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Matthäus 6,26

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Predigt zu Matthäus 14,22–33 am 4. Sonntag nach Trinitatis, 29. Januar 2017 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes du die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Heute müssten wir eigentlich die Fenster und die Türen unserer Kirche weit öffnen. Wir müssten uns die Mäntel überziehen und die Mützen, die Fenster öffnen und hinhören. Vielleicht hörten wir dann das Rauschen des Meeres vom Eteläsatama heraufziehen. Und den Wind, der über die Ostsee weht und sich an den dicken Mauern unserer Kirche bricht. So müssten wir dasitzen und den Texten der Bibel lauschen, die heute dran sind: Die Stillung des Sturms und unseren Predigttext aus dem Matthäusevangelium im 4. Kapitel. Auch eine Geschichte voller Wellen und Wind. Wir müssten den Wind spüren und dann diesen Worten lauschen:

[ Lesung Predigttext Matthäus 14,22-33 ]

Es ist eine komplett verrückte Geschichte. Eine, die uns jeder vernünftige Mensch um die Ohren hauen könnte: „Schaut, ihr Christen. Da glaubt ihr doch tatsächlich daran, dass ihr über das Wasser laufen könnt, wenn Christus mit euch ist. Nun zeigt mal, was ihr drauf habt! Lauft über das Wasser. Und ihr werdet sehen, wie weit ihr damit kommt, mit eurem Glauben.“ Tja, was würden wir da antworten? „Naja, ist alles nicht so gemeint. Das ist ja alles nur symbolisch zu verstehen!“ So würden wir wahrscheinlich ins Schwimmen geraten. Denn wir wissen ja selbst: Übers Wasser laufen, das kriegen wir nicht hin, wie stark wir auch glauben. Wäre ja auch zu schön: Kurz hinunter an den Hafen gehen. Ein kräftiges Gebet sprechen und dann rüber nach Suomenlinna zum Kaffeetrinken laufen. Also, wird es wohl stimmen, wenn wir sagen: Diese Geschichte ist nur symbolisch zu erstehen. Aber wenn wir anfangen, die Symbole, die Zeichen zu übersetzen, dann dürfen wir dieser Geschichte nicht ihre Kraft rauben. Denn es ist eine im besten Sinne des Wortes verrückte Geschichte. Jesus, der den Jüngern auf dem See entgegenläuft. Paulus, der es ihm nachmachen will und nach wenigen Schritten im Wasser des Sees vorsingt. Jesus, und dass finde ich wirklich den Gipfel der Verrücktheit, Jesus, der zu Petrus sagt: „Du Kleingläubiger!“ Wie fies ist das denn! Keiner hat in dieser Geschichte auch nur an nähernd so viel Glauben wie Petrus, der tatsächliche den Mut aufbringt, seine Füße über die Bordwand zu schwingen und darauf zu vertrauen, dass das Wasser tragen wird. Nur weil Jesus ihm das gesagt hat.

Es ist eine Geschichte volle Symbole. Bilder, die verwirren und die uns vielleicht auch am Glauben zweifeln lassen, vielleicht auch an unserem Glauben. Denn wir stark ist eigentlich unser Glaube? So stark wie der von Petrus? Würden wir versuchen, über das Wasser zu laufen, wenn uns Gott dazu rufen würde? Und wie würde uns unser Gott, dieser Jesus, eigentlich dazu auffordern? Es ist eine Geschichte voller verrückter Symbolik. Eine Erzählung, die immer wieder zu ganz vielfältigen Auslegungen eingeladen hat. Wenn ich die Auslegungen dieses Textes anschaue, die gegenwärtig so zu lesen sind, dann werde ich nicht so recht glücklich. Man kann sich ja allerlei Predigten über diesen Text im Internet anschauen und fast alle Predigten haben einen Tenor, eine Auslegung: „Manchmal ist das Leben wie ein stürmisches Wasser, dann ist es gut, dass es da jemanden wie Jesus gibt, an dem man sich halten kann. Wenn die Angst vor dem Leben dich packt, dann bete zu Gott, und es wird wieder gut. Die Stürme des Lebens werden sich legen und du brauchst keine Angst mehr zu haben.“ So kann man diese Geschichte sicherlich auslegen. Aber ich weiß nicht wie euch das geht, ich finde das so langweilig. Wenn ich mir diese Geschichte vor Augen führt, das stürmische Wasser, die Angst der Jünger. Das Entsetzen, als sie Jesus wie einen Geist über das Wasser laufen sehen. Und dann diese wahnwitzige Entscheidung des Petrus, im größten Sturm außenbords zu gehen. Jesus fiese Anklage: Du Kleingläubiger! und dann die letztendliche Rettung aus der tiefsten Not. Dann ist mir diese Deutung: Du musst keine Angst vor den Stürmen des Lebens haben, zu fad. Das klingt für mich zu sehr nach Frau im Spiegel oder Seura. Wird hier nicht viel Größeres erzählt? Wird hier nicht viel mehr gefordert?

In meinem Theologiestudium in Marburg hatte ich einen wunderbaren Professor. Also ich hatte mehrere wunderbare Professoren und Professorinnen, aber einer hatte es mir besonders angetan. Gerhard Marcel-Martin hieß er und er war Professor für Praktische Theologie, das heißt, er war für alle Fragen rund um Predigt, Seelsorge, Unterricht zuständig. Als mein Studium so langsam zu Ende ging, hatte er sein letztes Jahr als ordentlicher Professor an der Uni. Er stand kurz vor dem Ruhestand. Und in seinen letzten Jahren beschäftigte sich Gerhard Marcel-Martin immer mehr mit Sachen, die er sein langes Universitätsleben lang aufgeschoben hatte. Viele hielten ihn zunehmend für ein bisschen verrückt. Für ein Forschungssemester lebte er ein halbes Jahr bei Schamanen in Sibirien. Hielt Seminare über die Kommunikation von Menschen und Pferden. Mit praktischen Beispielen natürlich. Und er beschäftigte sich wieder und wieder mit den Wundergeschichten des Alten und Neuen Testaments. In einem Seminar, in dem es unter anderem um diese Geschichte des Sinkenden Petrus ging, da kamen wir in ein Gespräch darüber, ob man das denn alles wörtlich verstehen kann, was da steht. Gerhard Marcel-Martin sagte: „Je länger ich in der Bibel lese, je mehr ich vom Leben lerne und von den Menschen, die mir begegnen, umso sicherer werde ich, dass diese Worte wörtlich zu verstehen sind.“ Und dann erklärte er, was er darunter verstand, die Bibel wörtlich zu verstehen: Es geht nicht darum, ob dass, was hier steht, wirklich so passiert ist. Diese Frage lenkt uns von der Tiefe dieser Texte nur ab. Es geht darum, was hier vom Glauben, was hier vom Mensch und seiner Beziehung zu Gott erzählt wird. Es geht in den Wundergeschichten nicht um eine wie auch immer geartete Zauberkraft Jesu, sondern um das Wunder des Lebens selbst. Und hier dürfen wir den Texten nicht ihre Kraft nehmen, indem wir sie auf unser Maß herunterstutzen, in unsere Gedanken einordnen. Wir dürfen diese Geschichten nicht solange ausdeuten, bis sie in unser Bild von der Welt passen.

Mir sind die Worte meines alten Professors wieder eingefallen im Blick auf diese Wundergeschichte. Vor allem wenn ich auf die Reaktionen der Jünger schaue. Die sind ja geschockt, sie sehen in Jesus einen Geist, der über das Wasser läuft. Sie sehen das Wunder, dass hier geschieht. Sie sehen eine Wirklichkeit, die eigentlich nicht sein kann. Und dieser Blick der Jünger, das soll auch unser Blick sein. Es gibt eine Wirklichkeit dieser Welt, zu der haben wir mit all unserem Verstand, mit all unserem Wissen, keinen Zugang. Nicht, weil es eine zauberhafte, magische Welt hinter der realen Welt wäre. Das wäre kindisches Denken. Nein, wir haben keinen Zugang zum Geheimnis dieser Welt, weil wir schlicht Menschen sind. Kleingläubige wie Petrus. Ich bin ein schlichter einfacher Mensch. Ich stehe auf und lebe in den Tag hinein und versuche mir nach besten Wissen und Gewissen mein Leben und die Zustände dieser Welt so zusammenzureimen, wie es mir möglich ist. Für viele wichtige Dinge im Leben gelingt das auch. Ich weiß, wie ein Auto zu fahren ist und steuere es halbwegs sicher durch den Straßenverkehr. Ich weiß, wie man ein Wiener Schnitzel brät und kann meine Kinder damit ab und zu glücklich machen. Ich weiß, wie wichtig es ist, den Armen und Kranken beizustehen und manchmal kann ich nach diesem Wissen leben. Aber die tiefen Zusammenhänge, das Entstehen des Leidens und des Glückes auf dieser Welt, das durchschaue ich nicht. Ich weiß nicht, wie es in einem Jahr hier bei uns, in meinem Leben und in dieser Welt, ausschauen wird. Ich weiß nicht, was mit mir sein wird, wenn es mit diesem Leben einmal zu Ende sein wird.

Der stürmische See, von dem im Matthäusevangelium die Rede ist, steht nicht nur für eine etwas unübersichtliche Lebenssituation, die es zu meistern gilt. Nein. Der Sturm und die Wellen und das endlose Wasser sind die Unendlichkeit des Lebens selbst. Wir klammern uns an die Bordwände unserer Existenz. Wir meinen, der Horizont unseres Leben reicht von einer Bordwand zur nächsten, vom Bug zum Heck des Schiffes. Aber der Horizont des Lebens ist so viel weiter. Endlos, unfassbar weit ist dieses Leben. Wie wäre es, wenn wir in die Weite dieses Lebens hineingehe könnten? Wie wäre es, wenn wir diese unendliche Freiheit des Lebens spüren, atmen, erfahren könnten?

Plötzlich taucht da eine Wirklichkeit auf, die größer ist als alles, was ich je fassen kann. Eine Wirklichkeit, für die wir solche Worte gefunden haben wie Ewigkeit Gottes, Himmelreich. Eine Wirklichkeit, in der die liebevolle Zuwendung zu einem Menschen mehr zählt als alle Gewalt der Welt. Eine Wirklichkeit, in der der Tod keine Rolle mehr spielen wird. In der das Leben bleibt. Und in der Jesus, unser Christus, lebt. Es ist eine Wirklichkeit, die ich nicht fassen kann. Ich kann mich nicht für sie entscheiden, weil vielleicht die besseren Argumente für diese Wirklichkeit von Gottes Reich sprechen. Ich kann nur eines tun: Ich kann zu diesem Jesus beten, so wie Petrus es tut: „Herr, bist du es, so befehle mir, zu dir zu kommen.“ Und dann kann ich gehen, mit ihm, mit meinem Gott. Es ist und bleibt ein Wunder. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 


— Predigt zu Matthäus 14,22–33 am 4. Sonntag nach Trinitatis, 29. Januar 2017 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde