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Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

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Predigt zum Anfang im Gottesdienst am 12. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2016 in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. So schreibt es Herrmann Hesse in seinem Gedicht Stufen. Einem Gedicht, das in schöner Schrift geschrieben seit einigen Tagen nebenan bei uns im Pfarrhaus hängt. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das stimmt natürlich nicht immer. Wer morgen früh zum Beginn der Woche im Auto sitzt und quer durch Helsinki seinen Arbeitsplatz erreichen möchte, der ahnt: So zauberhaft ist wahrlich nicht jeder Anfang. Die Schüler und Schülerinnen beginnen die Schule, die Menschen sind aus ihren Sommerurlab zurückgekehrt und plötzlich wird es wieder voll in der Stadt. Die Anfänge, von denen in der Bibel die Rede ist, haben auch oft wenig zauberhaftes. Ganz realistisch geht es da zur Sache. Und ein Motiv, das sich durch fast alle biblischen Anfänge zieht ist, dass den Menschen erst einmal der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Adam und Eva müssen das Paradies verlassen, hinaus ins Ungewisse. Abraham muss in ein neues Land ziehen, von dem er noch nichts weiß. Das Volk Israel murrt und stöhnt, als Gott ihm neue Wege aufweist. Hinaus aus der Sklaverei, hinein in die Freiheit. Aber eben auch in die Wüste. Und die Jünger, die sich mit Jesus auf den Weg gemacht haben, die ließen alles hinter sich. All die Menschen die sich da aufgemacht hatten, die gingen buchstäblich mit leeren Händen. Nur erfüllt von der Zusage: Ich bin bei euch. Unser Anfang, der für uns gelegt ist in Jesus Christus am Kreuz, er ist oft gar nicht so zauberhaft. Er ist doch knallhart realistisch. Wir stehen unterm Kreuz und merken dort: Auch wir haben nichts in der Hand, was wir anbieten können. In besonderer Weise ist es einem der Großen der Bibel gegangen, dem Apostel Paulus. Wie er zum Glauben an Jesus Christus kam, davon spricht der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte im 9. Kapitel. In der Geschichte heißt Paulus übrigens noch Saulus…

(Lesung Apostelgeschichte Kapitel 9, Vers 1–9)

Ein dramatischer Anfang, der hier erzählt wird. Wie Saulus auf einen Schlag zu Glauben kommt. So dramatisch ist diese Erzählung, dass sie im Laufe der Geschichte auf vielfältige Weise ausgemalt wurde. Auf vielen Bildern, die über die Jahrhunderte gemalt wurden, sitzt Saulus zu Pferd, buchstäblich auf hohem Ross. Das Wort Gottes trifft ihn wie der Blitz und er fällt tief hinab in den Staub. Von einem Pferd ist in der Bibel gar nicht die Rede. Aber nicht minder gewaltig ist das Glaubenserlebnis von Saulus. Wie kommt Gott, wie kommt Jesus Christus in das Leben dieses Mannes, der doch einer der größten Verfolger der noch jungen Christenheit damals gewesen ist? Wie kommt es eigentlich zu diesem neuen Anfang m Leben des Saulus? Es fängt an mit dem Satz, der er hört: „Saul, Saul was verfolgst du mich?“ Und dann seine Gegenfrage: „Herr, wer bist du?“ Ich glaube, dass der große Neuanfang an dieser Frage hängt: „Herr, wer bist du?“ Nicht das große Bekenntnis, nicht der gewaltige Einsatz für die neue Sache, kein gutes theologisches Argument und kein besonderes Vorbild bildet den Anfang. Sondern diese Frage

„Herr, wer bist du?“

Ich glaube, wir haben als Christen eine besondere Beziehung zum Anfang. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Vielleicht. Aber vor allem doch: „Jedem Augenblick wohnt ein Anfang inne.“ Jeder Moment, den wir uns im Vertrauen auf Gott hineinfallen lassen ins Leben ist ein Moment des Anfangs. Vor einiger Zeit  las ich ein Buch über die sogenannten Wüstenväter- -und Mütter. Frauen und Männer, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums in die Wüste Ägyptens gingen, um ein Leben in Askese und Abgeschiedenheit zu führen. Von Poimen, einem der großen Wüstenväter wird in den ersten Berichten erzählt, „dass er jeden Tag einen Anfang machte“. Und von Altvater Arsenios ist ein wunderbares Gebet überliefert, das lautet:

„O Gott, verlass mich nicht! Ich habe zwar in deinen Augen noch nichts Gutes getan, aber in deiner Güte gewähre mir, einen Anfang zu machen.“

Was hier spricht, ist keine falsche, übertriebene Demut. Ich glaube in diesen Worten steckt eine Wahrheit unseres Glaubens, die wir oft, buchstäblich, nicht wahr haben wollen. Dass wir vor Gott immer Anfänger sind. Dass vor Gott nicht zählt, was wir alles schon erreicht haben. Als Einzelne, als Gemeinde, als Gesellschaft. Vor Gott fangen wir immer neu an. Wir hätten das so gerne, dass vor Gott all das zählt, was wir in den Jahren so aufgebaut haben. Die Strukturen und Werke und Errungenschaften.  Da ist so viel. Und so gerne hätten wir es, dass Gott uns dann anschaut und sagt: Mensch, tolle Leistung! Und dann klingelt es an der Tür und da steht irgendein armer Schlucker auf der Schwelle, dem die Frau weggelaufen ist und der wieder eine seiner Geschichte erzählt, die wir schon so oft gehört haben. Ein einzelner Mensch wird uns wichtig. In unserer Nähe oder weit weg. Und dieser Mensch rührt uns an und uns wird klar: Da ist Gott. Nur da. In dem Moment, in dem man wieder von vorne anfängt.

Die Bibel erzählt die neuen Anfänge mit Gott, mit Jesus oft sehr gewaltig du dramatisch. Aber ich glaube nicht, dass die Bibel so erzählt, weil richtiger Glaube nur gut ist, wenn er möglichst pompös und gewaltig daherkommt. Es braucht nicht das große Erweckungserlebnis, nicht den Sturz vom Pferd, damit ich sagen kann: Ja, ich glaube richtig. Es braucht im Leben nicht diesen gewaltigen Neuanfang, nicht den großen Umzug und das Hinschmeißen von allem, was gewesen ist. Ich glaube, die Bibel erzählt die Geschichten des Neuanfangs so gewaltig, um klarzumachen, dass jeder Anfang mit Gott das entscheidende im Leben sein kann. Ich weiß nicht wie euch das geht, aber ich bin manchmal genervt von all den Geschichten heutzutage von Menschen, die ganz gewaltig neu angefangen haben und dadurch die großen Heden sind. Gerade in diesen Tagen, wo wir selber so einen großen Neuanfang begonnen haben, da hören wir oft von den Menschen zuhause: Mensch, das ihr euch das tritt! Das würde ich auch gern mal machen! Aber ich denke mir dann: Das ist doch keine Leistung, Das ist ein riesen Glück, ein Geschenk, das wir all das hier erleben dürfen. Wen ich bewundere, dass sind nicht Menschen, die das Glück hatten, gewaltige Neuanfänge in ihrem Leben machen zu dürfen. Wen ich bewundere, das sind Menschen, die in ihrem ganz normalen Alltag immer wieder im Kleinen neu beginnen. Die sich trauen zu sagen: Gott, ich weiß nicht mehr weiter, übernehme du. Die buchstäblich fragen

„Herr, Gott, wer bist du für mich?“

Ich liebe diese Geschichte, liebe Gemeinde. Diese Geschichte von Saulus, der so dramatisch vom üblen Verfolger zu einem der treuesten Anhänger von Jesus Christus wird. Ich liebe diese Geschichte, weil sie in aller Dramatik eine ganz einfache, schlichte Geschichte ist. Die Geschichte von einem, der mitten in seinem Leben eine ganz einfache Frage stellt „Herr, wer bist du?“ Ich liebe diese Geschichte, weil ich diese Frage so gut kenne. Weil ich mich und ihn, Gott, das immer wieder frage. Als ich 27 Jahre alt war, unser erster Sohn war noch klein und unsere zweiter unterwegs, da saß ich oft in Marburg, wo wir damals wohnten, in der wunderschönen Elisabethkirche. Über 800 Jahre alt ist sie, ganz schlicht. Und über dem Altar hängt ein Kreuz des Künstlers Ernst Barlach in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts aus dunklem Holz geschnitzt. Oft saß ich da in der Bank und schaute nur dieses wunderschöne Kreuz an. Irgendwann merkte ich dann: Egal wo man in dieser riesigen Kirche sitzt und auf das Kreuz schaut, Christus schaut immer zurück. Ich weiß nicht, wie der Künstler das hinbekommen hat, aber tatsächlich, Christus schaute mich immer an. Und indem wir uns so anschauten, tauchte plötzlich diese Frage immer wieder und immer drängender auf: „Herr wer bist du? Gott, wer bist du für mich?“ Mit dieser Frage fing tatsächlich etwas Neues an. Ich studierte Theologie, wurde Pfarrer und schließlich landeten wir also hier bei euch.

„Herr, wer bist du? Unergründbar sind deine Wege!“

Wir sind Anfänger. Alle. Mit leeren Händen stehen wir vor Gott. Jeden Tag und jeden Atemzug fangen wir neu an vor Gott. Vielleicht heißt das ja, zu Glauben. Eingestehen, dass wir Anfänger sind. Indem wir immer wieder in diese alten Worte hineinhören. In die alte, immer wieder neue Geschichte Gottes mit den Menschen. Auch in diese Geschichte von Saulus, der sich später dann mit neuem Namen Paulus auf die Reise begibt, um der Welt von diesem Jesus zu erzählen. Diese Geschichte, die mit einer einfachen Frage beginnt: „Herr, wer bist du?“ Vielleicht sollten wir das tun am Anfang. Immer wieder. Vielleicht schon, wenn wir morgens aufstehen und der neue Tag beginnt. Wie wäre es mit dieser Frage zu beginnen „Herr, wer bist du heute für mich?“ Nicht ich bin der Herr meines Lebens und meiner Zeit, sondern du bist es. Zeige mir, was dran ist. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Hauptpastor der Gemeinde