeit zum Durchatmen. Der Blick voraus auf ein paar freie Tage, die Luft geben.

Vielleicht geht es euch ganz ähnlich. Mein Mentor, der Pastor, bei dem ich gelernt habe, der sagte immer: “Matti, am Weihnachtstag, da sitzen die Leute in der Kirche, die hören genau hin, was du sagst. Die wollen wissen, warum diese Geburt im Stall für sie Bedeutung haben soll. Die sind bereit für eine gute, tiefe Predigt. Am Heiligabend wollen sie Lichterglanz und leuchtende Kinderaugen. Am Morgen danach wollen sie Gottes Wort. Also: Butter bei die Fische.“

Tja, vielleicht ist es ja so. Ich will mich an diesen Rat halten und Gottes Wort verkündigen. Möge der Heilige Geist mit uns sein beim Reden und Hören. Der uns aufgegebene Predigttext steht im ersten Johannesbrief im dritten Kapitel:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.

Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Kein Wort von Weihnachten hier. Kein Wort vom Jesuskind, von der Krippe. Keine heiligen Könige, kein Engel vom Himmel. Nichts. Gerade haben wir noch die Weihnachtsgeschichte gehört. Die vertrauten Worte. Und jetzt: Nicht vom Jesuskind ist hier die Rede, sondern von uns. Und davon, dass wir uns Gottes Kinder nennen dürfen. Da ist über Nacht anscheinend so einiges passiert. Eben noch haben wir andächtig vor der Krippe gestanden, haben das liebliche Kind betrachtet… und nun das: Wir sind selbst die, die Gott geboren hat — wir sind es tatsächlich! Darauf legt der Schreiber dieser Worte großen Wert: Wir sind es schon, Kinder Gottes.

Wenn wir heute auf diesen Text schauen, dann steht er ganz unter dem Eindruck des Weihnachtswunders. Wir können ihn gar nicht anders hören als vor dem Horizont der Weihnachtsgeschichte. Dabei dürfte es von einer gewissen Bedeutung sein, dass dieser Text geschrieben wurde, als die Weihnachtsgeschichte noch gar nicht in ihrer heute bekannten Form geschrieben war. Viele der Briefe, die wir im Neuen Testament finden, sind älter als die Evangelien. Das heißt, als sich jemand hinsetze und diese Zeilen aufschrieb, da waren weder das Matthäusevangelium noch das Lukasevangelium aufgeschrieben. Und diese sind ja die beiden einzigen Texte der Bibel, die uns von der Geburt Jesu berichten. Der Schreiber unserer Worte heute kann also nicht an Weihnachten gedacht haben. Anders gesagt: Die Vorstellung, der Glaube, dass wir durch Jesus Christus selber zu Kindern Gottes werden, ist ursprünglicher, älter, dichter dran an der Entstehungsgeschichte des Christentums, als Weihnachten. Die ersten Gemeinden sammelten sich um dieses Wunder: „Wir, die wir auf Jesus Christus getauft sind, wir gehören zu Gott. Wir sind mit ihm verbunden wie Kinder mit dem Vater.“

Und die ersten Christen gingen noch weiter. “Wir sind ihm gleich.“ So heißt es in unserem Text. „Wir werden ihm gleich sein, wenn er offenbar wird.“ Was für ein radikaler Gedanke verbirgt sich hier? Wie viel weiter gehen diese Worte als es die Weihnachtsgeschichte tut? In jener wird Gott Mensch in diesem einen Jesus von Nazareth. In diesen Worten sind es wir Menschen, alle, Du und ich, die die Hoffnung haben dürfen, Gott gleichen zu können. Wir werden darauf zurückkommen, was das bedeutet. Das radikal Neue an diesem christlichen Glauben war nun tatsächlich nicht, dass da Gott ein Kind bekommt. Das gab es in der Antike zu Genüge. Selbst im Alten Testament gibt es Stellen, an denen von den Gottessöhnen die Rede ist. Wir finden auch aus der Zeit Jesu einige Geschichten darüber, wie sich Propheten, Könige oder Kaiser durch ihre Abstammung von den Göttern als etwas Einmaliges herauszustellen versuchten. Neu war das also nicht. Und wäre das das einzige Markenzeichen von Jesus, dass er der Sohn eines Gottes ist, dann wäre auch er über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. Davon bin ich überzeugt.

Neu ist im Gegensatz zu den anderen Geschichten von den Götterkindern, dass dieses Kind Jesus nicht in einem Palast, nicht an einem herausragenden Ort zur Welt kommt. Sondern in Bethlehem „die du klein bist unter den Tausenden in Juda“, wie es beim Propheten Micha heißt. Wir haben es gerade noch gehört von Verena. Neu ist, dass es nicht Könige waren, die den Gottessohn begrüßten, sondern die Hirten von den nahen Feldern, die Ärmsten unter den Armen. Das war also durchaus etwas Neues. Aber auch hier bin ich überzeugt: Wenn nur das das Neue gewesen wäre, dann hätte es vielleicht die soziale Sprengkraft der Verkündigung von Jesus am Leben gehalten. Die Menschen hätte sagen können: „Schaut, dieser Jesus, der für die Armen und Kranken da ist, er ist ja selbst in Armut geboren. Er weiß, wovon er spricht.“ Ja, das hätte der ganzen Jesusbewegung sicherlich einige Jahre Kraft gegebene. Aber es hätte nicht gereicht, um bis hierher zu strahlen. Es hätte nicht gereicht, damit wir uns hier an diesem Wintertag mitten in Helsinki versammeln, um die Geburt dieses Jesus von Nazareth zu feiern.

Aber nicht die Geburt eines Propheten im Nahen Osten, 5000 Kilometer entfernt von hier vor über 2000 Jahren ist das Entscheidende, sondern die Geburt Gottes in uns. Du sitzt hier, weil Gott in dir zur Welt gekommen ist. Und halt dich fest! Gott ist in dir zur Welt gekommen, lange bevor du selber zur Welt kamst. Da ist etwas geschehen, was dich heute betrifft: Vor 2000 Jahren fingen Menschen an, von diesem Wunder zu erzählen und dieses Wunder aufzuschreiben. Sie schrieben von diesem Jesus, wie er gelebt hat, was er bewirkt hat bei den Menschen. Sie erzählten, wie er am Kreuz starb und wie er den Menschen als Auferstandener begegnete. Und als Krönung schrieben sie Jahre später auf, wie er geboren wurde im Stall von Bethlehem. Und plötzlich wurde da eine runde Geschichte draus. Eine Geschichte, die die Menschen umhaute, weil sie die Wahrheit ihres Lebens erzählte. Sie erzählte das Entscheidende: Gott für dich, Gott in dir. In diesem Jesus geht Gott deinen Weg, er leidet mit dir, ja, er stirbt mit dir und steht mit dir auf von den Toten. In ihm, in diesem Gott in Jesus wirst du neu geboren.

In den Jahren nachdem Jesus gelebt hat, sind all diese Texte entstanden. Worte, die versuchen, das Unfassbare zu beschreiben: Gott wird in dir neu geboren. Suchende Worte wie unser heutiger Predigttext: „Wir sind schon Gottes Kinder, es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ Rätselhaft. Nicht einfach zu durchdringen. Wir sind schon und werden noch. Das heißt doch nichts anderes als: Du bist schon ganz Gottes Kind, lebst in Einheit mit ihm. Gott ist schon für dich und in dir geboren. Du trägst Gott in dir wie das Kind den Vater. Und wie Vater und Mutter ihr Kind schon in sich tragen, seine Möglichkeiten, sein Werden, lange bevor es geboren, lange bevor es gezeugt ist, so ist das Werden Gottes in dir schon vor der Zeit erfüllt.

Weil du ein Mensch bist, lebendes Wesen im Lauf der Zeit, ist all dein Sein auch ein Werden. Erfüllt von den Möglichkeiten, die vor dir liegen. Erfüllt von der Möglichkeit, immer wieder neu zu beginnen. Neu geboren zu werden, immer wieder. Deshalb feiern wir jedes Jahr Weihachten, was ja eigentlich absurd ist, denn Gott ist doch ein für alle Mal für uns geboren, gestorben, auferstanden. Aber wir müssen es jedes Jahr neu hören, am besten jeden Sonntag. Ach was, am besten jeden Tag, jeden Atemzug müssen wir dieses Wunder in uns hören, spüren, glauben: Gott für dich, Gott in dir.

Nun sitzen wir hier. Nach einem festlichen Abend, nach gutem Essen und vielleicht dem einen oder anderen Glas Wein. Weihnachtstag. Zeit der Ruhe nach ruhelosen Tagen. Zeit, im Hören, im Singen, im Schweigen auf die Krippe zu schauen. Auf dieses Jesuskind, geboren vor langer Zeit an fernem Ort. Hören, Schauen, Schweigen. Vertrauen. Und vielleicht, ja, vielleicht geschieht es da: Das dieses Kind, dieser Jesus, dieser Gott in mir zur Welt kommt. Gott für uns. Gott in mir. Dann, ja dann endlich ist Weihnachten. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt am ersten Weihnachtstag, dem 25. Dezember 2017, von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde