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Matthäus 6,26

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Predigt zu Markus 12,41–44 am Sonntag Okuli, 19.3.2017 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu Markus 12,41–44 am Sonntag Okuli, 19.3.2017 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Was sagt eigentlich Jesus dazu, wenn er uns so zuschaut? Diese Frage finde ich ausgesprochen aufschlussreich in vielen Situationen des Lebens. Ich hocke in einer Sitzung, in der wir über die neuen Gesetze zur Luftreinhaltung in Kindergärten diskutieren. Und ich denke mir: Was sagt eigentlich Jesus dazu, wenn er uns so reden hört? Ich bin zu Besuch im Bastelkreis und höre zu, was für schöne und traurige Geschichten erzählt werden. Und ich denke: Jesus würde wohl gerne mit dabei sein in diesen spannenden Gesprächen. Heute steht der Sonntag unter der Überschrift Nachfolge. Manche Christen verstehen Nachfolge so, dass sie sich fortwährend fragen: Was würde Jesus nun wohl machen? Ich denke mir da: Mein lieber Scholli, das ist schon ganz schön anspruchsvoll, sich das vorzunehmen: So zu handeln wie Jesus selbst. Ich denke mir, die Frage Was würde Jesus wohl dazu sagen? trifft es für mich eher. Ich bin gerne mit Jesus in dieser Welt unterwegs, folge ihm nach, ohne ihn imitieren zu können und zu wollen. Und immer mal steigt dann in mir diese Frage auf: Jesus, dreh dich mal um, schau mal her, was ich hier so treibe: Was sagst du denn dazu?

Der heutige Predigttext ist eine wunderbare Geschichte aus dem Markusevangelium, in der es darum geht, was Jesus so sieht. Und wie er die Geschichte einschätzt. Wie so oft anders, als die Menschen es vielleicht erwarten würden. Ich lese aus dem 12. Kapitel des Markusevangeliums.

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.

42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller.

43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.

44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Eine hochgradig sympathische Geschichte, oder? Ich finde sie jedenfalls klasse. Eine klare Einordung: Der Reiche, der viel gibt wird neben die arme Frau gestellt, die wenig gibt. Und beide werden in ein Verhältnis gebracht: Es geht nicht um die Menge an sich, die gegeben wird. Es geht um das Verhältnis zwischen dem, was man hat, und dem, was man gibt. Und der Mensch, der fast alles gibt, was er hat, steht vor Jesus besser da, als der, der nur so viel gibt, das es ihm eigentlich nicht weh tut. Eine klare, eine nachvollziehbare Einordnung. Sehr sympathisch. Und mir fallen Menschen ein, die so sind und so waren, wie die Witwe in dieser Geschichte. Menschen, die sich ganz und gar, mit Haut und Haaren dem anderen hingegeben haben. Heilige in der Geschichte der Religionen. Mutter Theresa, die in die Slums von Indien gezogen ist. Ich denke an Frau von Minckwitz. Frau von Minckwitz lebte in Fulda, der Stadt, in der wir sieben Jahre wohnten. Mit unseren Konfirmanden besuchten wir einmal im Jahr die Bahnhofsmission. Eine Einrichtung, die sich um bedürftige Menschen kümmert, um Reisende, die am Bahnhof gestrandet sind. Aber auch um Menschen aus der Stadt und dem Umland, die mal einen warmen und trockenen Platz zum Ausruhen brauchen, einen Menschen zum Reden, eine Glas warmen Tee, eine Scheibe Brot mit Käse. Als wir in einem Jahr dort waren, kam eine Frau vorbei, die nicht so recht ins Bild zu passen schien. Groß und schlank. In einem guten Lodenmantel. Lederhandschuhe. Sie setze sich an einen der Tische und bekam — ohne dass sie gefragt wurde — einen Tee und ein Brot gereicht. Als sie weder gegangen war, fragte ich die Mitarbeiter, wer diese feine Dame denn gewesen sei. Und sie sagten: „Das war Frau von Minckwitz. Sie kommt hier fast jeden Tag her, isst ein bis zwei Brote und trinkt ihre Tasse Tee, schwätzt ein bisschen mit den Leuten und geht dann wieder.“ Ich fragte, ob sie denn so arm sei, dass sie sich ihr Brot hier holen muss. „Nein, arm ist sie überhaupt nicht“, antwortete man mir. „Sie hat sogar jede Menge Geld. Aber Frau von Minckwitz schickt all ihr Geld an Hilfsprojekte überall auf der Welt. Sie lebt so sparsam, dass sie sogar ab und zu hier herkommt und Brot und Tee umsonst annimmt. Und am Ende des Monats, wenn sie ihr Geld erhält, gibt sie das meiste davon, das, was sie nicht unbedingt zum Leben braucht, weiter.“ Ich wollte es nicht glauben. Aber später hörte ich die Geschichte von Frau von Minckwitz auch noch von verschiedenen anderen Seiten.

Jesus lobt hier ja nicht die Armut an sich. Die Witwe ist nicht dadurch der bessere Mensch, weil sie arm ist, sondern weil sie alles gibt, was sie hat. Und der Reiche, der natürlich im Verhältnis viel mehr gibt, sein Werk ist nicht so bedeutsam wie das der Witwe in den Augen Jesu. Ist doch ganz einleuchtend. Eigentlich könnte ich hier Schluss machen mit der Predigt. Aber ich will noch eine weitere Frage an die Geschichte stellen, die mich und uns vielleicht weiterbringt: Wer bin ich eigentlich in der Geschichte? Sicherlich nicht die Witwe, die alles, was sie hat in den Geldkasten wirft. Vielleicht am ehesten einer der Jünger, die sich mit Jesus diese Szene anschauen und nun aufgefordert sind, sich ein Urteil zu bilden. Aber vielleicht bin ich auch — und je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher erscheint mir das — vielleicht bin ich auch der Reiche. Ist es das, was Jesus hier sagt: Schau mal hin! So wie der Reiche gibt’s du etwas von dem, was du hast. Einen Teil. Ein kleines Stück, aber sicherlich nicht so viel, dass es dein Leben verändert. Nicht so viel, dass es eigentlich etwas ausmacht.

Jesus kritisiert den Reichen nicht. Hier ist ja die Rede davon, dass er viel gibt. Der Reiche knausert nicht. Aber ist das genug? Immer wieder fordert Jesus in den Evangelien dazu auf, sein eigenes Leben aufzugeben, sich ganz Jesus und Gott anzuvertrauen, seine kleinlichen Sorgen hinter sich zu lassen und alles, was man ist und was man hat, diesem Gott in Christus anzuvertrauen. Kann es sein, dass Jesus das wirklich ganz konkret meint? Ich liebe es, Auslegungen zu dieser Geschichte zu lesen. Andere Predigten oder Texte, die versuchen, diese Geschichte auf das eigene Leben anzuwenden. Und fast alle, die ich gelesen habe, umschreiben dieses Gleichnis als eine Metapher, als ein Bild dafür, ab und zu seine Sorgen loszulassen. Mal durchzuatmen und nicht alles nur auf den eigenen Erfolg auszurichten. Mal auf Jesus vertrauen, wenn es zu stressig wird im Leben. Aber kann es sein, dass Jesus und sein Evangelist Markus hier erst einmal das meinen, was sie sagen: Es geht ums Geld. Könnte es nicht ganz eventuell sein, dass Jesus und sein Evangelist Markus uns sagen: Wenn du alles gibst, was du hast, an Zeit und an Kraft und eben auch an Geld für den Anderen, dann lebst du in der Nachfolge Christi. Und wenn du das nicht tust, dann bist du natürlich immer noch von der Liebe Gottes umfangen und von Jesus begleitet. Aber eigentlich tust du nicht das, was du tun könntest.

Was sagt eigentlich Jesus dazu, wenn er mich so anschaut? Wenn er mein Konto anschaut? Wenn es tatsächlich mal ums Geld geht? Und nicht immer gleich um das Seelenheil und das Lebensglück und die Gottesliebe. Sondern um meine Penunzen, Pinke, Cash. Dann sieht er einen Christen, der gerne hier oben von der Liebe Gottes redet, aber natürlich am Ende des Monats froh ist, wenn er noch ein paar Euro auf die Seite legen kann. Der es sich auch mal gut gehen lässt. Schönes Auto, Segelboot, Essen gehen. Nichts Luxuriöses, nichts, was man einem Pastor übelnehmen kann. Aber eben auch mehr als nur das Nötigste. Ich will hier nicht moralisieren, meine Lieben. Keine Angst. Ich will hier nicht die Keule des schlechten Gewissens schwingen und sagen: Gönnt euch nichts mehr, lauft in Sack und Asche herum, sonst seit ihr schlechte Christen. Ich habe aber auch keine Lust, dieser Geschichte ihre Schärfe zu nehmen. Ihre Anfechtung auch an mein Leben. Indem ich an dieser Geschichte so lange herumdokterte und interpretiere, bis sie irgendwann zu meinem Leben passt. Ich glaube, in dieser Geschichte steckt eine ganz klare Zusage: Stell dir eine Welt vor, in der wir, die wir uns Christen nennen, so leben würden wie diese Witwe! Und stell dir mal vor, dass hätte tatsächlich mit Geld zu tun! Mit echten Euros. Stell dir vor, wir in dieser Gemeinde, würden mal einen Monat lang nur das Nötigste unseres Geldes ausgeben. Essen, Trinken, Sonstiges. Wir würden jeden Cent umdrehen. So wie es viele eben tun müssen: die arme Witwe in dieser Geschichte — aber eben auch genug Menschen in unserer Zeit, auch in unserer Gemeinde. Und wir würden uns einen Monat mal mit ihnen solidarisieren, in dem wir alle mal nur das ausgeben, was unbedingt nötig ist. Und am Ende des Monats würden wir schauen, was übrig bleibt. Wie viel wird das sein? Ich wage mal eine Schätzung. Ich schätze, wir würden im Durchschnitt ungefähr 100 Euro pro Gemeindeglied sparen können. Und das Geld würden wir am Ende des Monats sammeln. Bei 3000 Gemeindegliedern macht das 300.000 Euro. Nur aus unserer Gemeinde. Nur in einem Monat. Und dann setzten wir uns zusammen und überlegen, was wir mit diesem Geld machen. Wem wir damit helfen könnten. Vielleicht mag ja jemand mal ausrechnen, was das bei rund 2 Milliarden Christen weltweit rauskommen könnte. Und erzähl mir keiner, dass das nicht klappen würde.

Vielleicht geht es ja tatsächlich um Geld in dieser biblischen Geschichte. Nächste Woche geht es wieder ums Seelenheil, keine Sorge. Aber heute ging es um Geld. Und darüber, was Jesus wohl sagen würden, wenn er mit mir auf meinen Kontoauszug schaut. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus.

Amen.

 


— Predigt zu Markus 12,41–44 am Sonntag Okuli, 19. März 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde