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Hebräer 1,3

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Predigt zu Johannes 6,55–65 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Johannes 6,55–65 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Johannesevangelium im 6. Kapitel.

[ Lesung Predigttext ]

55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
56 Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.
57 Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen.
58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.
59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Spaltung unter den Jüngern und das Bekenntnis des Petrus
60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?
61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?
62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war?
63 Der Geist ist’s, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.
64 Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Was für ein Knäuel, oder? So viele Bilder, so viele theologische Gedanken, so viel Tiefe des Textes. Wenn ihr nun dasitzt und die Frage in euch tragt: Was in aller Welt will dieser Text sagen?, dann seit beruhigt: Ich bin sicher, ich seid nicht die Einzigen. Mir jedenfalls schwirrte schon beim Lesen der Kopf, bei so viel Blut und Fleisch und Geist und Gott. Und irgendwie hat das alles miteinander zu tun und hängt miteinander zusammen. Und wir als Hörer, als die, die diesen Text glaubend verstehen wollen, stecken mittendrin. Ich will versuchen, dass Knäuel der Bilder und Worte zu entknoten. Und dann habe ich die Hoffnung, dass in diesem Text eine großartige Botschaft steckt. So viel vorneweg: Das zentrale Bild hier ist die Gabe, die Hingabe des einen zum anderen. Die Gabe Gottes an uns. Das Geschenk des Lebens. Und wie wir da rankommen, wie wir dieses Geschenk des Lebens ausgepackt bekommen, darum wird es in dieser Predigt gehen.

Wir haben hier eine Rede von Jesus an Seien Jünger. An die Frauen und Männer, die zum Teil schon lange mit ihm auf dem Weg sind, um von ihm zu hören, was es mit Gott auf sich hat. Und Jesus erzählt ihnen Ungeheuerliches: Ich bin Fleisch und Blut. Und wenn ihr mich esst, dann werdet ihr leben. Fleisch essen und Blut trinken. Ein krasses Bild. Ein Bild, dass uns natürlich vertraut ist, wenn wir das Abendmahl empfangen. Da, wenn wir um den Altar herumkommen, wenn wir Brot und Wein teilen, dann tun wir das ja im Glauben, dass Jesus Christus selbst zu uns kommt. Es ist ein uralter Streit in der Theologie, wie das gehen kann, dass Jesus in diesem Stück trockenem Brot und diesem kleinen Schluck Wein tatsächlich da ist. Ich will diesen Streit hier nicht aufgreifen. Worin sich alle einig sind: Jesus ist tatsächlich da, er kommt leibhaftig zu uns. Das steckt hinter diesen krassen Worten: Ich bin da, sagt Jesus. Ich bin da, indem ich mich hingebe. Er greift mit diesen Worten schon voraus, was bald geschehen wird: Jesus wird am Kreuz sterben. Für uns.

Manchmal habe ich Angst, ihr Lieben. Manchmal habe ich Angst vor diesen Worten und diesen Bildern. Nicht, weil die Rede vom Essen des Fleisches und vom Trinken des Blutes so grausame Bilder sind. Das schreckt mich nicht mehr. Ich habe Angst, dass diese Worte keiner mehr versteht. Oder das es nur noch so wenige sind, die mit diesem tiefen Bild der Hingabe etwas anfangen können. Ich habe Angst, dass das, was am Kreuz geschieht, immer weniger und weniger Menschen etwas sagt. Vielleicht habe ich Angst davor, dass auch mir das Wunder des Kreuzes, der Hingabe Gottes an uns, entgleitet. Stück für Stück, mit jedem Mal, wenn ich davon rede und ich merke: Es wird nicht mehr verstanden, es löst im anderen nichts mehr aus. Wie können wir davon reden, davon, dass dies hier das größte Geschenk, die größte Kraft unseres Lebens ist? Nicht nur in faden alten Worten der Tradition, abgenutzt über die Jahrhunderte, nicht mehr anschlussfähig an die Sprache, die die Menschen heute sprechen, an die Bilder, mit denen die Menschen heute vertraut sind. Ich habe Angst, dass das Kreuz die Menschen schon nicht mal mehr abstößt, sondern dass sie desinteressiert daran vorübergehen. Ein leeres Symbol, ein leeres Zeichen in der Fülle von Symbolen und Bildern in dieser Welt.

Ich lese den Text aus dem Johannesevangelium weiter und da sehe ich: Die Jünger von Jesus, die, die mit ihm unterwegs waren, die haben genau diese Frage. Damals schon vor 2000 Jahren: „Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?“ Wer hört eigentlich auf das, was du sagst? Fragen sie. Und hei: Das ist genau meine Frage: Wer hört eigentlich noch hin, was Jesus, sagt? Höre ich selber eigentlich noch hin? Genug? Wer hört noch hin? „Wer glaubt noch an meine Worte?“ Das fragt Jesus ja nicht irgendwen. Er fragt es sein Jünger, Frauen und Männer, die mit ihm lange Zeit unterwegs gewesen sind, die gesehen haben, wie er Kranke heilte, wie er auf die Menschen in den Dörfern und Städten zugegangen ist. Wie er immer wieder Zeichen gesetzt hat, dass in ihm Gott zur Welt kommt. Aber trotzdem glauben sie nicht alle. Nicht alle glauben, dass in ihm der Lauf der Zeit durchbrochen wird, dass mit ihm eine neue Geschichte anfängt. Wenn die das schon damals nicht geglaubt haben, ist es dann ein Wunder, dass es uns heute auch so geht? In Brot und Wein ist Jesu da, Gott, Wahrheit des Lebens. Kreuz, Abendmahl und Taufe, mehr braucht es nicht. Aber wer lebt aus dieser Gewissheit? Ich ehrlich gesagt nur in wenigen Momenten. In kurzen Augenblicken.

„Es sind etliche unter euch, die glauben nicht.“

Ja, stimmt. So ist es, Jesus. Damals schon und auch hier bei uns.

Wie kommen wir zum Glauben? Wie kann es sein, dass selbst viele von denen, die mit Jesus unterwegs waren, nicht daran glauben konnten, dass er der Sohn Gottes, Wahrheit des Lebens ist? Sie haben es doch gesehen. Und doch haben sie nicht geglaubt. Wie kommen wir zum Glauben? Zurzeit treffen wir uns einmal in der Woche hier unten in der Krypta der Kirche zum Glaubenskurs. An fünf Abenden geht es genau um diese Frage: Wie kommen wir zum Glauben? Wir können den Glauben ja nicht lernen wie ein Musikinstrument oder wie eine neue Sprache. Sicherlich, wir können die Geschichten lernen, Gebete, Traditionen unserer christlichen Religion. Und all das mag helfen, Worte zu finden. Zugänge zu dem, was wir Glauben nennen. Aber Glaube selbst kann man nicht lernen. Auch in einem Glaubenskurs nicht. Denn ob jemand glaubt oder nicht, hat einzig und allein mit Hingabe zu tun. Und damit meine ich nur in einem zweiten Schritt die Hingabe von mir zu Gott. Entscheidend ist Gottes Hingabe an mich.
Gott gibt sich. Das ist keine reine theologische Floskel. Oder besser gesagt: Wenn der Satz: „Gott gibt sich für mich hin“ nur eine Idee, nur ein theologisches Modell bleibt, dann hat der Satz überhaupt keine Bedeutung. Ich muss mit allem was ich bin, mit meinem Verstand und meinem Herz und mit meiner Seele erfassen, dass das, was da am Kreuz geschieht und in der Taufe und im Abendmahl für mich da ist. Für mich als einzelnen Menschen und für uns als Gemeinschaft der Christen. Hier in der Gemeinde und überall in der Welt. Und schließlich ist Jesus Christus eine Gabe für die ganze Welt. Aber es fängt bei dem für mich, für uns an. Glauben heißt, diese Gabe anzunehmen. Und ob das geschieht, dass ist die letzte Konsequenz des heutigen Predigttextes, ob das gelingt, liegt nicht an mir. Jesus sagt ja: „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.“ Zu Jesus kommen wir nur durch Gott. Das heißt ja nichts anderes als dass wir die Gabe des Glaubens in uns nur tragen können, wenn Gott diesen Glauben in uns bewirkt. Es liegt nicht an mir. Glauben ist nicht meine Leistung, sondern ein Geschenk Gottes. Nicht nur Jesus am Kreuz und in der Auferstehung, nicht nur die Taufe und das Abendmahl sind Gaben, Geschenke Gottes an uns, sondern auch, dass ich diese Geschenke als das Wichtigste meines Lebens erkenne, annehme, „auspacke“. Das Erkennen selbst muss mir geschenkt sein.

Ich versuch es mal mit einem Bild: Vielleicht habt ihr ja schon die Liebe eures Lebens gefunden. Den Mann oder die Frau, die mit euch viele Jahre schon durchs Leben geht oder gegangen ist. Oder ihr habt in euch eine Sehnsucht nach so einem Menschen, nach so einer Liebe. Wie gelingt es, so eine Liebe zu finden? Vielleicht gibt es hier ja jemanden, der uns davon erzählen könnte, wie das mit der Liebe des Lebens funktioniert. Und vielleicht würde sie erzählen, dass sie ihren geliebten Mann schon ihr Leben lang kannte, schon seit Kindertagen. Jahrelang hat man sich gesehen und gesprochen, hat Zeit miteinander verbracht. Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, hat sich etwas verändert. Aus der Bekanntschaft, aus der Freundschaft wurde Liebe. Die Gewissheit: Dieser Mensch gehört zu mir und ich zu ihm. Das Gefühl, dass er der richtige ist. Unbeschreiblich.

Ganz ähnlich ist es mit dem Glauben an Gott. Vielleicht kenne ich die Geschichten von Gott schon seit Kindertagen. Vielleicht bin ich jahrelang mit den Bildern und Symbolen vertraut. Mit den Kirchen meiner Kindheit, mit dem Weihnachtsfest und mit all den biblischen Geschichten, die sich in mir eingenistet haben. Und dann gibt es vielleicht diesen einen Moment, an dem sich all das verändert. An dem aus der Bekanntheit eine Liebe wird. An dem aus der Vertrautheit mit all den Worten und Bildern und Orten ein Vertrauen erwächst. Eine Gewissheit, dass in all dem die Wahrheit liegt. Die Liebe, die mich tragen wird. Dieser Moment, in dem aus Wissen Vertrauen wird, in dem aus Religiosität Glaube entsteht, diesen Moment kann ich nicht machen. Ich kann nichts dafür tun. Ich muss mir diesen Moment schenken lassen. So wie die Liebe des Lebens. Aber wenn es mich dann erwischt hat, dann kann ich ernst machen mit der Gewissheit, mit dem Vertrauen, dass ich da empfangen habe. Ich kann darauf antworten. Ich kann danach suchen, dass diese Gewissheit weiter mein Leben trägt. Ich kann auf die Gabe Gottes an mich mit meiner Hingabe an ihn antworten. Ich kann kommen und lernen und teilen. Und ich kann beten, immer wieder beten zu ihm, dass dieser Glaube, diese zerbrechliche kleine Pflanze, bleibt und wächst und trägt. In diesem Leben und über diese Leben hinaus. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsere Liebe, Amen.

 


— Predigt zu Johannes 6,55–65 am Sonntag Lätare, dem 26. März 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde