KBV

Norbert Erdmann, Vorsitz Kirchenbevollmächtige (KBV)
Telefon +358 9 6869 8513‬
E–Mail kbv@deutschegemeinde.fi

Mitglieder der Gremien und KBV

Gremien

Kirchenbevollmächtigtenversammlung (KBV)
Kirchenrat (KR)
Finanzausschuss (FA)
Wahlausschuss
Kindergartendirektion
Kirchenmusikalischer Ausschuss
Bauausschuss
Diakonievorstand
DSWH–Geschäftsleitung
DSWH–Fondsvorstand
Kapellenrat Turku (Åbo)

Dokumente

< aktuelle Links, Dokumente, Tagesordnungen, Sitzungsprotokolle, Terminübersicht, PDFs und ähnliches… >

Die Tageslosung

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

Psalm 90,16

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Matthäus 6,26

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
Weitere Informationen finden Sie hier


Predigt über Hebräerbrief 4,12–13 am 31. Januar 2016 (Sexagesimae) in der Deutschen Kirche in Helsinki

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Das Predigen, liebe Gemeinde, ist ein gefährliches Geschäft. Eigentlich geht es ja um etwas ganz Einfaches. Hier ein Text der Bibel, vor rund 2000 Jahren aufgeschrieben. Und auf der anderen Seite wir, hier und jetzt in der Kirche am Sonntagmorgen. Diese beiden Seiten gilt es zusammenzubringen. Der alte Text muss in unsere Zeit hineinsprechen. Wir sollen merken: „Hej, mit diesen Worten sind wir gemeint.“ Wir, mit unseren ganz gegenwärtigen Fragen, Sorgen und Glücksmomenten. Wir werden mit den Worten der Bibel angesprochen. Ein gefährliches Geschäft ist das Predigen, weil sich so gerne andere Dinge dazwischenschieben. Worte, die ich als Prediger schon immer mal sagen wollte. Themen, über die man mal ganz allgemein sprechen sollte. Und besonders gefährlich erscheint mir das Predigen in einem Gottesdienst wie heute. Wir sehen uns heute zum ersten Mal. Wie gerne würde ich Ihnen jetzt meine Lieblingstexte aus der Bibel auslegen. Wie gerne würde ich ihnen vom Zöllner Levi erzählen, zu dem Jesus sagt: „Steh auf und folge mir nach.“ Und der Zöllner stand auf, ließ alles hinter sich, was er hatte und folgte ihm nach. Eines meiner Vorbilder. Oder wie gerne würde ich ihnen das Buch Hiob auslegen, mein Lieblingstext in der Bibel. Hiob der Gottesstreiter, der mit Gott nie fertig wird. Der nicht ablässt von ihm, mit ihm ringt und hadert.

Aber Gott sei Dank geht es heute nicht um mich. Es geht um die Worte der Bibel und darum, was diese Worte uns heute zu sagen haben. Und Gott sei Dank ist mir der Bibeltext, über den es zu sprechen gilt, auch diesen Sonntag vorgegeben. Als ich las, um welchen Text es heute gehen soll, durchzuckte es mich erst einmal: Der Hebräerbrief. Ein Text am Rande des Neuen Testamentes, von dem schon Luther selbst sagte, dass er zwar gut zu lesen sei, aber ein Christ müsse nicht allem folgen, was da geschrieben steht. Der Predigttext umfasst lediglich zwei kurze Sätze aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefes.

