KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 9 6869 8513‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Dokumente

< aktuelle Links, Dokumente, Tagesordnungen, Sitzungsprotokolle, Terminübersicht, PDFs und ähnliches… >

Die Tageslosung

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
Weitere Informationen finden Sie hier


Predigt zu Matthäus 7, 24–27 am Neunten Sonntag nach Trinitatis, dem 13. August 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Matthäus 7, 24–27 am Neunten Sonntag nach Trinitatis, dem 13. August 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

[ Matthäus 7, 24–27 ]

Jesus spricht: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“

Häufig wurden in der Theologiegeschichte Glaube und Vernunft gegeneinander ausgespielt: In der Zeit der Aufklärung wurde die Vernunft als der Gegensatz zum Glauben hervorgekehrt, im Pietismus hinwiederum der Glaube als ein Gefühlszustand betrachtet gegen die Vernunft. So konnte beispielsweise der finnische Prophet der Erweckten, Paavo Ruotsalainen, den „Gehirnglauben“ seiner Gegner (zum Beispiel Snellmann und Runeberg) damit anprangern, dass jene Philosophen die Bibel so zerstörerisch untersuchen („tehdä selevän“) wie das Schwein das Kartoffelbeet. Aber auf der anderen Seite zeigte Paavo seinen Anhängern unerbittlich, dass diese sich aus ihren Gefühlszuständen einen Abgott machten und sich damit von Christus und dessen gefühlsunabhängigem Wort und Sakrament trennen würden.

Im Licht des Predigttextes stehen aber nicht Vernunft und Glaube gegeneinander, sondern ein tatenloses Hören und der christliche Pragmatismus. Der Herr beschließt seine großartige und vielseitige Bergpredigt mit dem eben gehörten Gleichnis von den zwei verschiedenen Fundierungsweisen im Hausbau: auf Sand oder auf den Felsen. Der Herr sagt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann“. Es geht hier also durchaus um Klugheit, denn der griechische Begriff des Urtextes lautet φρονίμος, also „verständig, klug, einsichtsvoll“. Wenn Hören und Handeln Hand in Hand gehen, ist das klug, wenn das, was man hört, die Einsicht fördert.

Viele sagen heutzutage, Jesus sei ein weiser Lehrer gewesen, wollen aber seinen Worten und seiner Lehre nicht folgen, sondern postmodern lieber so leben und glauben, wie es ihnen selber am besten passt. Immer wieder hat der Herr Jesus den Pragmatismus des Glaubens betont, denn an ihren Früchten sollen wir die Lehre prüfen.

In Israel hatte ich auf einer Studienreise in Cesarea Philippi bei den Jordanquellen eine Morgenandacht zu halten. Dort war ein dem römischen Gott Pan geweihter Tempel von einem Erdbeben zerstört worden, und da er am Fuße eines Felsabhanges auf Sand erbaut war, durch die vom Erdbeben verursachte Vermengung von Wasser und Sand in den sich verflüssigenden Erdboden gesunken. Gerade an jener Stelle hatte der Heiland wohl den trügerischen Sand vor Augen, als er Simon, der dort das Messias–Bekenntnis ablegte, den Namen Petrus also „Felsen“ gab, auf den er seine Kirche bauen werde.Hundertfach sahen wir es auf unseren Dänemark–Reisen die gesamte jütländische West– und Nordküste entlang, dass die von Hitler gegen eine mögliche Invasion der Alliierten über die Nordsee auf dem Sandstrand gebauten massiven Betonbunker schief und krumm standen und meist zur Hälfte im Sand versunken waren. Man wird dort durch jene Mahnmale ernstlich daran erinnert, wie sehr der faschistische Hass auf Sand gebaut und damit unklug, unverständig, geistlos ist.

Vor ein paar Tagen sah ich im National–Geographic–Fernsehkanal einen Bericht über die versunkene Piratenstadt Port Royal in Jamaica, die auf Sand gegründet war, der sich bei dem großen Erdbeben 1692 verflüssigte, so dass man sagen musste: „die Natur rächte sich an der sündigsten Stadt der Welt“. — Es ist interessant nachzuvollziehen, wie sehr die Worte Jesu im heutigen Predigttext mit den historischen Daten und Fakten übereinstimmen. Glaube und Einsichtsfülle oder Vernunft — Vernunft kommt ja von „vernehmen“ — stehen also nicht gegeneinander, sondern gehen pragmatisch Hand in Hand.

Wie mag solch ein weiser Hausbau im Leben des Einzelnen aussehen und möglich werden? — Auch wenn man nicht selber baut, so ist doch das Haus oder die Wohnung immer der feste Punkt, an und in dem das Leben verankert ist und von dem es seinen Ausgangspunkt nimmt. Es geht also um die Basis der Existenz. Kürzlich traf ich im Warenhaus eine ältere Frau, die recht kümmerlich an zwei Stöcken ging. Auf meine Frage, wie es ihr gehe,  antwortete sie: „Ach, hier gehe ich mit meiner Demenz, mit meinem Krebs und Leukämie, aber es geht eben, so lange der himmlische Vater mir Lebenstage schenkt. Und dankbar darf ich sein, da ich noch lebe, Kinder und Enkelchen, Hoffnung und Licht habe.“ — Diese liebe Schwester in Christus hat in ihrem Leben die ganze Bergpredigt zu spüren bekommen: Von den Seligpreisungen durch den als Salz wirkenden und Licht leuchtenden Glauben, durch den im Erdulden des Bösen errungenen Sieg über Hass und Verbitterung, durch das rechte Gebet, in dem man einwilligend bittet Dein Wille geschehe, zu den Schätzen im Himmel; von der Fürsorge Gottes auch über die Vögel des Himmels und die Blumen auf dem Felde zur Suche nach dem Reiche Gottes, durch die goldene Regel hinein durch die enge Pforte. Und nun mit dem Predigttext in den unausweichlichen Platzregen, die Wassermassen und Stürme des Lebens: Das Lebensgebäude jener Frau ist auf den sicheren Felsen gegründet, denn sie hat das Wort des Herrn Jesus vernommen und tief in den Herzensgrund gepflanzt, wo es zum ewigen Leben aufkeimt. Das Wort ist bei ihr in der Schule des Lebens praktiziert worden, so wie der Heiland heute sagt: „wer diese meine Rede hört und tut sie“. Das Wort und dessen Tun sind eins geworden. Oh, wenn auch ich solchen festen, hellen und kindlichen, starken und sicheren Glauben hätte wie jene Schwester in Christus!

Zu unserer Zeit müssen wir immer wieder solche auf Sand gebaute Lebens–, Sozial– oder Staatsgebäude sehen, die den Unwettern nicht standhalten können. Der Narzissmus, Hedonismus oder die Ichsucht des Menschen von heute kann nur in die Vereinsamung führen. Das Verbreiten sogenannter „alternativer Wahrheiten“ kann nur dazu führen, dass die Lüge wieder durchs Land hinkt und das Vertrauen auf Werte, gute Sitten und Politik geschwächt wird. Die Völker, die in Nord–Afrika im gegenseitigen Hass unter dem fundamentalistischen Vorwand der eigenen richtigen religiösen Einstellung keine Existenzgrundlage mehr finden, werden zu Millionen über das gefährliche Meer ins Exil gedrängt, wobei tausende ertrinken. Oder die staatliche Gier, die sich einfach eine ganze Halbinsel annektiert und das Nachbarland mit Krieg überzieht, muss einfach zur internationalen Isolation führen. Auch beim Kirchenvolk findet sich ganz Ähnliches: Als kürzlich hier in Finnland die Falschmeldung publik wurde, die lutherische Kirche beteilige sich an den Kosten einer Großmoschee in Helsinki, traten hunderte aus der Kirche aus. Glaubt nur nicht, dass jene nach dem Dementi und der Richtigstellung durch die Kirchenleitung wieder eingetreten wären. Nein, das auf den Treibsand der Gefühle errichtete Gebäude ist nicht zu retten, denn man verschanzt sich lieber in den Schwulst seiner Entrüstung und damit in die Lüge, als in die Kirche, den Schoß Christi zu kommen und seine lebenspendenden Worte zu vernehmen. Auch im Privatleben kann man beispielsweise in der Lebensgemeinschaft bzw. sogenannten „wilden Ehe“ oder dem Zusammenleben ohne Ehe, die im Finnischen fälschlicherweise als „offener Bund“ (avoliitto) bezeichnet wird — weil es da ja gar keinen „Bund“ gibt — immer wieder sehen, wie die auf den Sand gebauten Kartenhäuser solcher Familien zusammenbrechen in Untreue (da man ja nichts versprochen hat) oder im Todesfall, wo auf einmal die Verwandtschaft des oder der Verstorbenen an Stelle des sogenannten „offenen Gemahls“ oder der „offenen Gemahlin“ alles erbt und die oder der Zurückgebliebene ihre oder seine gemeinschaftlich errungene Existenzgrundlage verliert. Zum Glück hören viele Paare auf die Worte Jesu und handeln danach.

Eingangs fragte ich nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft. Aufgrund der Lebenshaltung jener schwachen Schwester im Herrn kann man tatsächlich sagen, dass Glaube und  Vernunft einander nicht ausschließen, wie auch Glaube und Gefühl einander nicht verdrängen. Aufgrund des heutigen Predigttextes kann man sagen, dass das Vernehmen des Wortes als ein Erfassen und Ergreifen — wie es die Etymologie des Wortes „Vernunft“ bedingt — im Lichte des Glaubens zum Träger und zur pragmatischen Basis des ganzen  Lebens werden will, soll und kann. Diese wundersame Synthese hat unser Reformator Martin Luther großartig in einem Irrealis formuliert — also in einem Satz des irrealen Wunsches einer als unwirklich hingestellten Aussage (zum Beispiel „Hätte ich bloß nichts gesagt!“). Luther sagt auf Lateinisch, der damaligen Muttersprache der wissenschaftlichen Unterweisung: „Vellem, quod parvula lux in corde esset diffusa per totum corpus et membra et omnia, sed ist nur angehoben“. Auf Deutsch: „Ich wollte gerne, dass das kleine Licht im Herzen sich im ganzen Körper ausbreitete, in allen Gliedern und insgesamt, aber es ist nur angehoben (also nur erhöht oder immer nur anfänglich)“ (WA 40 I, 538 Gal. 1531 sv. Gal. 3:25 „Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister“). Wir müssen es also mit Luther lernen, mit diesen Defizit zu leben und uns mit dem kleinen Glaubenslichtlein zu begnügen. Das genügt, denn da der Herr in seinem Wort und Sakrament und im kleinen Kinderglauben anwesend ist, führt das zu einem starken Bau, der auf den Felsen fundiert aller Unbill des Lebens standhält und uns zum ewigen Leben führt. Das verleihe uns Gott der Herr durch Christus im Heiligen Geist!

Amen.

 

 


— Predigt zum Neunten Sonntag nach Trinitatis, 13. August 2017 von Pastor Hans–Christian Daniel in der Deutschen Kirche in Helsinki.