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Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue.

4. Mose 23,19

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Hebräer 1,3

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Predigt zu Johannes 1,35–41 am Fünften Sonntag nach Trinitatis, dem 16. Juli 2017 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Johannes 1,35–41 am Fünften Sonntag nach Trinitatis, dem 16. Juli 2017 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Heute geht es in den Texten dieses Gottesdienstes immer wieder um das Thema der Nachfolge. Gott ruft, Jesus lädt ein. Und die Menschen folgen diesem Ruf. Gott ruft Abraham noch im hohen Alter, sich auf einen ganz neuen Weg zu machen. Und Abraham macht sich auf den Weg in ein Land, das Gott ihm erst im Laufe des Unterwegsseins zeigen wird. Das Neue Testament ist voller Geschichten von Männern und Frauen, die Jesus begegnet sind und sich mit ihm ganz konkret auf den Weg machen. Hinauf nach Jerusalem. Einige von ihnen bis zum Kreuz und zum Morgen der Auferstehung.

Nachfolge — in der Bibel wird immer wieder davon erzählt. Der heutige Predigttext ruft uns hinein in die Nachfolge Jesu. Er steht im Johannes–Evangelium im ersten Kapitel.

35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi — das heißt übersetzt: Meister —, wo wirst du bleiben?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.

Es ist eine merkwürdige Geschichte. Ich zumindest finde sie merkwürdig. Zum einen erzählt der Evangelist Johannes hier ganz anders von der Nachfolge als die anderen Evangelisten. In den anderen Evangelien ist es Jesus selbst, der auf die Zöllner und Fischer zugeht und ihnen ins Angesicht sagt: „Folge mir nach!“ Und sie ließen alles hinter sich, was sie hatten und folgten ihm nach. Hier, in der heutigen Erzählung, hören die zwei Jünger aber erst einmal von Johannes, dem Täufer, dass das dieser Jesus sei, Lamm Gottes, der von dem so viel schon erzählt haben. Und sie fangen an Jesus nachzulaufen wie zwei Groupies ihrem Star.

Sprechen ihn nicht an. Wollen einfach nur in seiner Nähe sein. Da dreht sich Jesus um und stellt diese merkwürdige Frage: „Was sucht ihr?“ Er dürfte es ja wohl wissen, dass er selbst es ist, den sie suchen. Aber er fragt nochmal nach. Und diese Frage ruft ganz neu in die Nachfolge. Es reicht Jesus hier nicht aus, zwei unmündige Hunde im Schlepptau zu haben. Er will, dass die Menschen diese Frage beantworten, bevor sie mit ihm auf dem Weg sind: „Was suchst du?“ So wie er diese ersten Jünger fragt, so fragt er auch uns: „Was suchst du eigentlich? Was erwartest Du vom Leben? Was suchst du, wenn du dich am Sonntagfrüh auf den Weg machst hierher in die Stadt in die Deutsche Kirche? Schöne Musik, einen Augenblick der Ruhe? Eine Erkenntnis, die dich weiterbringt? Was suchst du?“
Jesus nimmt mich mit hinein in die Frage nach der Wahrheit. Die ist nicht unabhängig von dem zu finden, was ich suche. „Was suchst Du?“, fragt Jesus also. Und die Jünger antworten ihm ebenfalls mit einer Frage: „Wo ist deine Herberge? Wo wohnst Du?“ Schon wieder so eine merkwürdige Frage. Jesus sagt: Kommt mit und sie blieben bei ihm einen ganzen Tag lang.

