KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 9 6869 8513‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Die Tageslosung

Ich will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören.

Micha 7,7

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.

Römer 5,5

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
Weitere Informationen finden Sie hier


Predigt zu Lukas 16,1–8 am Volkstrauertag, 19. November 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Lukas 16,1–8 am Volkstrauertag, 19. November 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Am heutigen Sonntag, den wir als Volkstrauertag begehen, sind uns Worte als Predigttext aufgegeben, die zu den Umstrittensten im Neuen Testament gehören. Worte, die scheinbar die tiefe Unmoral der Welt in den Himmel loben. Hört selbst, was im Lukasevangelium im 16. Kapitel geschrieben steht:

1 Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.

2  Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3 Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.

4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.

5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?

6 Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.

7 Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

8 Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Was sollen wir damit anfangen, mit diesen Worten? Im ersten Lesen, im ersten Hören steht da Erschreckendes: Ein Mann ist für die sorgsame Verwaltung der ihm anvertrauten Gelder zuständig. Und als er erkennt, dass sein Job auf dem Spiel seht, läuft er herum und stiftet andere zum Betrug an: „Steckt euch so viel Geld in die Taschen, wie ihr noch kriegen könnt. Bald habt ihr keine Chance mehr dazu.“ Eindeutig: Unrecht geschieht hier. Veruntreuung. Betrug. Und wie wird dieses Verhalten dann beurteilt? „Der Herr lobte den untreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte!“, so heißt es abschließend. Der Text lässt offen, ob mit dem Herren hier der Chef des Verwalters oder sogar Jesus Christus, Gott selbst, gemeint ist. Beides ist wohl möglich. Was ist denn an so einem Verhalten lobenswert?

Ich will mich auf den Weg machen und mich diesem Gleichnis in einem weiten Bogen nähern. Ich will diesen Tag mit in den Blick nehmen. Volkstrauertag, Tag des Gedenkens an die Kriege des letzten Jahrhunderts hier in Finnland und in Deutschland. Und ich will euch mit in den Blick nehmen, die ihr hier sitzt. Mitglieder unserer Gemeinde, Mitarbeiter der Botschaft, Gäste. Und euch Konfirmanden. Was soll denn so ein Text an so einem Tag euch zu sagen haben?

Es geht in diesen Tagen ein Gespenst um in der Welt. Ein Gespenst, das immer mehr Europa ergreift und auch uns in Finnland nicht außen vor lässt. Gemeinhin heißt dieses Gespenst: Der neue Nationalismus. Menschen in allen Ländern suchen ihr Heil wieder einmal in einer Vorstellung von Nation, von Volk, von der man doch dachte, wir hätten sie längst überwunden. Wie groß war die Hoffnung nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gründung der Europäischen Union und durch die Stärkung der Vereinten Nationen, dass wir Menschen es endlich hinkriegen könnten, eine Weltgemeinschaft zu bilden. Das wir gemeinsam die Verantwortung, wenn schon nicht für den gesamten Globus, so doch wenigstens für ein geeintes Europa übernehmen. Und noch immer ist diese Faszination groß, noch immer begeistern sich viele, vor allem viele junge Menschen für das Projekt Europa. Aber es gibt eben auch eine andere, eine für mich erschreckende Entwicklung: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, denen das Projekt Europa, das Projekt Weltgemeinschaft, zu groß, zu unübersichtlich, zu angsteinflößend erscheint. Da ist es so viel einfacher, erst einmal nach innen zu schauen. So viel einfacher ist es dann, sich abzuschotten und das eigene Volk (was immer das ist), die eigene Nation als Mittelpunkt des Denkens und des Handelns zu sehen.

Das Gespenst des neuen Nationalismus geht um. Aber im Kern können wir diesem Gespenst auch einen anderen Namen geben: Es ist das Gespenst der einfachen Antworten. Wie reizvoll ist es für viele, dass da plötzlich überall Menschen auftreten in unserer Mitte, die versprechen: „Wir haben in dieser komplizierten Welt eine einfache Antwort: Zieht die Mauern wieder hoch, bleibt unter euch, schottet euch ab. Dann wird alles wieder gut. Alles wieder so wie früher.“ Ja, dieser Gedanke mag seinen Reiz haben. So unrealistisch er ist. Das Gespenst der einfachen Antworten hat eine große Macht immer noch und immer wieder.

Der Verwalter in unserer Geschichte, er lässt sich vom Gespenst der einfachen Antwort, der schnellen Lösung verführen: „Jetzt musst du schnell handeln, guter Mann, du stehst kurz vor der Entlassung, deine Welt fällt bald auseinander. Nun sieh zu, dass du noch schnell deine Schäfchen ins trockene bringst und deine Haut rettest.“ Es wäre ein leichtes, den Verwalter für seine Unmoral zu rügen, mit dem Finger auf ihn zu zeigen und zu sagen: „Schaut her, was für eine miese Type, so darf keiner von euch handeln.“ Aber der Herr macht genau das Gegenteil. Er zeigt mit dem Finger auf den Betrüger und sagt: „Schaut her, richtig hat er gehandelt.“

Es wäre ein leichtes, mit dem Finger auf die Menschen zu zeigen, die in unserer Zeit die schlichten Antworten präsentieren: „Schaut her auf LePens und AFDler, schaut her auf die Perussuomalaiset und die Trumps dieser Welt: Wie kann man nur!“ Es wäre ein leichtes. Aber unser Predigttext macht es uns nicht leicht. Er sagt nicht: Schaut her, wie schlimm die Verbrecher, die Lügner dieser Welt sind. Er sagt, Jesus selbst sagt: Schaut hin, wie faszinierend die Betrüger dieser Welt handeln. Und lernt von ihnen! Denn das Gepenst der einfachen Antworten, das greift mit seiner Macht nicht nur nach den anderen, es betrifft auch uns.

Nun komme ich endlich zu euch, liebe Konfirmanden. Die meisten von euch gehen ja auf die Deutsche Schule. Und auch bei euch an der Deutschen Schule geht das Gespenst des neuen Nationalismus um, auch bei euch entwickelt das Gespenst der einfachen Antworten seine Macht. Es gibt eine Gruppe von Schülern an eurer Schule, nicht bei euch, das will ich ausdrücklich sagen, die sich mit Begeisterung mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Es gibt Schüler der Deutschen Schule, die können die Namen fast aller SS–Sonderkommandos auswendig, die haben die verschiedensten SA–Lieder mehrstrophig drauf. In der Schule herrscht eine gewisse Unruhe, weil man nicht so recht weiß, wie damit umgehen. Handelt es sich um nur um eine Spielerei, eine Provokation der Jugendlichen, die man nur bestätigt, wenn man drauf eingeht? Oder handelt es sich um echte Überzeugungen, die man mit Kraft bekämpfen muss. Ich glaube, eure Schule ist da gerade auf einem guten Weg, damit umzugehen. Für mich ist das alles erst einmal unfassbar. Heute am Volkstrauertag sind wir hier, denken an die Millionen Opfer der Kriege, Millionen von Menschen mit ihren Familien, ihren Kindern und Eltern und Wünschen und Hoffnungen, alles zerstört, weil die Menschen dem Gespenst der einfachen Antworten nachgelaufen sind. So vieles wissen wir von dieser Zeit: Wir wissen, wie dieses Gespenst des Nationalismus so mächtig werden konnte. Wir wissen, wie sowas passiert. Und dann müssen wir erleben, dass Jugendliche hier und heute sich faszinieren lassen von all diesen Dingen, die unsere ganze Welt ins Unglück gestürzt haben.

Wenn ich dann mit den Jugendlichen rede, wenn ich euch sehe mit eurer Suche nach Leben, mit dem Wunsch, Antworten zu finden, dann kann ich diese Faszination verstehen. Wie faszinierend ist es, den scheinbar einfachen Weg zugehen. Wie faszinierend ist es, sich einzureihen in den Gleichschritt der Mächtigen und Starken. Wie einfach ist es, zu sagen: Wir stehen auf er richtigen Seite und die die kommen, die Fremden, die Anderen, die stehen auf der Falschen. Man kann das sehen. Man kann das sehen, wie aus grauen, verschüchterten Jungs plötzlich großspurige Jugendliche werden. Weil sie denken, sie haben die Antworten auf das Leben gefunden. Und dabei sind sie davon so weit weg! Aber es ist faszinierend zu sehen, welche Kraft von solchen einfachen Antworten ausgeht. Immer noch und immer wieder. Ich finde das faszinierend und erschreckend zugleich. Weil ich plötzlich vor mir sehe: Genau so läuft es. Genauso geht es zu in dieser Welt. Damals vor 80 Jahren und heute auch. Es ist das gleiche Gespenst.

Jesus erzählt dieses Gleichnis, weil er die Zuhörer, auch uns provozieren will. Und weil er uns damit anstacheln will: Schaut hin, wie kraftvoll und entschieden handeln die Menschen um euch mit den schlichten Antworten. Wie schnell waren sie vor 80 Jahren in der Lage, die ganze Welt aus den Angeln zu heben. Wie schnell sind sie heute dabei, Massen hinter sich zu vereinen mit ganz leichten einfachen Versprechen: Die sind die Bösen, wir sind die Guten! „Sei ehrlich mit dir“, sagt Jesus mir in diesem Gleichnis. Sie ehrlich mit dir und schau, wie leicht du selber nach den schlichten Antworten suchst. Mit wieviel Energie du manches Mal in die falsche Richtung läufst, weil du meinst, die Antwort schon lange gefunden zu haben. Weil du deine Schäfchen ins Trockene bringen willst, weil du auf der richtigen Seite stehen willst. Und jetzt stell dir vor, du würdest diese Energie nehmen, du würdest diese Kraft diese Entschlussfreude nehmen und sie nicht den einfachen Antworten dieser Welt widmen, sondern der einen Antwort auf die Lebensfrage, die tatsächlich trägt: Gott. Stelle dir vor, wenn du mit der gleichen Freude und Selbstverständlichkeit, mit der du den Stimmen dieser Welt nachläufst, der einen wahren Stimme nachlaufen würdest: Jesus Christus. Was würde sein? Wie viel Friede und Gerechtigkeit und Liebe könnte sein, wenn du das tust; wenn wir das tun als Christen. Wenn aus uns Kindern dieser Welt Kinder des Lichts würden. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt am Volkstrauertag, 19. November 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde