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Matthäus 6,26

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Predigt zu Lukas 17,7–10 am Sonntag Septuagesimae, 12. Februar 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigen heißt, die Bibel zum Leuchten zu bringen. Das ist unser Job als Pastoren. Die alten, manchmal sperrigen Worte hinein zu holen in unsere Zeit. Hinein in diesen Tag an diesen Ort, ganz konkret hier und jetzt. Manchmal braucht es kräftiges Handwerkszeug, um die Texte zum Glänzen zu bringen. Mir geht es manchmal so, als ob auf den alten Texten eine dicke Schicht Staub liegt, den man mit grobem Tuch und kräftigen Putzmitteln wegwischen muss. Oder es gibt Texte wie das Hiobbuch, die brauchten die Lebenserfahrung von vielen vielen Leben, um ehrlich von ihnen sprechen zu können. Oder es bräuchte eine gemeinsame Reise zu den Orten der Entstehung der Texte wie bei den Briefen des Paulus, um deutlich zu machen, in was für eine Situation die Texte hineingeschrieben wurden.

Für den heutigen Predigttext brauche ich eine Drahtbürste, um all die harten und hartherzigen Bilder abzukratzen und herunter zu spachteln, damit der Kern, das Evangelium, die gute Nachricht von der Gnade Gottes zum Leuchten kommt. Ich lese den Predigttext aus dem Lukasevangelium im 7. Kapitel.

[ Lesung Predigttext ]

Ich weiß nicht, wie euch das geht. Ich finde diesen Text im ersten Hören widerlich. Ein Text, der bei mir erst einmal abstoßende Bilder hervorruft: Da sitzt ein dicker Herr an einem Tisch, sein Sklave kommt ausgemergelt und übermüdet von der schweren Feldarbeit. Und anstatt ihm zu sagen: „Setze dich zu mir und esse“, sagt er: „So, nun bereite mir mein Essen, tu deinen Dienst und danach kannst Du dann auch etwas essen.“ Dank hat der Sklave nicht zu erwarten. Das wäre ja wohl noch schöner! So die erste Aussage dieses Textes. Wie selbstverständlich wird hier vorausgesetzt, das es Sklaven du Herren gibt. Die einen dienen, die anderen lassen sich bedienen. So selbstverständlich, dass die Worte schließlich in der Pointe landen: Ihr seid wie die Sklaven, die keinen Dank zu erwarten haben. Ohne Ansprüche, voller Schuld. Das steht da im ersten Hören.

Nun hilft es ja nichts, auch in diesem Text steckt das Evangelium. Die gute Nachricht. Wie ein Schatz ist sie verborgen hinter den mir fremden Bildern. Und deshalb brauche ich heute die Drahtbürste, um mich an diesen Text zu machen und den Glanz hervor zu schrubben. Ich schmirgele die alten Bilder weg. Das Bild von der Macht des Herrn über den Sklaven. Ich schmirgele all die Auslegungen weg über die Jahrhunderte, die den Herren dieser Geschichte mit Gott gleichgesetzt haben und uns Hörer mit dem Sklaven und gesagt haben: Seht ihr, so ist Gott, denkt ja nicht, dass er euch irgendetwas danken wird. Ich schmirgele und schrubbe und plötzlich blieben drei Worte übrig: Dank und Lohn und Gnade.

Zum Dank eine Geschichte: In meiner alten Gemeinde in Fulda wurde viel beerdigt. Über 50 Beerdigungen pro Jahr waren keine Seltenheit. Und so hatte ich viel mit Bestattern zu tun. Mit den meisten kam ich gut zurecht, aber einer, der ging mir auf die Nerven. Er machte aggressiv Werbung für sich und sein Unternehmen, hatte eine eigene Trauerhalle in seinem Institut gebaut, wo er selber Andachten hielt. Und er hatte die Angewohnheit, sich nach den Beerdigungen bei mir zu bedanken. Das war mir am Anfang gar nicht aufgefallen. Aber irgendwann merkte ich, dass er der einzige Bestatter war, der mir nach jeder Beerdigung die Hand gab und sagte: „Vielen Dank, Herr Pfarrer.“ Ich habe mich nie darüber gefreut. Was ja merkwürdig ist. Eigentlich ist es ja schön, wenn jemand Danke zu einem sagt. Als ich mich immer mehr innerlich über diese Dankeschön ärgerte, da dachte ich zuerst, es hätte mit meiner Eitelkeit zu tun. Mit dem Gefühl, dass ich doch eigentlich der Chef von der Veranstaltung bin und mit einem „Danke“ wird mir eine  Rolle zugeteilt, als ob ich der Bedienstete des Unternehmers wäre. Dann merkte ich aber, dass mich etwas anderes wütend machte: Es ist eine Selbstverständlichkeit, als Pastor eine Beerdigung zu machen. Es ist keine zusätzliche Leistung, die ich mir aus den Rippen schneide. Es ist ein Dienst. In unserem Predigttext ist es der Sklave, der keinen Dank zu erwarten hat. Die Erfahrung mit dem Bestatter erinnert mich daran, dass Dank etwas ist, das das eigentlich Selbstverständliche auf eine andere Ebene hebt. Das Selbstverständliche wird besonders.

Zum Lohn: Das Wort Danke kann eine Form des Lohns sein. Uns wurde in der Ausbildung zum Pastor immer eingehämmert, dass der Dank für Ehrenamtliche unheimlich wichtig ist. Der Dank ist sozusagen der Lohn, den sie für ihre Arbeit erhalten. Ja, das mag sein. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin mit der Zeit vorsichtig geworden mit dem Danken in der Gemeinde. Bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin unendlich froh, dass hier in unserer Gemeinde so viele Ehrenamtlich tätig sind. Dass sich so viele Junge und Alte für das Leben in der Gemeinde ein Bein ausreißen und Kraft und Zeit investieren. Und ich versuche, meine Freude darüber so oft es geht auszudrücken. Aber die harten Worte aus dem Lukasevangelium bringen mich auf eine neue Spur: Kann es sein, dass ich ein falsches Bild im Kopf habe, wenn ich meine, ich als Pastor müsste mich ständig bei den Ehrenamtlichen bedanken. Erst einmal tut ihr das ja nicht für mich, sondern für die Gemeinde. Und dann, dass mag jetzt hart klingen, hat keiner von uns einen Dank verdient. Eigentlich, das ist glaube ich die Pointe des Textes, sollten wir als Gemeinde Jesu Christi zusammenleben, nicht, um einen Lohn zu erhalten. Wie auch immer der aussieht. Eigentlich sollten wir so handeln, als ob wir nichts verdient hätten. Ich weiß, dass ist leicht gesagt von einem wie mir, der jeden Monat einige Tausend Euro für seine Arbeit an der Gemeinde Jesu Christi überwiesen bekommt. Aber eigentlich sollten wir hier in der Gemeinde nicht für den Lohn arbeiten, sondern aus Gnade.

Gnade. Wir leben nicht für den Lohn, egal wie er aussieht, sondern aus Gnade. Das ist ein unerhörter Gedanke. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aus Gnade zu leben und nicht für den Lohn ist heutzutage (und auch schon in den biblische Zeiten) ein unerhörter Gedanke. Unerhört in doppelter Hinsicht. Zum einen sind wir es tief in unserem Inneren gewohnt, unser Handeln am Lohn auszurichten. Die Frage „Was bringt mir das?“ ist tiefer in uns verankert, als wir oft glauben. Ich jedenfalls kann das von mir behaupten. Bei fast allen halbwegs bewussten Entscheidungen spielt diese Frage eine Rolle. Was bringt mir das, wenn ich meine Zeit für diesen einen Menschen opfere? Was bringt mir das, wenn ich mein Geld für dieses Produkt ausgebe? Was bringt mir das, wenn ich diesen Menschen liebe? Das mag überspitz klingen, aber ich glaube die Frage nach dem Lohn, nach der Belohnung steckt ganz tief in uns Menschen drin.

Was bringt mir das, wenn ich mich hier in der Gemeinde engagiere? Das darf man, dass muss man sich wahrscheinlich sogar fragen. Aber wie lautet meine Antwort als Pastor?  Was bringt dir das, wenn du dich hier engagiert? Ich könnte sagen: „Es bringt dir Freundschaft, Dank. Es bringt dir das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Die Antwort ist ja nicht falsch. Aber am liebsten würde ich auf die Frage: „Was bringt mir das, meine Zeit und auch mein Geld für diese Gemeinde zu opfern?“ antworten: „Nichts“ Zumindest kann ich dir keinen Lohn garantieren. „Vielleicht bringt dir das alles nichts. Und vielleicht müsste ich ausgehend von dem, was uns der heutige Predigttext zumutet, sagen: „Wenn du dich hier einbringst und Zeit und Geld investiert, damit es dir etwas bringt, dann lass es sein. Die Gefahr ist zu groß, dass es dir nichts bringen wird.“ Ihr merkt, wie provokativ dieser Text ist. Wie unerhört!

Allein aus Gnade. Nicht für den Lohn. Wie wäre es, Gutes zu tun, weil mir Gutes widerfahren ist. Nicht, um Gutes zu erhalten, Geld oder Dank oder Ehre. Sondern einfach, weil ich meine Ehre, meinen Lohn, meinen Dank von Gott schon lange erhalten habe. Vor jeder Tat, vor jeder Leistung. Allein aus Gnade. Vielleicht wäre das was: Aus der Gnade Gottes leben. Es ist eine Gnade, dass ich hier in dieser wunderbaren Stadt leben darf und diesen wunderbaren Beruf habe. Und wenn es nicht so wäre, dann wäre es eine Gnade, dass ich diese wunderbare Familie hätte. Und wenn ich sie nicht hätte, dann wäre es vielleicht eine Gnade, dass ich jeden Morgen aufstehen kann und durch die Welt laufen könnte. Und wenn ich dass nicht mehr kann, dann wird es vielleicht ein Gnade sein, dass ich noch atmen kann. Aus und ein. Und dass ich den Himmel sehen kann und seine Farben, die sich verändern. Und wenn ich das nicht mehr kann, dann wird es vielleicht irgendwann eine Gnade sein, dass ich sterben darf. Aus der Gnade leben, nicht für den Lohn. Aus der Gnade leben, dass ich von Anfang an angenommen und geliebt und vollkommen bin. Vielleicht ohne Nutzen, aber von Gott geliebt. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 


— Predigt zu Lukas 17,7–10 am Sonntag Septuagesimae, 12. Februar 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde