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Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.

Psalm 116,1

Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Matthäus 6,6

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Predigt zu Römer 1,16ff. am 20. Sonntag nach Trinitatis, 
beim Reformationsfest der Gemeinde am 29. Oktober 2017 
in der Maaria–Kirche in Turku

Predigt zu Römer 1,16ff. am 20. Sonntag nach Trinitatis, 
beim Reformationsfest der Gemeinde am 29. Oktober 2017 
in der Maaria–Kirche in Turku

„Ich fühlte mich ganz und gar neugeboren und 
durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“

Das feiern wir heute. Dieses Ereignis, das Martin Luther hier in eindrücklichen Worten beschreibt. Sein Gefühl, neugeboren zu sein, plötzlich auf neue Weise die Bibel und die Welt zu betrachten. Das heißt Reformation.

Was war da geschehen? Um das Jahr 1517 herum verzweifelte Luther immer mehr an der Bibel. Eine Frage war es, die ihn nicht mehr losließ: Wie komme ich zu einem gerechten Gott? Heute würde er die Frage vielleicht so stellen: Wie schaffe ich es, dass Gott mich lieb hat? Wie kriege ich es hin, dass mein Leben gelingt?

Einige Jahre war er da schon Professor der Theologie. Und er war Mönch. Versuchte, so fromm wie möglich zu leben. Sich an die Gebote zu halten, bloß nichts falsch zu machen. Er wollte mit aller Kraft diesem Gott gefallen. Aber je mehr er sich anstrengte, je mehr er seine Gebetszeiten einhielt und fleißig Buße tat, umso mehr fing er an, diesen Gott zu hassen. So wird er es später selber beschreiben: „Ja, ich hasste diesen gerechten Gott!“ So deutlich wird er es sagen. Er hasste ihn, weil er in Gott nur den strafenden Richter sah, der jähzornig auf jeden Fehler schaut und dann die Strafe an uns Menschen vollzieht. Er hasst diesen Gott und er hatte Angst vor ihm. Immer mehr. So viel Luther auch in der Bibel las und seine Studenten unterrichtete, er blieb immer wieder bei dem hängen, was die Bibel Gerechtigkeit Gottes nennt. Immer wieder blieb er an einer Stelle des Römerbriefes hängen. Ein kurzer Abschnitt aus dem ersten Kapitel: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‘Der Gerechte wird aus Glauben leben.’“ Er blieb immer wieder an dieser Stelle hängen. Er spürte: In diesen Worten liegt das Geheimnis Gottes, das Geheimnis meines Lebens verborgen. Tage– und nächtelang denkt er über diese Worte nach: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Und dann, ganz plötzlich, erschließt sich ihm alles neu. Wie ein Balken, der von seinen Augen gerissen wird: Er begreift diese Stelle, die er doch jahrelang immer wieder gelesen hat, plötzlich ganz neu: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Es kommt nicht darauf an, wie fromm ich lebe. So löblich und ehrenvoll das auch sein mag. Es kommt vor allen Dingen nicht darauf an, wie viel Geld ich bezahle, damit mir meine Sünden vergeben werden. Es kommt einzig und allein auf den Glauben an. Und, dass ist die nächste revolutionäre Entdeckung von Luther: Selbst für diesen Glauben kann ich nichts. Selbst dieser Glaube, dieses tiefe Vertrauen in Gott, muss mir von ihm selbst geschenkt werden. Das fällt ihm plötzlich auf: Nicht wir müssen uns zu Gott emporarbeiten, sondern Gott neigt sich zu uns. In seinem Sohn Jesus Christus. Im Kreuz, an dem er stirbt und am Morgen der Auferstehung. Gott schenkt uns das Leben. Und wir müssen nichts, ja, wir können überhaupt nichts dafür. Was für ein befreiender Gedanke: Ich bin angenommen bei Gott, bedingungslos. Ich darf leben, frei von Angst.

Nun hätte Luther dabei stehenbleiben könne. Er hätte doch für sich sagen könne: „Mensch, was für eine tolle Erkenntnis, ich kann mich zurücklehnen und diese Gewissheit genießen: Gott ist bei mir.“ Aber er schaute sich um, und was er sah, war Angst. Überall. Angst vor Strafe, Angst vor der Hölle, Angst vor den Mächtigen. Die Kirche lebte gut von dieser Angst. Die Mächtigen lebten gut von dieser Angst. Denn diese Angst vor der Strafe Gottes hielt die Menschen klein. Luther merkte sofort: Wenn wir eigentlich als freie Menschen vor Gott stehen, wenn es gar nicht um unsere Leistung geht, wenn uns Gott so annimmt, wie wir sind, dann brauchen wir keine Angst zu haben. Nicht vor ihm, nicht vor den Mächten dieser Welt. Da fing er an, zusammen mit den anderen Reformatoren seiner Zeit und einigen mächtigen Fürsten, die sich auf seine Seite stellten, die Kirche umzugestalten. Alles fing mit dieser neuen Erkenntnis an, mit diesem einen Satz aus dem Römerbrief: Der Gerechte lebt aus dem Glauben allein.

Es geht um die Anerkennung jedes einzelnen Menschen durch Gott. Das heißt Reformation. Das feiern wir heute: Jeder Mensch ist anerkannt in Gottes Augen. Und dieser Gedanke, dieser Glutkern der Reformation ist heute mindestens so aktuell wie vor 500 Jahren. Ich möchte das mit drei Beispielen deutlich machen. Drei Beispiele, die drei Ebenen der Anerkennung beschreiben.

Die erste Ebene der Anerkennung ist eine politische. Wenn ich als Christ sage: jeder Mensch ist von Gott anerkannt, jedem Menschen kommt von Gott seine eigene Würde zu, unabhängig von seiner Leistung, von seinem Können oder seiner Herkunft, dann darf ich diese Erkenntnis nicht für mich behalten. Dann muss ich hinschauen in die Welt und dort aktiv werden, wo den Menschen diese Anerkennung abgesprochen wird. Ein Beispiel: Wir leben in einer Welt der Austauschbarkeit. Ich habe einen Freund, der in einem weltweit tätigen Pharmakonzern arbeitet. Seit vielen Jahren schon arbeitet er unter einem enormen Druck, weil er innerhalb der Firma immer wieder signalisiert bekommt: Eigentlich bist du austauschbar. Eigentlich wartet immer jemand hinter deinem Rücken, der könnte deinen Job auch machen. Und er ist besser, leistungsfähiger, jünger. Das ist das Grundprinzip modernen Wirtschaftens: Der einzelne muss austauschbar bleiben, damit das System funktioniert. Was als Signal bei dem einzelnen Mitarbeiter hängen bleibt: Du bist nur erwünscht, solange du deine Leistung bringt. Erlaubst du dir einen Moment der Schwäche, dann stehen hinter dir genug, die sofort deine Stelle einnehmen können. Und weil viele Menschen, vielleicht immer mehr, ihre Anerkennung fast alleine aus ihrem Beruf ziehen, stehen sie in Gefahr, die entscheidende Anerkennung ihres Lebens zu verlieren. Das ökonomische Prinzip unserer Zeit sagt: Es gibt immer einen Besseren. Der reformatorische Glaube sagt: Du hast deinen anerkannten Platz in dieser Welt!

Die zweite Ebene der Anerkennung: Das soziale Netz. Jede Kirchengemeinde ist ein soziales Gebilde. Und ich finde, jede evangelische Kirchengemeinde sollte ein Ort sein, an dem der Glutkern der Reformation gelebt wird: Du bist anerkannt, egal was du leistest. Und auch egal, wie religiös du bist. Es kommt nicht auf deine Frömmigkeit an, sondern darauf, dass du in unserer Gemeinschaft spüren kannst: So wie ich bin, darf ich kommen. Wir sind gerade dabei, in Helsinki eine neue Jugendgruppe aufzubauen. Einmal die Woche treffen sich Jugendliche zum Abhängen und Zeit verbringen. Nennt mir mal eine Gruppe, zu der man heute als Jugendlicher kommen kann, wenn du nicht ein bestimmte Sportart beherrscht oder ein besonderes Instrument spielst oder sonst eine besondere Leistung vorzuweisen hast! Wie gut, wenn die Jugendlichen zu uns in die Krypta der Kirche kommen können mit diesem Gefühl: Hier bin ich willkommen, so wie ich bin.

Die dritte Ebene der Anerkennung findet sich in jedem einzelnen von uns: Du bist angenommen, so wie du bist. Ich weiß ja, wie oft du sagt: Das schaffe ich alles nicht. All die Arbeit, das schaffe ich nicht mehr. Den Streit in meiner Beziehung, das schaffe ich nicht mehr. Diese elende Krankheit, die mich nicht loslässt, dass schaffe ich nicht mehr. Dieses ewige Alleinsein, das schaffe ich nicht mehr. Ich weiß das, weil jeder von uns, davon bin ich überzeugt, diesen Gedanken immer wieder in sich trägt: Ich schaffe das alles nicht mehr. Aber unser Glaube lässt uns noch etwas anderes sagen: Auch wenn ich es nicht mehr schaffe, auch wenn meine Beziehung zerbricht, wenn ich am Arbeitsplatz scheitere, auch wenn ich schon wieder eine schlechte Note von der Schule nach Hause bringe, ich bin angenommen. Ich darf leben. Ich bin geliebt. Mir wird eine Kraft zugesprochen, die mir keiner nehmen kann. Eine Kraft, die nicht aus mir selber kommen muss.

Das grundlegende Angenommensein jedes Menschen als Mensch ist der Glutkern der Reformation. Diese Wahrheit durchzieht das ganze Leben. Und diese Wahrheit durchzieht die Welt. Deshalb war die Reformation mehr als das Glaubensereignis eines einzelnen Christen. Die Reformation war die Wiederentdeckung der Wahrheit für die ganze Welt.

Martin Luther hat lange gebraucht, um diesen ganz einfachen Kern unseres Glaubens freizulegen. Ein langer, schmerzhafter Weg war es für ihn. Umso befreiender war dann die neue Erkenntnis. „Ich fühlte mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 29. Oktober 2017 von Pastor Matti Fischer in der Maaria–Kirche in Turku.


Hauptpastor der Gemeinde