KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue.

4. Mose 23,19

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Hebräer 1,3

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Predigt zu Johannes 12,20–26 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 in der Alten Kirche in Salo

Predigt zu Johannes 12,20–26 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 in der Alten Kirche in Salo

Liebe Schwestern und Brüder,

  • Lieben Sie Ihr Leben? — Liebst Du Dein Leben?
  • Was bedeutet Dir Dein Leben?
  • Könntest Du Dir vorstellen, dass Du Dein Leben wegwerfen könntest?
  • Könntest Du Dir vorstellen, dass Dir Dein Leben so bedeutungslos würde, dass es Dir nichts ausmachen würde, Dein Leben zu verlieren?
  • Liebst Du Dein Leben?

Ich liebe mein Leben und ich hänge daran. Und ich liebe, was lebendig ist und freue mich daran, wie in diesen Tagen die winterstarre Natur wieder lebendig wird.

Der höchste Wert, den ich meinen Kindern vermitteln möchte, ist die Achtung vor dem Leben. Und ich glaube, dass ich, wenn ich meine Kinder gelehrt habe, das Leben zu achten und zu lieben, ihnen das Wichtigste mitgegeben habe, was sie brauchen, um ihren Weg durch diese Welt zu bestehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich hoffe inständig, dass Ihr mit „Ja“ antwortet werden auf diese Frage:
Liebst Du Dein Leben? Wichtiger ist nichts auf dieser Erde, als dass ein Mensch aus tiefstem Herzen „Ja“ sagen kann, wenn er, wenn sie, gefragt wird: „Liebst Du Dein Leben?“

Kaum ein Wort Jesu ruft in mir solche Widerstände hervor wie dieser Satz:

„Wer sein Leben liebhat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“

Jesus, ich kann nur hoffen, dass Du diesen Satz nicht so gemeint hast, wie er heute in unserer Bibel steht.

Ob ich Dir nachfolgen kann, Jesus, hängt davon ab, ob ich für diesen Satz ein positives Verständnis finden kann — ob ich ihm einen Sinn abgewinnen kann, der das Leben auf dieser Erde nicht entwertet.

Jesus spricht diesen Satz an einem entscheidenden Punkt in seinem Leben. Das Johannesevangelium erzählt, wie Jesus begeistert aufgenommen wird von den einfachen Menschen — von den religiösen Führern seiner Zeit aber wird Jesus abgelehnt. Und Jesus weiß — es wird auf einen Streit um Leben und Tod hinauslaufen. Die religiösen Führer werden sich zur Wehr setzen gegen Jesu Anspruch, den Menschen einen Weg zu zeigen, der zu einem erfüllten Leben führt. Dieser Streit wird für ihn tödlich enden — denn den Machtmitteln, die gegen ihn eingesetzt werden, hat er nichts entgegenzustellen als seine wehrlosen, offenen Hände. Jesus hat den Tod vor Augen.

Da tut sich für Jesus plötzlich eine ganz unvermutete Tür auf: Menschen fragen nach ihm, mit denen er nie gerechnet hatte. Zum Passahfest waren einige Griechen nach Jerusalem gekommen und die fragen nun nach Jesus. Ganz unbeholfen wenden sie sich zuerst an den Jünger Philippus: „Herr, wir wollen Jesus gerne sehen.“ Philippus weiß nicht recht, wie er mit diesem Anliegen umgehen soll und in seiner Verlegenheit wendet Philippus sich an Andreas: „Da sind ein paar Griechen, die wollen Jesus gerne sehen.“ Und zusammen gehen die beiden zu Jesus: „Meister, da sind ein paar Religionstouristen aus Griechenland, die Dich gerne kennen lernen wollen.“

Ist das der Ausweg? In seinem eigenen Land wird Jesus abgelehnt. Was heißt es da, im Ausland auf Interesse zu stoßen? Ist das nicht die Chance: frei wirken zu können? Den religiös interessierten Menschen im griechischen Kulturraum den Gott des jüdischen Volkes nahe zu bringen. Welch eine Perspektive tut sich da auf! Ist das nicht Deine Chance, Jesus?!

Paulus, später, wird keinen Moment zögern, diese Chance zu nutzen und dass wir heute hier in dieser Stadt von Gott reden, verdanken wir Paulus, der beherzt diese Chance ergreift.

Jesus aber wehrt ab. Es wäre nicht sein Weg. Es würde für ihn bedeuten, dem Konflikt auszuweichen, dem er nicht ausweichen darf. Auch wenn es ihn das Leben kosten wird: Dieser Konflikt muss jetzt ausgetragen werden. Wenn Gottes Wort in seinem eigenen Volk nicht mehr gehört werden kann, dann hat es auch er ganzen übrigen Welt nichts mehr zu sagen. Wenn die Menschen in Jerusalem jetzt nicht begreifen, dass in Jesus Gott selbst zu ihnen spricht, um sie wirbt, dann wird der ganze Weg umsonst gewesen sein, den Gott mit diesem Volk von Abraham an gegangen ist.
Jesus wehrt ab. Es wäre nicht sein Weg, diesem Konflikt auszuweichen.

Dass er in diesem Konflikt sein Leben verlieren könnte — dass er sein Leben verlieren wird — ist ihm offensichtlich bewusst.

Aber er verweist die Griechen auf eine Weisheit, die sie aus ihrer eigenen Tradition kannten — eine Weisheit aus den Demetermysterien:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, dann kann es nur verbraucht werden.
Dann wird es zermahlen und zu Brot gebacken und gegessen.
Das wäre nicht wenig — und es entspräche dem Sinn des Weizenkorns.
Aber es steckt noch eine andere Möglichkeit in dem Weizenkorn, als die Möglichkeit, sich verbrauchen zu lassen.
In dem Weizenkorn steckt die Möglichkeit, in die Erde gesät zu werden und dort — von Erde bedeckt, zu sterben.
Und doch aus der Erde wieder emporzukommen, in einer ganz anderen Gestalt, als Halm, der eine Ähre tragen wird und in der Ähre Frucht trägt — viel Frucht.

Wenn ich mein Leben für so wertvoll halten würde, dass ich meine, es schonen zu müssen, dann wird das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk nie geklärt. Dann wird dieser Konflikt nie geklärt, in dem die Menschen so sehr an Gott vorbei leben, dass ihnen gar nicht mehr bewusst wird, wie unerfüllt ihr Leben bleibt.

Wenn ich mein Leben aber dafür einsetze, dass Gott und die Menschen seines Volkes endlich wieder zueinander finden, dann ist das eine Frucht, von der noch Generationen werden leben können — die sich nicht einfach verbraucht, sondern immer wieder neues Leben hervorbringt.“

Und so stellt Jesus sich dem Konflikt, nimmt den Tod in Kauf und sein Tod trägt eine Frucht, von der wir heute noch zehren.

Wir stehen heute vor einer Entscheidung: Verbrauchen wir diese Frucht oder werden wir selbst zu Saatkörnern?

Die Entscheidung vor der wir stehen ist die folgende:

Gebrauchen wir unseren Glauben ausschließlich als Selbstvergewisserung? Erwarten wir Bestätigung und Entlastung für unser Leben vom Gottesdienst, vom Gebet, vom Leben in der Gemeinde? Das ist alles an sich nicht falsch. Aber es wäre Religion im Modus der Selbststabilisierung. Der verbraucht die Fucht ohne selbst fruchtbar zu werden.

Oder führt uns das, was uns selbst an unserem Glauben gut tut, dazu, es auch anderen Menschen zu wünschen? Uns für andere Menschen einzusetzen? Unseren Glauben zu leben so dass er in konkrete Nächstenliebe führt? Das wäre Glaube, wie Jesus Christus ihn gemeint hat als er gesagt hat:

„Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll auch mein Diener sein.“

Kleines Beispiel:

Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt

Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und sovielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen.

Da hättest du
genau so gut
leuchten können.
(Erich Fried)

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsere Liebe, Amen.

 


— Predigt zu Johannes 12,20–26 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 von Pastor Hans–Christian Beutel in der Alten Kirche in Salo.


Reisepastor der Gemeinde