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Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
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Die Tageslosung

Ich will dich preisen und deinen Ruhm besingen unter den Völkern.

Psalm 18,50

Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.

Apostelgeschichte 4,20

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Predigt zum Abschied im Gottesdienst am 3. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juni 2016 in der Deutschen Kirche Helsinki

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

in der Juli-August-Ausgabe von „Deutsch–Evangelisch“ im Jahr 2010 war ein Bild auf Seite 3 abgedruckt. Über dem Bild stand: ‚Ab dem 1. August werden Erik, Antje, Moritz und Franz in der Bernhardinkatu 4 in Helsinki wohnen.‘ Franz war noch ein Kindergartenkind. Moritz hatte lange, blonde Haare. Wir Eltern sahen mit Mitte dreißig noch richtig jung und dynamisch aus. Und ein Mensch fehlte auf dem Bild: Denn Alma war noch gar nicht geboren.

Als wir vor sechs Jahren in Finnland angekommen sind, sagte eine Mitarbeiterin aus dem Kindergarten zu uns: „Den Moritz — den älteren Sohn — werdet ihr an das Land verlieren.“ So ist es nun tatsächlich gekommen, liebe Kristel.

Und auch für uns bewahrheitet sich die reise– und auslandserfahrene Weisheit:

Kein Mensch geht so, wie er gekommen ist.

(…)

Heute ist der biblische Text für die Predigt das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In der Geschichte ist es der ältere Sohn, der bei den Eltern bleibt. Und der jüngere Sohn geht weg von zu Hause, um sein Glück in der weiten Welt zu suchen.

Insofern passt sie überhaupt nicht auf unsere Situation. Denn wir gehen ja weg und der ältere bleibt hier. Wir hatten eigentlich auch nicht vor, das Erbe schon jetzt unter den Kindern aufzuteilen. Insgeheim hoffen wir ja, dass er in zwei Jahren mit dem Abitur in der Tasche nach Deutschland nachkommt.

Aber wer weiß: „Kein Mensch geht so, wie er gekommen ist. Und kein Mensch bleibt, wie und was er war.“

Die Geschichte erzählt — und deshalb passt sie doch ganz gut zum heutigen Tag — von dem Mut, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, von jugendlicher Unbekümmertheit, von großem Vertrauen, echter Lebensfreude und herzlicher Liebe.

Der Vater lässt ihn ziehen. Er gibt ihm bedingungslos und vor der Zeit alles, was ihm zusteht. Das steht nun nicht im Text; doch ich denke mir, wie jeder gute Vater, vertraut er darauf, dass der Sohn verantwortlich mit dem geerbten Geld und Gut umgeht. Und er hofft das Beste für sein Kind und betet zu Gott, dass es ihm gut gehen möge in der Fremde.

(…)

Viele von uns können sich mit dem jüngeren Sohn identifizieren. Auch wir sind weg gegangen aus dem Vaterland. Wir haben auch die Erfahrung des Fremd–Seins gemacht. Und so manche/r kennt den Wunsch, doch lieber wieder daheim zu sein in vertrauten Gefilden.

Der ‚verlorene Sohn‘, der ja eigentlich überhaupt nicht verloren ist, geht mutig und wohl auch mit großen Zukunftsplänen von zu Hause weg. Aber leider verpasst er es, sich mit dem fernen Land eine solide Existenz aufzubauen. „Dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen“, heißt es so schön in Luthers Übersetzung.

Als er schließlich so richtig in der Scheiße sitzt, fängt er an über sein Leben nachzudenken: So tief bin ich gesunken, dass ich um Schweinefraß bettele. Und er erkennt in diesem Abrutschen auf das unterste soziale Niveau sein größtes Vergehen gegen den Vater im Himmel und gegen seinen leiblichen Vater.

(…)

Liebe Gemeinde, ich kenne keinen unter uns, dem es in vergleichbarer Weise ergangen wäre. Die allermeisten haben hier in Finnland etwas aus ihrem Leben gemacht; eine Lebenspartner gefunden, eine Familie gegründet, ein Haus gekauft.

Nach althergebrachter Meinung steht der Mensch in Gottes Gnade, dessen Leben äußerlich sichtbar gesegnet ist: eine gut bezahlte Arbeit, eine glückliche Familie, genug Lebens-Energie und ausreichende Gesundheit — das sind die landläufigen Kriterien, an denen wir Glück oder Unglück abzulesen versuchen.

So denkt auch der ‚verlorene Sohn‘: Ich habe nichts vorzuweisen. Ich stehe mit leeren Händen da. Mein Leben ist wertlos — ich bin wertlos.

Menschen denken so und nennen es Sünde. Wie schwer tut sich der „verlorene Sohn“. Er will von seinem Vater zur Strafe entwertet werden; nicht mehr als ein Sohn, sondern als ein Knecht will er angesehen sein; als einer, der nur das verdient, was er tut. Er kann nicht so nach Hause zurückkehren, wie er gegangen ist. Satisfaktion muss her für die in der Fremde begangenen Fehler.

Auch sein älterer Bruder tut sich schwer damit, sehr schwer sogar. Er hat sein ganzes Leben dem Gesetz geopfert. Unter lauter Ordnungszwang und Regelungswut ist er gar nicht zum Leben gekommen.

Jesus denkt und handelt nicht so! Er hat die Geschichte von den beiden Söhnen damals den gesetztestreuen Pharisäern und jüdischen Schriftgelehrten erzählt. Diese hatten sich bitter über ihn beschwert, weil er mit Menschen Umgang pflegte, die dem gesellschaftlichen Ideal nicht entsprachen: Mit Zöllnern (also quasi mit Betrügern), mit Prostituierten, mit körperlich und geistig Behinderten, mit sozial Geächteten — also mit allen, die nach jüdischem Gesetz „Sünder“ und damit gesellschaftlich untragbar waren.

(…)

So wie Jesus sollen auch wir Christen denken und handeln, liebe Gemeinde. Nicht nach dem äußeren Augenschein urteilen. In jedem Menschen ein Kind Gottes sehen. Wie der Vater in der Geschichte: mit Gnade, mit Barmherzigkeit und mit Liebe.

Ich gehe jetzt auch nach Hause; oder besser gesagt: ich kehre zurück in die Heimat. Noch weiß ich nicht, was mich dort wirklich erwartet. Deutschland und ganz besonders meine Heimat Sachsen haben sich verändert. Man wartet in Dresden nicht unbedingt auf Menschen, die aus dem Ausland kommen.

Aber ich weiß, was ich aus Finnland mitnehme. In sechs Jahren ist mir diese Deutsche Gemeinde zu einem zu Hause geworden. Besonders diese Erfahrung nehme ich mit: Wer hierher als Fremder zur Deutschen Kirche kommt, der bleibt nicht lange fremd. Nur ein Beispiel dafür:

Ein junges Paar — beide fast noch im Teenageralter — kam vor sechs Jahren fast zur gleichen Zeit nach Helsinki wie wir. Außer einem Studienplatz hatten sie wenig mitgebracht. Zu mindestens hatten sie keine Unterkunft. Und sie fragten am Sonntag vor dem Gottesdienst, ob in der Deutschen Gemeinde vielleicht jemand wäre, der sie beherbergen könnte. Inzwischen sind sie aus dem Leben der Gemeinde nicht mehr wegzudenken und verlässlich zahlende Mieter einer unserer (teuren) Gemeindewohnungen.

An Kathrin und Yann kann man ablesen, dass und wie die Deutsche Gemeinde funktioniert: Wir haben offene Türen, Menschen werden willkommen geheißen, wer mitmachen will, ist herzlich eingeladen — auf Neu–Deutsch nennt man das „Willkommens-Kultur“.

Für mich ist das der größte Schatz dieser Gemeinde. Und es gibt viele andere Beispiele, an denen man das miterleben kann. Heute Abend gibt es dafür die nächste Gelegenheit, wenn Fußball im Gemeindesaal übertragen wird.

Die gute Nachricht für das Leben, das Evangelium von Jesus Christus kann man in der Bibel nachlesen.

Aber es ereignet sich erst, wenn wir versuchen, so wie Jesus zu handeln: Auf die Menschen zugehen, sie mit ihren Eigenarten anzunehmen und in unser Haus einzuladen.

Amen.


Ehemaliger Hauptpastor 2010–2016