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Die Tageslosung

Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.

Psalm 116,1

Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Matthäus 6,6

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Predigt zu 1. Mose 3,1-24 am Sonntag Inokavit, 5.3.2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Predigt zu 1. Mose 3,1-24 am Sonntag Inokavit, 5.3.2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Es gibt biblische Geschichten, die ich schon zu oft gehört habe. Seit Kindertagen wurden sie erzählt, gelesen, vorgespielt. Und dann im Studium hat man sie immer wieder und wieder bearbeitet. Eine solche Geschichte ist heute dran. Was macht man da? Vielleicht hilft nur eins: Man nimmt sich Zeit und versucht wieder ein Stück tiefer hinabzusteigen, noch einen neue Seite, ein neues Geheimnis den alten Worten zu entlocken. Aber hört selbst, was geschrieben steht im Buch Genesis im 3. Kapitel:

1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Ich bin sicher, viele von uns haben sofort ganz deutliche Bilder im Kopf, wenn sie diese Worte hören. Eine blonde Frau mit langem Zopf , daneben ein Mann, muskulöse Arme und Beine. Sie stehen vor einen Baum, in dessen Ästen sich eine Schlange windet. Und an diesem Baum ein großer roter Apfel. Eine Geschichte, die viele von uns schon oft gehört haben und von der es so viele Bilder gibt. Und ein Wort steht über allem: Die Sünde. In der Tradition der Kirche und der Theologie wird die Sünde, von der hier erzählt wird, sogar mit einem noch schärferen Wort bezeichnet: Erbsünde. Am Urgrund der Menschheit, ganz am Anfang, als es losging mit der Geschichte von Gott und seinen Menschen, da steht sie am Anfang: Die falsche Tat, der Ungehorsam, der Widerspruch gegen Gott. Damit ging es los. Davor die ersten beiden Kapitel der Bibel: Schöpfungsgeschichte: Gott erschafft die Welt. Stück für Stück. Tag für Tag. Und jeden Abend schaut er die Welt an und denkt: Gute Arbeit. Und in diese gute Welt setzt er den Menschen hinein. Als I-Tüpfelchen, als Krönung. So wird es erzählt. Und was tut dieser Mensch? Was tun diese ersten beiden Menschen Adam und Eva? Sie vermasseln alles. Komplett. Was für eine niederschmetternde Geschichte. Was ist da nur schiefgegangen?

In der Religionswissenschaft bezeichnet man diese Art von Anfangsmythen als Ätiologien. Damit meint man Geschichten, die erklären wollen, warum die Welt so ist wie sie ist. Die Menschen haben sich ihr Leben angeschaut und die Welt um sich herum und sie haben sich Geschichten davon erzählt, wie es dazu gekommen ist. Viele Geschichten. Es gibt unzählige Mythen über die Entstehung der Welt und darüber, wie es mit den ersten Menschen gewesen ist. Es gibt unzählige Geschichten und Mythen davon, wie die Götter sich mit den ersten Menschen schwergetan haben. Viele Geschichten, von denen die meisten in Vergessenheit geraten sind. Einige wenige haben überlebt. Und diese hier, die Geschichte von Adam und Eva im Paradies, ist eine von ihnen. Vielleicht ist sie die Anfangsgeschichte, die sich am tiefsten in die Traditionen der Menschheit hineingegraben hat.

Woran mag das liegen? Es liegt wohl daran, dass hier eine Wahrheit über uns Menschen und über unser Verhältnis zu Gott erzählt wird, die gültig bleibt. Auch wenn wir längst aus dem mythischen Zeitalter entwachsen sind. Auch, wenn wir alle zurecht davon ausgehen, dass wir vom Affen abstammen und nicht von einem ungehorsamen Ehepaar namens Adam und Eva. Aber die Wahrheit dieser Geschichte bleibt. In den Worten werden wir eine Wahrheit über uns finden. Und wir werden herausfinden, warum es mit der Sünde, unserer Sünde, so eine ernste Sache ist.

Was ist denn die Sünde in dieser Geschichte? Es ist nicht die Sünde, dass Eva endlich mal was Süßes essen will. Es ist nicht die Sünde, dass die Frau den Mann verführt. Es ist auch nicht die Sünde, dass Adam und Eva ihre Tat gegenüber Gott abstreiten. Eine herrliche Szene, als Gott die beiden ertappt und Mose sofort mit dem Finger auf Eva zeigt und sagt: „Sie war`s! Sie war`s“ Und Eva zeigt auf die Schlange und sagt: „Sie war`s. Sie war`s“ Nein, die Sünde reicht viel tiefer. Die Sünde, von der hier die Rede ist, ist der Wunsch des Menschen, so sein zu wollen wie Gott. Der Wunsch, Gut und Böse unterscheiden zu können. Im letzten Teil unseres Textes wird das sogar noch deutlicher gesagt. Es ist nicht nur der Wunsch des Menschen, so sein zu wollen wie Gott. Da heißt es: „Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.“ Der Mensch ist geworden wie Gott selbst. Der Mensch, wir alle, wissen, was gut und böse ist. Das ist die Sünde!

Diese Erzählung ist eine Ätiologie. Das heißt, Menschen haben sich ihr Leben angeschaut, haben gesehen, wie mühsam es ist, das Feld zu beackern, um an sein tägliches Brot zu kommen. Sie erlebten immer und immer wieder wie schmerzhaft es für die Frauen ist, ein Kind zu gebären. Und sie haben sich gefragt: Wie kann das denn alles möglich sein, wenn wir doch einen guten und gerechten Gott haben? Was muss denn da schiefgegangen sein, dass das Leben solch eine Mühe bereitet. Und sie haben sich selbst angeschaut und haben sich gefragt: Was ist eigentlich an uns, dass Gott so böse auf uns sein kann. Was ist im Menschen angelegt, dass er seinem Schicksal nicht entgehen kann. Und als Antwort fanden sie: Der Mensch weiß, was gut und böse ist. Was kann denn daran Sünde sein? Ist das nicht eine Tugend? Ist das nicht etwas, was wir am Menschen eigentlich schätzen? Ist nicht die Richterin, die ein gerechtes Urteil über einen Verbrecher oder eine Unschuldigen spricht, jemand, den wir bewundern. Weil sie weiß, was gut und böse ist und dementsprechend entscheidet?

Adam und Eva. Das sind wir. Jeder Mensch. Es geht nicht um unsere Entscheidung, ob wir so sein wollen wie die beiden. Es geht nicht darum, dass wir die beiden als schlechtes Beispiel nehmen und die Bibel uns sagt: „Seht ihr, lasst euch nicht verführen, dann dürft ihr auch weiter im Paradies leben.“ Wir sind mit Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Wir sind es, weil wir Menschen sind. Das heißt Erbsünde. Wir können dem nicht entgehen. Erbsünde hat nichts zu tun mit all den kleinen Vergehen, die Schokolade am Abend oder das Bier zu viel oder die Affäre mit unserer Nachbarin. Das können alles schlimme Dinge sein, keine Frage. Von mir aus nennt das Sünde. Aber was hier beschrieben ist, der Sündenfall, dem können wir nicht entgehen. Er steckt in uns, weil wir Menschen sind. Und Erbsünde heißt: Ich weiß, was gut und böse ist. Ich bin ein sündiger Mensch, weil ich das weiß. Und weil ich immer und immer und immer zu wenig tue.

Damit das klar wird, möchte ich ein krasses Beispiel geben. Wir sind ja in der Passionszeit, da müssen wir kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich weiß, dass in dieser Zeit, in der ich hier meine Predigt halte, in diesen 15 Minuten, etwa 150 Kinder an Hunger sterben. Man rechnet zurzeit, das alle sechs Sekunden auf dieser Welt ein Kind an Hunger stirbt. 150 Kinder. Ich weiß das. Ich weiß, dass während ich nachher mit meiner Familie beim Mittagessen sitze, in dieser Stadt, in meiner Nachbarschaft, jede Menge Menschen leben, denen es gut tun würde, mit uns am Tisch zu sitzen. Weil sie kein Zuhause haben, weil sie einsam sind. Ich weiß das. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass es eine Sünde ist, dass ich heute nichts dagegen tue, dass bald weniger Kinder verhungern oder dass ich heute keinen zum Mittagessen einlade. Das ist Sünde. Ja, ich ahne jetzt, dass einige (oder vielleicht auch die meisten) von euch jetzt all diese Gedanken im Kopf haben, die bei mir auch sofort immer anspringen: „Das kann man doch nicht Sünde nenne. Da habe ich doch keine Schuld, dass irgendwo ein Kind verhungert, das ich gar nicht kenne. Ich kann doch nicht die ganze Welt retten.“ Das denke ich doch auch. Immer wieder. Aber das sind alles Ausreden. Ausflüchte, um mir mein Leben leichter zu machen. Wenn ich mich aber als Christ ernst nehme (und dass versuche ich ab und zu zu tun), dann muss doch meine Perspektive sein: Jeder Mensch auf dieser Erde ist meine Schwester, ist mein Bruder. Ein Kind Gottes wie ich. Und ich tue nichts, viel zu wenig, fast nichts, um meiner Schwester, meinem Bruder beizustehen. Ich weiß, was gut und böse ist. Das ist mein Los, weil ich ein Mensch bin.

Wenn es nun so ist, wenn das die Wahrheit dieser Geschichte ist (und ich würde da gerne mit euch drüber sprechen und streiten), was mache ich nun damit? Soll ich nun klein und bedrückt und ewig niedergeschlagen zu Kreuze kriechen (im wahrsten Sinne des Wortes) und nur noch mein Leid beweinen und das unendliche Leid dieser Welt? Das kann es natürlich nicht sein. Im Gegenteil. Wenn das meine Sünde ist, dass ich wie Gott bin, in diesem einen Punkt jedenfalls, dass ich um das Gute und das Böse wissen kann, wenn das so ist, dann ist es doch auch ein riesiges Geschenk. Ich weiß, dass da draußen meine Schwester, mein Bruder ist, Kind Gottes wie ich. Und ich weiß, wenn ich mich ihr oder ihm zuwende, und sei es nur mit meinen jämmerlich schwachen Möglichkeiten, dann tue ich der ganzen Schöpfung Gottes etwas Gutes. „Rettest du einen Menschen, dann rettest Du die ganze Welt“, so sagt es der Koran und so sagt es die jüdische Tradition. Und die Bibel erzählt davon auch immer wieder. Auch in dieser Geschichte. Unsere tiefste Sünde ist unser größtes Geschenk: Uns für das Gute entscheiden, immer und immer wieder, das können wir tun. Dazu gibt uns Gott die Kraft. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 


— Predigt zu 1. Mose 3,1-24 am Sonntag Inokavit, 5. März 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde