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Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

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Predigt zu Matthäus 15,21–28 am 17. Sonntag nach Trinitatis, 
dem 8. Oktober 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Matthäus 15,21–28 am 17. Sonntag nach Trinitatis, 
dem 8. Oktober 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Liebe Schwestern und Brüder,

schmerzhaft ist das Evangelium, das wir in diesem Gottesdienst gehört haben. Es tut weh, Worte der Arroganz und kulturellen Überheblichkeit aus dem Munde Jesu zu hören. Es passt nicht zu ihm — es passt nicht zu dem dem Bild, das wir von ihm haben.
Ich möchte versuchen zu verstehen, wie es zu dieser Entgleisung kommt. Lasst uns noch einmal auf unser Evangelium hören:

Und Jesus ging aus Galliläa weg und zog sich jenseits der Grenze in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. Und da kam eine kanaanäische Frau, die dort zuhause war, und schrie: Hab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon furchtbar gequält. Er aber antwortete ihr mit keinem Wort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Stell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her!

Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

Er antwortete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.

Sie sagte: Stimmt, Herr, aber die Hunde fressen ja auch von den Brotbrocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst. Und von Stund an war ihre Tochter geheilt.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wandern im Grenzland — die eigene Kultur wird fraglich: hier gelten andere Sitten, andere Werte, andre Traditionen.

Wandern im Grenzland — die fremde Kultur wird mächtig: sie bestimmt darüber, ob man gegrüßt wird, ob man sich zu Tisch setzen darf, ob man ein Obdach für die Nacht findet.

Wandern im Grenzland — das ist ein Abenteuer für den, der sich einer unvertrauten Kultur zu öffnen gelernt hat, neugierig auf Fremdes reagiert, andere Traditionen zu achten gewohnt ist.

Wandern im Grenzland — das ist ein Alptraum für den, der von Kindheit an verachten gelernt hat, was anders ist als der eigene Glaube — ein Alptraum für den, der Fremdes für minderwertig zu halten gewohnt ist – ein Alptraum für den, der ausschließlich die eigene Tradition für normativ und allein gültig akzeptieren kann.

Wandern im Grenzland — ein Alptraum für Jesus und seine Jünger. Denn so sind sie geprägt von Kindesbeinen an: von Verachtung gegenüber den Bewohnern Kanaans, von exklusivem Geltungsanspruch der jüdischen Tradition, von tief eingewurzeltem Misstrauen allem Fremden gegenüber.
Nicht touristisches Interesse veranlasst diese Wanderung im Grenzland und auch nicht missionarisches Streben. Es ist wohl eher so, dass der Boden heiß geworden war im judäischen Lande.

Jenseits der Grenze ist es sicherer — aber eben auch fremd.

Eine Frau bittet um Hilfe — eine von den einheimischen, eine Nichtjüdin. Es ist grenzwertig, wie Jesus sie behandelt.

Jesus reagiert auf ihren Hilferuf wie ein subalterner Beamter: seine wichtigste Frage ist: „Bin ich zuständig?“ Seine zufriedene Antwort: „Ich bin nicht zuständig!“ Sollen sich andere kümmern!

Es ist grenzwertig, wie Jesus sich dieser Frau gegenüber verhält — verständlich höchstens als die hilflose Behauptung von Souveränität: so reagiert ein Mensch, der im tiefsten verunsichert ist durch die Erfahrung einer ganz anderen Kultur, und der unfähig ist, sich ihr zu stellen, unfähig die Infragestellung der eigenen Kultur zu ertragen. Ein Mensch, der so tut, als könne seine Kultur hier Geltung als Leitkultur beanspruchen.

Nicht, dass ich Jesus so sehe! Es passt nicht zu ihm. Es passt nicht zu dem Bild, das wir von ihm haben. Und ich traue diesem Bild mehr als dem, was Matthäus hier beschreibt. Ich habe den Eindruck, dass Matthäus provoziert. Dass er einen Jesus schildert, der Widerspruch wecken soll.

Matthäus schreibt für eine Gemeinde, die im Grenzland lebt. Eine Gemeinde, die das Grenzland nicht nur durchwandert, sondern dauerhaft in ihm zu leben gezwungen ist. Eine Gemeinde, die ihre eigene Kultur zu bewahren sucht, inmitten einer fremden Kultur.

Matthäus zeigt mit seiner Geschichte, wie das Beharren auf der eigenen Kultur zum Verrat an eben dieser Kultur wird. Denn wenn uns Jesus in dieser Geschichte so stark irritiert mit seiner arroganten Antwort, dann liegt das daran, dass wir völlig anderes von ihm erwarten dürfen.

Und auch die kanaanitische Frau darf anderes von ihm erwarten.

Die Frau darf erwarten, dass Jesus sie als Mensch wahrnimmt — nicht nur als Fremdgläubige. Auch wenn der jüdische Glaube die Fremdgläubigen, die Heiden, Jahrhunderte lang auf die Stufe von Hunden herabgewürdigt hat, so darf die Frau doch erwarten, dass Jesus ihre Not sieht, sie als einen Menschen wahrnimmt, der Hilfe braucht.

Es irritiert, dass Jesus diese Hilfe verweigert. Es ruft Widerspruch hervor, dass er dies mit so harten Worten tut.

Die Frau lässt sich nicht zurückweisen. Mit Schweigen nicht und auch nicht mit Schimpfworten. Sie klagt die Barmherzigkeit ein, die sie von Jesus erwarten darf. Und Jesus geht darauf ein. Widerwillig zwar, aber er geht darauf ein. Der Glaube dieser Frau überwindet seine kulturelle Überheblichkeit.

Matthäus schildert eine Konversion: An Jesus macht er beispielhaft deutlich, was für seine Gemeinde jetzt dran ist: Seine Gemeinde lebt in der Gefahr, sich abzuschließen im exklusiven Geltungsanspruch der eigenen Kultur.

Seine Gemeinde lebt in der Gefahr, überheblich zu werden gegenüber den Menschen, die sie als fremd und heidnisch empfindet, mit denen sie aber zusammenzuleben gezwungen ist.

Es wäre der Verrat an den Werten der eigenen Kultur, wenn sie die Gemeinde unbarmherzig, hart und dialogunfähig machte. Es würde ihren Glauben zur Ideologie pervertieren.

Matthäus zeigt mit seiner Geschichte: Jesus wäre nicht mehr Jesus wenn er sich dauerhaft dem Bitten der heidnischen Frau verschließt. Er würde zu genau einem jener arroganten Pharisäer, die er kurz vorher noch als Heuchler bezeichnet hatte. Er würde zu einem herzlosen Ideologen.

Matthäus schildert eine Konversion: Jesus lässt sich von dieser Frau überzeugen, seinem eigenen Anspruch treu zu bleiben. Die eigenen Werte nicht zu verraten an eine zur Schau gestellte kulturelle Überheblichkeit. Jesus lässt sich überzeugen vom Glauben dieser heidnischen Frau.

Was ist das für eine Predigt, die Matthäus seiner Gemeinde hier hält! Das, was Gott bei seiner Gemeinde erwarten dürfte, das findet er ausgerechnet bei einer heidnischen Frau!

Ihr Glaube lässt Jesus zurückkehren zu den Werten, die er im Gefühl kultureller Überlegenheit fast schon verraten hätte.

In den Verhältnissen unserer Zeit lässt sich das vielleicht so wiedergeben:

Man kann die Werte des christlichen Abendlandes hochhalten und im Gefühl kultureller Überlegenheit genau diese Werte verletzen. Wer die Werte des christlichen Abendlandes dadurch zu verteidigen meint, dass er hilfesuchende Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, der pervertiert die Werte des christlichen Abendlandes. Notwendig ist eine Konversion hin zu den abendländischen Werten von Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit. Sind diese abendländischen Werte eigentlich so weit entfernt von den morgenländischen? Es ist gut möglich, dass Matthäus uns heute den Glauben einer Muslima als beispielhaft schildern würde.

Amen.

 

 


— Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis, 8. Oktober 2017 von Pastor Hans–Christian Beutel in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Reisepastor der Gemeinde