(Lesung aus dem Brief an die Hebräer, Kapitel 4, Auszüge)

Gott, der Richter der Gedanken. Nachdem wir gerade noch davon gesungen haben, dass Gott trösten will „wie eine Mutter“, jetzt ein ganz anderes Bild. „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“ Für die von uns, die sich eher dem lieben Gott nahe fühlen, schwer erträgliche Worte. Gottes Wort als scharfes Schwert, das durch Mark und Bein geht. Es sind buchstäblich scharfe Worte, die der Schreiber des Briefes wählt. Er wählt diese Worte, weil ihm die Schärfe des Glaubens bei seinen Lesern fehlt. In diesem Brief, der an keine konkrete Gemeinde gerichtet ist sondern an die junge, neue entstehende Christenheit im Ganzen, kämpft der Autor an gegen einen zu laschen Glauben. Da sind anscheinend einige, die das Wort Gottes nicht mehr ganz so ernst nehmen, die sich aus der Bibel die Stellen rauspicken, die ihnen in ihr Lebenskonzept passen. Und in diese bequeme Form, seinen Glauben zu leben, schlägt der Schreiber mit scharfen Worten hinein. „Alles ist aufgedeckt in den Augen Gottes.“ Es sind gefährliche Worte. Worte, die uns verleiten selber zu scharfen, schnellen Urteilen zu kommen. Die uns verleiten, mit dem Wort Gottes im Rücken diese Welt einzuteilen in die Guten und die Bösen. Das scharfe Schwert. Manchmal möchte ich es selbst in die Hand nehmen und mein Urteil über diese Welt fällen. Und manchmal urteile ich dann schon, bevor ich nachdenken kann.

Worte, die mitten in unsere Zeit hineinsprechen: Wir haben zurzeit in Fulda, einer Stadt mit 70.000 Einwohnern rund 3000 Flüchtlinge untergebracht. Umgerechnet auf Helsinki wären das ungefähr 30.000 Flüchtlinge im Stadtgebiet. Das heißt, dass die Flüchtlinge im Stadtbild von Fulda ganz gegenwärtig sind. Ich treffe sie beim Einkaufen, beim Spazierengehen, wenn ich abends in der Stadt unterwegs bin. Oft in kleinen Gruppen von 3 bis 5 Männern. Nun hat sich, ihr habt davon gehört, vor vier Wochen in Deutschland, in Köln und in anderen Städten, Furchtbares zugetragen. Zahlreiche Männer, zu einem großen Teil stammten sie aus Nordafrika, überfielen Frauen, beraubten sie, belästigten sie. In Deutschland wurde über kein Thema in den letzten Wochen so heftig diskutiert wie über die Ereignisse dieser Nacht. In den Medien, aber auch in vielen privaten Gesprächen konnte man dem Thema nicht entrinnen. Die Gespräche aus diesen Wochen, davon bin ich überzeugt, dringen tief in unser Bewusstsein ein. Sie beeinflussen meine Bilder von den Fremden. Ohne, dass ich etwas dagegen tun kann. Ich nehme mich da nicht aus. Vor einigen Tagen ging ich abends von einer Veranstaltung nach Hause durch die Innenstadt. Auf einer kleinen Nebenstraße kamen mir drei junge Männer mit dunkler Hautfarbe entgegen. Und ich konnte gar nichts dagegen machen: Mir schossen als erstes die Bilder in den Kopf, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Für einen kurzen Moment wurden die drei zufällig an mir vorbeilaufenden Männer zu den Tätern der Silvesternacht. Es ist wie ein Gift, das sich einschleicht. Bild für Bild, Wort für Wort. Natürlich springt dann gleich mein Kopf an und sagt mir: „Blödsinn, du darfst das eine nicht mit dem anderen vermischen.“ Aber was kann der Kopf schon ausrichten gegen die Macht der Bilder. Mein Urteil über den Anderen ist oft schon gefällt, bevor der Kopf sich einschaltet.

Was kann ich dagegen tun? Ich glaube, dass der Predigttext eine Antwort darauf geben kann. Die zwei Verse des Textes stehen an einer entscheidenden Stelle des Hebräerbriefes: Im ersten Teil klagt der Schreiber den schlaffen Glauben der Christen an. Er macht sich Sorgen, dass die noch junge Christenheit schon vergisst, was ihnen mit diesem Jesus geschenkt wurde. Im zweiten Teil erklärt der Schreiber dann, warum sich der Leser, der Hörer auf seinen Glauben verlassen kann. „Ihr könnt euch mit Haut und Haaren an euren Gott hängen. Wenn ihr euer Herz an Jesus hängt, werdet ihr frei leben können. Frei von den Urteilen anderer. Frei von den Urteilen über euch selbst.“ Zwischen diesen beiden Teilen des Briefes stehen wie ein Scharnier die Sätze des heutigen Predigttextes. Sie beschreiben den Wendepunkt. Wie eine Tür, die aufgeht: „Schaut. Es gibt nur einen einzigen Richter, der über eurer Leben bestimmt. Gott.“ Und dieser Gott ist kein anderer als Jesus selbst. Gott als Liebe. Die Schärfe und die Kraft des Glaubens entstehen anscheinend dort, wo wir uns mit allem, was wir sind, an die Liebe Gottes hängen. Auf eine kurze Formel gebracht: Nicht lange Grübeln, nicht lange Urteilen, sondern aus Gottes Liebe handeln.

Und tatsächlich: Durch die Tat verändern sich meine Urteile. Ich möchte Euch von unserem Mittwochscafé erzählen: Jeden Mittwoch treffen wir uns mit einigen Leuten in unserem Gemeindehaus. Die meisten sind Studentinnen. Einige ältere Gemeindeglieder sind auch dabei. Wir kochen Kaffee und Tee, packen zwei Biergarnituren zusammen und gehen hinüber in die Asylbewerberunterkunft in der Nachbarschaft, 50 Meter neben der Kirche. Dort leben zurzeit rund 120 junge Männer aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Nordafrika. Immer zu dritt auf einem Zimmer von rund 18 qm Größe. 20 Männer teilen sich eine Küche. Wir stellen unsere Biergarnituren in den Flur, denn einen Gemeinschaftsraum gibt es nicht. Auf die Tische stellen wir Kaffee und Tee, manchmal bringt ein Bewohner oder jemand von uns einen Kuchen mit und wir unterhalten uns. Manchmal mit Händen und Füßen. Oft mit einem der Bewohner, der übersetzen kann. Wir lernen uns kennen. In den vielen Wochen, in denen wir das machen, immer mehr und immer besser. Aus denen, die wir am Anfang nur „die Geflüchteten“ oder „die Asylsuchenden“ nannten, wurden mit der Zeit Yussuf und Malik und Andom und Feisal. Menschen mit Namen und Geschichten. Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in Deutschland sind. Mit ganz unterschiedlichen Träumen und Hoffnungen. Manche der Geschichten fahren einen in Mark und Bein. Ich werde sie oft nicht los, wenn ich abends im Bett liege. Die Geschichten von Krieg und Hunger. Die Geschichten der Flucht. Die Berichte von denen, die monatelang unterwegs gewesen sind. Die es schafften über das Meer in einem kleinen Boot und die miterleben mussten, dass es andere nicht schafften. In diesen Begegnungen verändern sich meine Urteile. Eigentlich muss ich es genauer sagen: In den Begegnungen mit den Menschen werden die Urteile immer unwichtiger. Es geht immer weniger darum, den anderen einzuordnen in mein Denken, in meine Überzeugungen.

Und plötzlich merke ich: Der Hebräerbrief meint genau das. Wenn es stimmt, dass uns Jesus, das lebendige Wort Gottes, dort begegnet, wo wir uns auf echte menschliche Begegnungen einlassen, dann treffen wir an jedem Mittwochnachmittag Jesus in Hülle und Fülle. Dort, in der Asylunterkunft, verändert dieser Jesus uns durch die Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Dieser Christus macht was mit uns. Er nimmt sich Raum in uns. Seine Kraft ist „lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ als jedes Urteil, dass ich mir über den anderen machen kann. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


Hauptpastor der Gemeinde