KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue.

4. Mose 23,19

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Hebräer 1,3

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Predigt zur Apostelgeschichte 3,1–10 am 12. Sonntag 
nach Trinitatis, dem 3. September 2017 in der 
Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zur Apostelgeschichte 3,1–10 am 12. Sonntag 
nach Trinitatis, dem 3. September 2017 in der 
Deutschen Kirche in Helsinki

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.Apostelgeschichte 3,1–10

In jüngster Zeit haben sich mir aus der Fülle der Nachrichten zwei Bilder besonders eingeprägt: Das warme Licht des anteilnehmenden Kerzenmeeres auf dem Markt von Turku (Åbo), an der Stelle, wo der irregeleitete fundamentalistische Islamistenterrorist mit seinen Dolchen zwei Menschen ermordete und viele verletzte. Sodann ein zweites Bild aus Houston in den Vereinigten Staaten, wo in der maßlosen Überschwemmungsflut ein Helfer ein Kind auf den Armen trug und dieses wieder auf seinem Leib seinen Hund in Sicherheit brachte. Bilder, die die Welt erschüttern. Ich werde noch auf jene Bilder zurückkommen.

Wir haben im Evangelium von der Heilung des Taubstummen gehört. In der Epistel ging es gerade anders herum: Da hörten wir von der Blendung also Blindmachung eines Sehenden. Im Evangelium wird der Ausgegrenzte mit offenen Ohren und rechter Sprache resozialisiert; in der Epistel wird der Gewalttätige isoliert. Allen — auch dem Geheilten im Predigttext — gemeinsam ist, dass sie persönlich angesprochen werden. Gott gibt sein Wort, entweder durch Menschen oder als Stimme vom Himmel, die das Geschehnis bewirken, darreichen und erklären und darin das Wesen Gottes als Liebe kundtun.

Im Predigttext hören wir von einer doppelten Heilung, oder besser von einer dreifachen: Erstens, die Lähmung wurde geheilt, zweitens, der namenlose Mann konnte auf einmal gehen und musste nicht erst mühsam das Stehen und dann den ersten Schritt erlernen wie ein kleines Kind, und drittens das Wunder, dass jener Mann nicht einfach in die Kneipe lief, seine neue Fähigkeit zu feiern, sondern mit Petrus und Johannes in das Gotteshaus ging und Gott lobte.

Man hatte jenen namenlosen Krüppel als ein Häufchen Elend vor die schöne Pforte gebracht, die vom Vorhof zum Frauenhof im Tempel führte. Schon damals wusste man aus Erfahrung, dass Frauen oftmals mildtätiger sind als Männer, ein weicheres Herz haben und sich eher erbarmen. Die schöne Pforte führt in den Tempel und erschließt also auch die Hoffnung auf Barmherzigkeit, Sanftmut, Anteilnahme, Menschlichkeit, Mitempfinden, Verständnis, kurz: Hoffnung auf Liebe.

Petrus und Johannes gingen beten. Es war ihnen ganz selbstverständlich, in den Tempel zu gehen, denn sie sahen sich als gute Juden eben auch als und gerade weil als Christen. Die schöne Pforte führt in den Tempel und erschließt also auch die Gemeinschaft der Gläubigen, die alle das Reich Gottes ersehnen und betend erbauen wollen.

Die beiden waren Männer und taten sich damit keinen Abbruch, durch den äußeren Tempelvorhof im Strom der Frauen durch das schöne Tor zu gehen. Die schöne Pforte erschließt also auch die Hoffnung auf Gleichberechtigung von Mann und Frau, gemeinsam als Kinder des einen und gemeinsamen Gottes, als gemeinsame Jüngerinnen und Jünger des einen Heilandes im Gebet durch den Heiligen Geist vereint, auch wenn in getrennten Vorhöfen wie noch heutzutage an der Klagemauer in Jerusalem.

Am schönen Tor hatten die beiden Männer keine Eile. Sie standen nicht unter religiösem Leistungsdruck, der kein Zuspätkommen leiden mag. Die Gebetszeiten waren im Judentum ziemlich geregelt, hier wohl gegen drei Uhr nachmittags. Die Jünger vernehmen den Bettelruf, die Bitte um Almosen. Sie halten inne. Die schöne Pforte führt in den Tempel und erschließt also auch die Muße, dass man Zeit hat, sich Zeit nehmen kann, innehält für Gott und für den Erbärmlichen.

Nun geschieht eine bemerkenswerte Kommunikation der Blicke, die etwas für das lukanische Doppelwerk — Lukas–Evangelium und Apostelgeschichte — etwas sehr Typisches ist; zum Beispiel Lukas 10, wo der barmherzige Samariter den Geschundenen sah und sich seiner erbarmte, oder Lukas 15, wo der Vater den heimkommenden verlorenen Sohn aus der Ferne sah, Mitleid mit ihm hatte und ihm entgegenlief. Im heutigen Predigttext erzählt Lukas, dass der Lahme die Jünger ansieht, seine Bitte hervorstößt und die Augen beschämt niederschlägt. Letzteres muss man ja daraus schließen, dass Petrus ihn auffordert: „Sieh uns an!“ Extra wird ja betont, dass Petrus ihn anblickte und dass der Behinderte sie ansah. Die schöne Pforte führt also auch dahin, dass die Menschen einander sehen, weil Gott der Herr uns sieht: Moria heißt der Berg, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte, und Moria ist Hebräisch und bedeutet: „Gotte der Herr sieht“, und Moria ist die Stätte, auf der noch heute der Tempel in Jerusalem steht. Die schöne Pforte führt in den Tempel und erschließt also auch die Kommunikation der Blicke: Gott sieht den Menschen, sieht seine Not und öffnet seinen Menschen die Augen füreinander.
Nun werden wir beteiligt an einem Moment der Wahrheit, in dem der Mensch seine Armut kundtut, sich dazu stellt, erhofftes und benötigtes Geld nicht zu besitzen. Petrus sagt: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir“. Die schöne Pforte führt also auch dahin, dass man seine eigene Situation erkennt und frei bekennt, wie unser Reformator Martin Luther auf seinem allerletzten Zettelchen kurz vor seinem Tode: „Wir sind Bettler. Hoc est verum!“ (WATr Nummer 5468 vom 16.2.1546). Wir alle sind vor Gott nur einfache Bettler. Auch streift die Schöne Pforte die Bedeutung des Geldes ab, die schon Jesus als ‘ungerechten Mammon’ abgetan hatte. Und zur Wahrheit führt das schöne Tor auch hinsichtlich dessen, dass man innehält und eine Bestandsaufnahme darüber macht, was der eigentliche und wesentliche Besitz ist, den man hat. Und die Schönheit der Pforte erstrahlt im Lichte der Bereitschaft, das, was man hat zu teilen, zu schenken, auszuschütten.

Was ‘hat’ Petrus? Was ist der ‘Besitz’ beider Jünger, Petrus und Johannes? Sie ‘haben’ Glauben. Was für ein ‘Besitz’ ist das und wie kann man darüber verfügen? Noch absurder wird die Frage, wie man Glauben teilen, weitergeben, mitteilen kann, denn jeder muss ja seinen eigenen Glauben haben, um darin selig zu werden. Das schöne Tor führt dazu, dass man innehält und erkennt, was der Glaube bewirkt: Die Wirkung des Glaubens ist es, dass im allerkleinsten Fünklein eines noch so kleinen und schwachen Kinderglaubens der ganze Christus mit all seinen Gaben, mit all seiner Macht und Liebe anwesend ist und immer neu anwesend wird, wie Martin Luther so schön in der großen Galaterbriefvorlesung lehrt, ich sag es erst in der Ursprache, Latein: „lustificat ergo fides, quia apprehendit et possidet istum thesaurum, scilicet Christum praesentem. Sed quo modo praesens sit, non est cogitabile, quia sunt tenebrae, ut dixi. Ubi ergo vera fiducia cordis est, ibi adest Christus in ipsa nebula et fide.“ (WA 40 I, 229, 22–25 Dr zu Gal. 2,16 von 1535). Auf Deutsch: „Der Glaube macht also gerecht, denn er ergreift und besitzt jenen Schatz, nämlich den anwesenden Christus. Aber auf welche Weise er anwesend ist, ist gedanklich unerschließbar (non est cogitabile), denn es sind sozusagen Schatten. Wo also das wahre Vertrauen des Herzens ist, dort ist Christus anwesend im Nebeldunst und Glauben.“ Luther spricht also von dem Schatz, den man im Glauben besitzt. Und am schönen Tor kommt es zur Bereitschaft, diesen Schatz in Liebe auszuteilen.

Da öffnet sich das schöne Tor zum Leben. Vom natürlichen Menschen sagten die damaligen Besatzungsmächte in ihrer lateinischen Sprache: „Homo homini lupus est“ (ca. 270 vor Christus Rubellius Plautus, Asinaria 495), der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Aber wo im Glauben Christus anwesend ist, wird der Mensch dem Menschen zur Heilung, zur Arznei, zur Labsal. Nun wird der im Glauben anwesende ganze Christus in der Liebe ausgeschüttet und weiter verteilt. Im Glauben gibt Christus sich und all das Seine dem bedürftigen und sündigen Menschen, erfüllt ihn mit seiner Liebe und bringt ihn dazu mit diesem sich schenkenden Christus zu sagen: „was ich aber habe, das gebe ich dir“. So wie sich Christus selber geschenkt hat, so schenkt ihn der Mensch weiter. Petrus sagt: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf (Apostelgeschichte 3,6–7). — In seinem Namen ist der Herr selber tätig. Petrus handelt nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen dessen, der ihn bevollmächtigt hatte, seine Schafe zu weiden (Johannes 21,15–17). In jenen heiligen Namen sind wir durch die Taufe hineingenommen und eingesenkt. In diesem Namen ist unser Name geborgen, den wir in der Taufe bekamen. In diesem heiligen Namen werden wir zum Christus für den Nächsten. Wort und Handlung werden eins, denn Petrus spricht nicht nur jenes Machtwort aus, sondern nimmt den Behinderten bei der Hand und richtet ihn auf. Das Wort ist Kraft und Tat. Blick, Wort und Griff eröffnen dem Lahmen das schöne Tor zum  geheilten neuen Leben.

Welche Voraussetzung brachte jener Krüppel für seine Heilung mit? Kannte er den Namen Jesu Christi von Nazareth? Er hatte sicher davon gehört, denn Jesus war ja eine Sensation mit all seinen Heilungen, Wundern, seinem elenden Tod und mit dem Gerücht seiner Auferstehung. Das hatte sich bei allen herumgesprochen (vergleiche Johannes 12,19: siehe alle Welt läuft ihm nach). Unser Predigttext sagt nichts von einer Prädisposition des Lahmen für seine Heilung, spricht nicht von einem möglichen Glauben bei ihm, aufgrund dessen er geheilt worden wäre. Es ist annehmbar, aber nicht gesagt. Darum möchte ich von der Annahme ausgehen, dass der im Glauben anwesende Christus keiner Vorausbedingung bedarf, sondern diese selber schafft. Unser Reformator Martin Luther lehrt, dass das Wort den Glauben schafft, hervorbringt, produziert, denn Glaube ist nicht machbar, sondern immer als Geschenk ein von Gott dem Menschen eingegossener Glaube. Das wird meines Erachtens im Predigttext durch das offenkundige Fehlen jeglicher Voraussetzung hervorgehoben. Auch darin öffnet sich das schöne Tor zum Leben, dass der Glaube und das Heil nicht als Werk des Menschen machbar oder konditionierbar sind, sondern von Gott im Namen des im Glauben anwesenden Christus durch den Heiligen Geist geschenkt werden.

Und nun komme ich zum Schluss auf die von mir am Anfang vorgestellten beiden Bilder zurück. Was für ein schönes Tor tat sich in Turku (Åbo) auf, wo alle Welt durch die Gräueltat mit Entsetzen erschüttert wurde, und welche schöne Pforte in der sintflutartigen Überschwemmung im Süden der USA, in der Tausende ihr Heim und etliche gar ihr Leben verloren haben? Recht habt ihr: Am Terrorismus und an Naturkatastrophen ist tatsächlich nichts Schönes und nichts zu beschönigen. — Meines Erachtens ist die warme Sympathie, die offenherzige Beileidsbekundung der Bevölkerung, der sich auch der Präsident Finnlands und der Erzbischof sowie der Bischof von Turku (Åbo) gemeinsam mit dem Imam der islamischen Vereinigungen von Turku (Åbo) anschlossen, ein so schönes Tor zur Menschlichkeit, in dem der anwesende Christus die vom Schock quasi Gelähmten aufrichtet und sein heilendes Wort spricht. Desgleichen die Hilfsbereitschaft der Einsatzkräfte und Einzelbürger in jener Flutkatastrophe, die den Kurzbeinigen die eigenen längeren Beine und stärkeren Arme leiht, das kommt mir vor wie so ein schönes Tor, in dem der anwesende Heiland seinen rettenden und heilbringenden Arm leiht. In beiden Bildern ist es die warme und wärmende Nächstenliebe, die Glauben und Hoffnung sichtbar werden lässt, wo alles sonst hinfällig und der Mensch ein Häufchen Elend wird.

Da öffnet sich das schöne Tor zum Leben!

Amen.

 

 


— Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 3. September 2017 von Pastor Hans–Christian Daniel in der Deutschen Kirche in Helsinki.