Es ist eine merkwürdige Geschichte, gerade, weil sie so alltäglich ist. Eine Szene, die ja eigentlich nicht der Rede wert ist. Vielleicht ist sie deshalb auch eine der unbekannteren Nachfolgegeschichten. Wie viel spektakulärer ist dagegen die Geschichte vom Zöllner Levi, der vor den Toren seiner Stadt sitzt, von allen verhasst als listiger Geldeintreiber. Und Jesus kommt zu ihm und fordert ihn auf: Folge mir nach! Und Levi lässt alles hinter sich, was er hatte und folgte ihm nach. Das ist ‘ne Story! Aber hier: Zwei junge Männer wandern Jesus hinterher und als der ihnen die tiefsinnige Frage stellt, was sie denn nun suchen würden, fällt den beiden nichts anderes ein als zu fragen „Äh, wo wohnst du eigentlich?“ Das soll alles sein? Ja, das ist erstmal alles. Und das ist großartig, weil es ganz viel erzählt von dem was Nachfolge bedeutet. Und davon, wie wir in eine Beziehung zu diesem Gott in Jesus Christus treten können.

Vor einiger Zeit las ich eine Geschichte, einen Bericht über einem Tattoo–Künstler aus London. Also, der es auf besondere Weise versteht, andere zu tätowieren. Einem Deutschen, der in einem Hinterhof in London ein ganz unscheinbares verstecktes Tattoo–Studio hat und mittlerweile zu den angesagtesten Tätowierern weltweit gehört. Er hat sich auf die japanische Kunst des Tätowierens spezialisiert, den sogenannten Harimonos, Ganzkörpertattoos, die oft den ganzen Rücken bedecken. Wie er dazu kam, erzählte er in einem Interview.

Als er 19 Jahre alt war, brach er direkt nach der Schule nach Japan auf. Er interessierte sich seit längerem für die Kunst des Tätowierens und hörte, dass es in Japan eine lange Tradition des Tätowierens gibt. Nach Monaten des Suchens fand er einen Altmeister der japanischen Tätowierkunst. Er fragte ihn, ob er bei ihm in die Leere gehen könne. Der Meister überlegte lange Tage und gestattete es ihm schließlich. „Aber“, so sagte er, „es wird dich viele Jahre kosten“.

Und so war es auch: Die ersten zwei Jahre durfte der Deutsche keine Tätowiernadel anfassen. Was er machte: er lebte mit dem Meister zusammen. Stand mit ihm auf, trank mit ihm Tee, sah ihm bei seiner Kunst zu. Erst dann fing er langsam an, selber zu tätowieren. Kleine Tattoos. Irgendwann, nach Jahren seine erste größere Tätowierung. Und nach zehn Jahren war er soweit, dass seine Ausbildung fertig war und er zurück nach Europa gehen konnte um sein eigene Studio aufzumachen. In dem Interview erzählte er von den ersten harten Jahren. Und er erzählte von der Idee hinter dieser Art der Ausbildung. Der Meister hatte es ihm nach den ersten Monaten gesagt: „Du lernst meine Kunst nicht, in dem ich dir alle Schritte erkläre. Auch nicht, indem ich dir ein Lehrbuch gebe, wo du alles nachlesen kann. Es könnte ja sein“, so der Meister „es könnte ja sein, dass meine Tätowierungen so aussehen, weil ich auf eine bestimmte Art und Weise meinen Tee zubereite oder weil ich am Abend auf eine bestimmte Art und Weise mein Bett für die Nacht bereite. Und wenn du das nicht erlebst und spürst, dann wirst du nichts on dem Lernen, was ich mache.“

Für mich eine eindrückliche Geschichte über die Nachfolge. Es könnte ja sein, dass an Gott zu glauben und Jesus Christus nachzufolgen gar nicht heißt, hier, mit dem Kopf zu verstehen, das das irgendwie alles richtig ist, was der da so sagt und was da alles in der Bibel geschrieben steht. Es könnte ja sein, das Glauben und Nachfolge heißt, immer tiefer und weiter mit diesem Christus zu leben. Immer mehr und immer tiefer ihn in alle Schritte meines Alltags hineinzuholen. Immer mehr und immer tiefer zu ihm zu beten. Es könnte ja sein. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Ich höre immer wieder, dass Menschen Schwierigkeiten haben, zu Jesus zu beten. „Ich bete zu Gott“, höre ich immer wieder. „Ich bete zu Gott oder zur Schöpfung. Aber zu Jesus, nein, das finde ich merkwürdig.“ Wie klingt das für euch, wenn man so betet: „Jesus, guter Freund, ich bitte dich, begleite mich in meinem Leben. Mehr noch: Zeige mir, wo es hingehen soll. Ich will dir nachfolgen, nicht meinen eigene Wünschen und Zielen. Jesus, ich bitte dich“ Kann man so mit Jesus sprechen? Ist es nicht viel leichter, so zu Gott zu sprechen? Gott, der kein Mensch ist, der kein Gesicht hat? Den wir uns auch als Energie, als Kraft, die uns irgendwie umgibt, vorstellen können? Wie kann ich aber eine Beziehung zu diesem Jesus aufbauen? Wie kann ich überhaupt eine Beziehung zu jemanden aufbauen, den ich nicht sehe, der doch ganz offensichtlich nicht in dieser Welt ist, so wie es andere Menschen eben sind? Mit ihrem Angesicht, mit ihrer Stimme und ihrem Körper? Und wie kann die Bibel immer wieder behaupten, dieser Jesus würde leben und nach uns rufen? Verrückt. Oder?

Der Schlüssel liegt tatsächlich in der Nachfolge. Nachfolge heißt ja erstmal, dass man gemeinsam unterwegs ist. Einer geht voran, der andere folgt. Einer ist schon vor Ort, wir gehen hinterher. Nachfolge heißt, man ist gemeinsam in Bewegung. Und wenn man sich gemeinsam bewegt durch das Leben mit diesem Jesus, dann verändert sich auch die Beziehung. Da gibt es Zeiten von Nähe und Zeiten von Distanz. Nachfolge heißt, ein gemeinsames Leben zu führen, das auf ein Ziel hin ausgerichtet ist. Es heißt aber auch, dass ich, wenn ich folge, mich darauf verlassen kann, dass der andere das Ziel schon kennt. Die Bibel geht sogar noch weiter: Sie erzählt davon, dass Jesus selbst das Ziel ist. Dass die Beziehung, die ich mit ihm eingehe, schon das Ziel ist. Und schließlich geht die Bibel noch einen radikalen Schritt weiter: Die Beziehung, die ich mit Jesus habe, ist mir schon geschenkt. Die gibt es schon, ohne dass ich dafür etwas tun muss. In der Taufe bin ich mit diesem Jesus verbunden. Und das kann mir keiner mehr nehmen. Jesus ist mehr als ein Freund, denn eine Freundschaft kann daran zerbrechen, dass ich mich nicht mehr um sie kümmere. Jesus ist mehr als ein Geliebter, weil eine Liebe verkümmern kann, wenn ich sie nicht immer und immer wieder nähre. Aber die Freundschaft, die Liebe von Gott in diesem Christus ist bedingungslos da. Und in der Nachfolge Jesu leben heißt, sich auf diesen verrückten Weg zu machen, diesem einen nachzufolgen, der schon lange mein Leben gegründet hat.

Die beiden Jünger gehen einfach nur einen Tag mit. Jesus sagt: Schaut euch an, wie ich lebe. Und die beiden tun es. Wir erfahren als Hörer gar nicht, was die drei da so treiben den ganzen Tag. Aber das, was sie erleben, reicht aus, um am Abend sagen zu können: „Wir haben den Messias gefunden.“ Nachfolge heißt: Ich muss mit diesem Jesus leben. Ich muss mich auf dieses Spiel einlassen, auf diese Poesie, die die Bibel vorschlägt: Gott kommt im Menschen Jesus zu uns. Und wenn du in deinem ganzen Alltag immer wieder diesen Jesus mitnimmst und dich in allen Begegnungen von ihm mitnehmen lässt, dann lebst du in dieser Beziehung, dann wirst du von ihr getragen, von dieser verrückten und verrückenden Wahrheit des Lebens. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 


— Predigt zum Fünften Sonntag nach Trinitatis, 16. Juli 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde