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Matthäus 6,26

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Predigt zu Hiob 14,1–6 am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, 6. November 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, von Christus, unserem Bruder und vom Heiligen Geist, unserem Tröster. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Was trägt unser Leben, wenn wir von schwerer Krankheit betroffen sind?
Was hält unsere Hoffnung, wenn unser Leben spürbar auf sein Ende zugeht?
Was hilft uns, mit dem Wissen zu leben, dass unsere Lebenszeit begrenzt und unsere Lebenskraft erschöpfbar ist?

Das sind Fragen, die unser Predigttext aufwirft. Er steht im Hiobbuch, im 14. Kapitel:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Der Herr segne uns durch sein Wort!

Das Hiobbuch erzählt von einem Menschen, dessen Leben vom Unglück erschüttert wird:

Ganz plötzlich bricht das Unglück über ihn herein. Hiob ist ein Mensch, der an den Erfolg gewöhnt ist — urplötzlich zerbricht seine berufliche Existenz. Hiob ist ein Mensch, der mit Gott im Reinen war: „Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet“, auf niemanden traf dieser Liedvers mehr zu als auf Hiob — von einem auf den andern Tag wandelt sich der Segen in Fluch und Gott wird für Hiob zu einem fremden, fernen und bedrohlichen Gegenüber. Hiob ist ein Mensch, der andere Menschen mit seiner Zuversicht und seinem Gottvertrauen aufrichten konnte — und nun ist er selber niedergeschlagen, krank und auf Trost angewiesen.

Freunde kommen und versuchen, Hiob Trost zuzusprechen. Aber ihre Worte bleiben oberflächlich und trösten Hiob nicht. Hiob wendet sich an Gott und versucht in seinem Glauben Halt zu finden. Aber alle Glaubenssätze gehen an seiner Not vorbei und halten ihn nicht.

Gott ist ihm fremd geworden. Gott begegnet ihm anders, als Hiob ihn bisher kannte. Hiob findet den segnenden Gott nicht mehr — Gott begegnet ihm als Richter, der seine Hand schwer auf Hiobs Leben gelegt hat. Es ist das Schwerste, was einem Menschen widerfahren kann: in seinem Unglück die Hand Gottes zu erkennen — zu spüren: In meinem Schicksal handelt Gott, in dieser Krankheit, in dieser Krise, in diesem Scheitern erfahre ich das Gericht Gottes.

Das heißt jetzt nicht, in jedem Scheitern würde Gott uns zu Fall bringen, in jeder Krise würde ein Fingerzeig Gottes sichtbar, in jeder Krankheit wäre ein strafender Gott spürbar. Aber Gott kann auch durch Krankheit, Krise und Scheitern an uns handeln. Wir stehen – ebenso wie unter seinem Segen – auch unter Gottes Gericht.

Hiob erfährt Gott so: Richtend. Und in unserem Predigttext sagt er im Grunde folgendes:

Der Mensch lebt nur kurz. Seine Zeit ist bemessen und voll Unruhe und Sorge. Und als ob das nicht genug Kummer wäre, nimmt Gott den Menschen auch noch in’s Gericht. Und von sich aus wird kein Mensch vor Gott bestehen. Von sich aus kann kein Mensch vor Gott bestehen — es wäre besser, Gott würde den Menschen in Ruhe lassen, sich nicht weiter um ihn kümmern, ihn sich selbst überlassen. Dann könnte der Mensch wenigstens die knappe Zeit seines Lebens in Freude leben.

Verzweiflungsworte sind das. Hiob wird dabei nicht stehen bleiben — am Ende der 42 Kapitel des Hiob–Buches wird Hiob anders reden. Aber unser Predigttext sind die Verzweiflungsworte aus dem 14. Kapitel. Dass Hiob am Ende anders reden wird, das sage ich hier nur, damit wir nicht Antworten von diesem Predigttext erwarten — dieser Predigttext wirft Fragen auf und gibt noch keine Antworten. Hier geht es zunächst darum, die Fragen ernst zu nehmen. Hier geht es zunächst darum, anzunehmen, dass Gott uns nicht nur fürsorglich, schützend und bewahrend, helfend und segnend begegnet. Hier geht es darum, anzunehmen, dass Gott uns auch richtend begegnet, dass sich seine Hand auch schwer auf unser Leben legen kann.

Was trägt dann unser Leben? Was hält dann unsere Hoffnung? Was hilft uns dann zu leben?

Hiob bleibt bei Gott. — Das ist das erste, was mir wichtig wird. Hiob bleibt bei Gott. Auch wenn er sagen muss: Es wäre leichter, wenn Du, Gott , mich nicht mehr ansehen würdest — wenn du mich mit dem Kummer allein ließest, den ich sowieso schon habe. Dass Du mich im Blick behältst, macht alles nur noch schwerer. Dennoch bleibt Hiob bei Gott — wendet sich nicht ab und leugnet Gott nicht. Hiob bleibt bei Gott und sagt:

Es ist schwer, Gott, dass sich Deine Hand so lastend auf mein Leben legt. Aber es ist Dein Recht, mich so in’s Gericht zu ziehen. Ich will mich dem nicht entziehen. Wenn ich jetzt wegliefe, mich von Dir abwenden und Dich leugnen würde, dann verliert mein Leben an Tiefe. Dann würde ich vielleicht leichter leben — sicher aber würde ich oberflächlicher leben. Mein Leben verliert dann den Kontakt mit der Tiefenschicht, in der die Frage nach dem Sinn meines Lebens Antwort finden kann.

Hiob bleibt ehrlich vor Gott. — Das ist das zweite, was mir wichtig wird. Hiob bleibt ehrlich vor Gott. Er sagt mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein: Ich habe keine Strafe verdient, ich habe mich nicht an Gott oder den Menschen vergangen. Aber er sagt ebenso: Bestehen kann nicht vor Gott nicht. „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!“ Hiob bleibt ehrlich vor Gott — er weiß um den Abstand zwischen Gott und Mensch — und Hiob weiß, dass er von sich her diesen Abstand nicht überbrücken kann. Hiob bleibt ehrlich vor Gott und sagt: Was ich tun konnte, um Deinen Erwartungen, Gott, nachzukommen, das habe ich getan. Und dennoch weiß ich, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Mit allem Perfektionismus bleibe ich doch Mensch. Bei aller Leistung erreiche ich doch nicht, dass mein Leben grundsätzlich in’s Reine kommt. Du legst Deine Hand schwer auf mein Leben, Gott, und stößt mich auf das, was ich nicht mehr ändern kann an mir — was sich nicht reparieren lässt, was sich nicht behandeln lässt wie eine lästige Krankheit, was sich nicht verdecken und verstecken lässt. Ich habe mein Leben nicht so im Griff, dass ich daraus etwas grundsätzlich Gutes, etwas zweifelsfrei Anerkennenswertes machen könnte. Ich muss mich so annehmen wie ich bin — und wenn ich ehrlich vor Dir stehe, dann wird es mir schwer, mich so anzunehmen, dann kann ich nicht mehr tun, als darauf zu vertrauen, dass Du mich annimmst.

Und das ist das dritte, was mir wichtig ist: Hiob bleibt offen für Gott. Hiob kommt an diesen Punkt — an diesen wunden Punkt ganz innen, an  den wir sonst nie rühren. Hiob kommt an den Punkt, an dem einem Menschen deutlich wird: Mein Leben ist im tiefsten Grund davon abhängig, dass Gott mich annimmt. Und dafür, dass Gott mich annimmt, kann ich nichts tun — gar nichts.  Hiob kommt an diesen Punkt und bleibt offen für Gott. Hiob bleibt offen und aufmerksam dafür, ob Gott dieses Ja spricht — ob Gott ihn annimmt. Hiob bleibt offen für Gott und sagt: In dieser Not erfahre ich, wie sehr ich auf Dich, Gott, angewiesen bin. Und ich hab nichts in der Hand, um Dich dazu zu bringen, mir zu helfen. Aber ich warte auf Dich. Ich warte, ob Du mich nicht doch annehmen wirst. Hiob bleibt offen für Gott — das heißt: Hiob glaubt. Und Hiob erfährt Gott so: richtend und gerade dadurch auch heilend. Hiob erfährt Gott, der ihm von neuem Grund unter die Füße gibt.

Liebe Schwestern und Brüder,

Hiob erfährt das — aber zwischen dem 14. Kapitel des Hiobbuches, in dem unser Predigttext steht und dem 42. Kapitel, in dem Hiob wieder auf seinen Füßen steht und festen Grund darunter spürt, liegen noch lange Kapitel voller Fragen und Zweifel. Unser Predigttext gibt keine Antworten. Er stellt Fragen. Und er lässt die Haltung erkennen, durch die Hiob letztlich zu Antworten kommt. Wenn wir von schwerer Krankheit betroffen sind; wenn wir spüren, dass unser Leben auf sein Ende zugeht; wenn wir mit dem Wissen leben müssen, dass unsere Lebenszeit begrenzt und unsere Lebenskraft erschöpfbar ist, dann helfen uns keine fertigen Antworten. Wie Hiobs Freunde stehen dann die schnellen Antworten neben uns und was sie sagen bleibt an der Oberfläche.

Möge uns dann helfen, was hier an Hiob sichtbar wird:

  • dass die echten Antworten Geduld brauchen und wir darum bei Gott bleiben;
  • dass die echten Antworten Einsicht brauchen und wir vor darum Gott ehrlich bleiben und
  • dass die echten Antworten nicht aus uns sondern von Gott her kommen und wir darum für Gott offen bleiben.

Amen.

 


— Predigt zu Hiob 14,1-6 am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, 6. November 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki. Predigtlied EG 374,1–3: „Ich steh in meines Herren Hand“



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