Liturgie

Die Liturgie

< Einleitungstexte zum A–Z der Liturgie… Gottesdienstordnungen >

  • A–Z der Liturgie
  • Gottesdienstordnungen (Liturgie–Blätter)

A wie ‚Anfang‘

Der Gottesdienst fängt vor dem offiziellen Beginn an: Du betrittst die Kirche und der Raum spricht Dich an — Du nimmst die Kerzen wahr, vielleicht registrierst Du die Farbe der Antependien oder freust Dich an den Blumen auf dem Altar. Du suchst Dir einen Platz, an dem Du Dich wohlfühlst, nimmst das Gesangbuch und das kleine Heft mit der Gottesdienstordnung zur Hand. Ein bisschen Zeit ist noch — Du stellst Dich auf den Gottesdienst ein.

An dieser Stelle hat das sogenannte „Rüstgebet“ seinen Ort — ein Gebet, mit dem Du Dich zum Gottesdienst rüstest. Vergiss mal einen Augenblick den unangenehmen militärischen Beigeschmack des Wortes „rüsten“ — es bedeutet ursprünglich „sich vorbereiten“, „sich schmücken“, „sich in die Lage versetzen, eine Reise anzutreten.“ Wenn es Dir nicht gelingt, das Wort zu entmilitarisieren, dann kannst Du auch ganz schlicht „Vorbereitungsgebet“ sagen.

Wir haben auf der ersten Innenseite des Gottesdienstheftes drei mögliche Vorbereitungsgebete abgedruckt. Sie sollen Dir eine Hilfe sein, Dich für den Gottesdienst bereit zu machen: In der Stille vor Gott zu bringen, was Dich beschäftigt und was Dir aus Deinem Alltag nachgeht — was Du von diesem Gottesdienst erwartest und was Dir gut tun kann.

Diese Gebete sind Anregungen — vielleicht entsteht im Laufe der Zeit Dein eigenes Gebet oder Du betest mit freien Worten. Mich begleitet seit längerem ein Rüstgebet, das ich in einer Gemeinde in Frankfurt/Main gefunden und mitgenommen habe:

Herr, Du hast mich gerufen und ich habe Deinen Ruf an mich gehört.
Danke, dass Du mich nicht vergessen hast — auch dann nicht, wenn ich kaum an Dich dachte und meinen Weg ging, als ob es Dich nicht gäbe.
Ich stehe vor Dir mit der Last meines Lebens und den ungezählten Fehlern meiner Tage. Ich bitte Dich, Herr: Vergib mir meine Schuld.
Herr, Du hast mich lieb — darauf vertraue ich.
Du nimmst Schuld, Angst und Hoffnungslosigkeit von mir und sprichst mich frei — darauf gründe ich mein Leben.
Mache mir Dein Wort lieb und zeige mir meinen Platz in Deiner Gemeinde.
Lass mich erkennen, welche Gaben und Fähigkeiten Du mir anvertraut hast, damit ich sie einsetzen kann, wo Du mich brauchst und wo Menschen auf meine Hilfe warten.
Herr, verwandle mein Leben, dass es für Dich zur Freude und den Menschen zur Hilfe wird.
Amen.
Die ‚United Church of Christ‘ ist ein Zusammenschluss von verschiedenen protestantischen Kirchen in den USA — sie gehört zu den sogenannten Mainline– Churches, die ihre Theologie nicht evangelikal oder fundamentalistisch formulieren.

B wie ‚Begrüßung‘

Wie jetzt?! — Ein ganzer Artikel über die Begrüßung? Gibt es nicht Wichtigeres mit ‚B‘ im Gottesdienst?

Nun, allein die Tatsache, dass sich Pfarrer und Gemeinde in einem vollständigen Gottesdienst bis zu drei Mal begrüßen, zeigt, dass es mit der Begrüßung mehr auf sich hat, als einfach einen „Guten Morgen!“ zu wünschen. Am Anfang des Gottesdienstes (zumindest in Helsinki) steht ein Wechselgruß zwischen Pfarrer und Gemeinde:

Pfarrer: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!
Gemeinde: Und mit Deinem Geist!

Das ist mehr als ein schlichtes „Hallo!“ — dieser Wechselgruß trägt der Ernsthaftigkeit des Gottesdienstes Rechnung: Wir begegnen im Gottesdienst dem Heiligen — das ist durchaus anspruchsvoll und dafür segnen Pfarrer und Gemeinde einander. Und das ist wichtig… — für die Gemeinde ist das wichtig, weil dies nach dem Ankommen und dem stillen Gebet (siehe A–Z der Liturgie, ‚A wie Anfang‘) der erste Punkt ist, an dem die Gemeinde als Gemeinschaft angesprochen wird. Dem einzelnen Gemeindeglied einen „Guten Morgen!“ zu wünschen, das hat an der Kirchentür seinen Ort. In diesem segnenden Gruß aber wird deutlich, dass wir als Gemeinde zusammengehören und miteinander Gottesdienst feiern — für uns Pfarrer ist das wichtig, weil das, was wir dort vorne am Altar tun, einen Ernst hat, der durch keine Routine gemildert wird — es tut uns gut, uns dafür von der Gemeinde segnen zu lassen. Ein zweiter wechselseitiger Segen steht dann (zumindest in Turku, Tampere und den weiteren Gemeinden im Land) am Beginn des zweiten Gottesdienstteils — in unseren Gottesdienstordnungen überschrieben mit ‚Verkündigung und Bekenntnis‘.

In Helsinki ist dieser Wechselsegen vermutlich entfallen, weil man dachte: Weshalb sollte hier mitten im laufenden Gottesdienst der Pfarrer und die Gemeinde einander grüßen? Das ist nachvollziehbar — der Gruß an dieser Stelle hat seinen Ursprung darin, dass in der alten Kirche der Priester sich hier zum ersten Mal an die Gemeinde wandte (bis dahin war die Gottesdienstleitung Sache des Chores und des Liturgen). Aber auch wenn das nachvollziehbar ist, so ist es doch schade drum:

  • denn zum einen entfällt mit dem Gruß an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Der Gottesdienst wird nicht vom Pfarrer gehalten, sondern von der Gemeinde gefeiert — ein guter Gottesdienst lebt von der Mitwirkung mehrerer Akteure;
  • und der Gruß an dieser Stelle ist sinnvoll, weil der Gottesdienst hier vor einer wichtigen Stufe steht: Nach Anrufung und Anbetung Gottes geht es nun darum, dem Wort des lebendigen Gottes zu begegnen.

Ist das kein Grund, sich gegenseitig zu segnen?!

Und zum dritten Mal segnen Pfarrer und Gemeinde einander am Beginn der Abendmahlsliturgie:

Pfarrer: Der Herr sei mit euch!
Gemeinde: Und mit deinem Geiste!

Und darin sind sich die Liturgien in Helsinki und Turku, Tampere und den Landgemeinden nun tatsächlich einig: Das Heilige Abendmahl ist wiederum eine solche Stufe, ein besonderer Teil im gesamten Gottesdienstgeschehen, so dass es auch hier sinnvoll ist, daß Pfarrer und Gemeinde einander segnen.

Die Formulierung des Grußes ganz am Anfang des Gottesdienstes ist übrigens variabel (deshalb steht in unseren neuen Gottesdienstordnungen an dieser Stelle auch nur „liturgischer Gruß“). Die Formulierung kann dem Kirchenjahr oder der Gottesdienstsituation angepasst werden. So wäre „Der Herr sei mit euch“ hier möglich — oder auch der schöne Gruß „Friede sei mit euch!“ (in der katholischen Kirche ist dieser Gruß lange Zeit dem Bischof vorbehalten gewesen).

Ja, das ist tatsächlich einen eigenen Artikel wert: B wie Begrüßung – ich hätte auch als Überschrift schreiben können: B wie Benediction (lat. benedictio = ich segne). In der liturgischen Fachsprache gibt es dafür übrigens noch einen anderen, sehr schönen Begriff: Salutatio (lat. salutaris = heilbringend, gnadenreich, wohlbehalten) — das ist es, was wir einander wünschen!

C wie Credo: „Ich glaube“

Eine alte Legende erzählt: Bevor die Apostel auseinandergingen um in den verschiedenen Teilen der Welt die frohe Botschaft zu verkündigen — Jakobus in Spanien, Petrus in Italien, Thomas in Indien usw. — trafen sie sich noch einmal:

„Wir werden verschiedenen Menschen predigen, wir werden dabei verschiedene Sprachen sprechen, wir selbst sind ja so verschieden untereinander! Wie kann es da sein, dass unsere Predigt den einen Glauben verkünde?“ — so fragen sie einander sorgenvoll. „Lasst uns zusammentragen, was wir zu verkünden haben — jeder einen Satz!“ — und so geschah es: Petrus sagte: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Andreas sagte: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn, unseren einzigen Herrn“ und Jakobus fügte hinzu: „der empfangen wurde von Heiligen Geist …“

So trugen die 12 Apostel die 12 Sätze unseres apostolischen Glaubensbekenntnisses zusammen. Diese Legende hält zwei wichtige Momente fest: Das Glaubensbekenntnis in unserem Gottesdienst verbindet uns mit den Christen überall auf der Welt und dieses Glaubensbekenntnis bindet uns zurück an die Zeit der Apostel.

Wie alle Legenden so überhöht auch diese die tatsächliche Geschichte: Das apostolische Glaubensbekenntnis ist zunächst einmal das Taufbekenntnis einer Gemeinde — der Gemeinde von Rom — und hat sich zwischen dem 2. und dem 5. Jahrhundert entwickelt.

Aber auch damit stellt es uns in eine beeindruckende Kontinuität des Glaubens! Dem Anliegen, uns mit den Christen überall auf der Welt zu verbinden wird ein anderes Glaubensbekenntnis eher gerecht: Das Glaubensbekenntnis von Nicäa, das wir in besonders festlichen Gottesdienstes sprechen (im Gesangbuch Nr. 805). Während das apostolische Glaubensbekenntnis vor allem in den Kirchen des Westens (katholische und protestantische Kirchen) in Gebrauch ist, verbindet uns das Glaubensbekenntnis von Nicäa auch mit den orthodoxen Kirchen. Das könnte für uns in Finnland mit orthodoxen Kirchen in der Nachbarschaft schon wichtig sein, und es könnte für uns im Jahr 2015 neu wichtig werden, wo politische Risslinien zwischen der westlich orientierten und der östlich–orthodox geprägten Welt deutlich sichtbar werden.

Das Glaubensbekenntnis von Nicäa mit seiner kraftvollen, hymnischen Sprache hält zudem einen dritten wichtigen Moment fest: Das Glaubensbekenntnis ist nicht nur ein Fürwahrhalten von Glaubenssätzen. Das Glaubensbekenntnis ist immer auch Gotteslob, ein hymnisches Preisen von Gottes Heil für unsere Welt. In den lutherischen Kirchen ist das über lange Zeit in den Glaubensliedern spürbar gewesen, die anstelle des Glaubensbekenntnisses gesungen wurden (zum Beispiel „Wir glauben all an einen Gott …“ Gesangbuch Nr. 183).

Eigentlich ist es eine Verarmung, dass wir heute fast ausschließlich das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen. Dieser Brauch geht zurück auf das Jahr 1821, als König Wilhelm III. es als festen Teil in die Agende der Altpreußischen Union aufnahm. Das Evangelische Gottesdienstbuch schlägt deshalb vor, auch andere und auch neuere Glaubensbekenntnisse in den Gottesdienst aufzunehmen. Dafür gibt es mehrere gute Gründe. Dafür sollen die beiden Beispiele stehen: –– Die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse sind aus den Konflikten der ersten Jahrhunderte entstanden. Das sind nicht mehr unsere Konflikte. So würde heute niemand mehr eine Theologie vertreten, in der ein guter Erlösergott einem bösen Schöpfergott entgegen tritt — aber auf gerade diese Theologie antworten die altkirchlichen Bekenntnisse. Das sind nicht mehr die Probleme unserer Kirchen.

–– Unsere aktuellen Probleme dagegen kommen in diesen alten Glaubensbekenntnissen gar nicht vor. So brauchen die lutherischen Kirchen in unserer Zeit ganz dringend ein Glaubensbekenntnis, das die biblische Aussage: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde und er schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 2,27) aufnimmt.

Dass die in der Missouri–Synode zusammengeschlossenen lutherischen Kirchen dem weltweiten Luthertum eine Diskussion darüber aufzwingen können, ob Frauen zu geistlichen Ämtern ordiniert werden dürfen, ruft nach einem klaren, biblisch begründeten Bekenntnis. So hat es seine Berechtigung, wenn in unseren Gottesdiensten zeitgenössische Glaubensbekenntnisse die traditionellen ergänzen (nicht ersetzen). Auf der Rückseite unseres aktuellen Liturgieblattes ist ein Glaubensbekenntnis abgedruckt, das wir im kommenden Herbst manchmal singen werden:

„Ich glaube: Gott ist Herr der Welt, der Leben gibt und Treue hält. Er fügt das All und birgt die Zeit, mein Vater in der Ewigkeit.“ Dieses Glaubensbekenntnis stammt aus dem Anhang zum Bayrischen Gesangbuch und es hat eine ganz große Stärke, die vielen traditionellen Glaubensbekenntnissen fehlt: es listet nicht nur Satzwahrheiten auf, sondern stellt einen Bezug zum persönlichen Glauben her: „Ich glaube: meine Taufe weist auf Gottes Wirken durch den Geist. Ich seh im Spiegel seiner Schrift die Wahrheit, die mein Leben trifft.“

Glaube ist immer persönlich — das hält dieser schöne Text fest. Dass Glaube auch auf die Gemeinschaft angewiesen ist, sagt dann die letzte Strophe dieses Glaubensliedes, in der das Subjekt vom ‚Ich‘ zum ‚Wir‘ wechselt:

„Wir glauben: Gott setzt Zeichen ein und lässt uns die Gemeinde sein, die bis zum Ende Treue hält, zum Leben für die ganze Welt.“

Bekenntnis der ‚United Church of Christ‘

Wir glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus und unseren Vater, und bezeugen seine Taten:
Er ruft die Welten ins Dasein.
Er schafft den Menschen nach seinem Bild und legt ihm vor die Wege zum Leben und zum Tod.
In Liebe strebt er danach, alle Menschen von ihrer Ziellosigkeit
und ihrer Sünde zu befreien.
Er richtet Menschen und Völker nach seinem Willen, den er durch Propheten und Apostel verkündet.
In Jesus Christus, dem Mann von Nazareth, unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, ist er zu uns gekommen.
Er hat unser gemeinsames Los auf sich genommen, überwindet Sünde und Tod und versöhnt die Welt.
Er verleiht uns seinen Heiligen Geist, der die Kirche Jesu Christi schafft und erneuert.
Er vereint die Menschen aller Zeiten, Sprachen und Rassen in seinem Bund.
Er ruft uns in seine Kirche, damit wir die Kosten der Nachfolge tragen und die Freude der Nachfolge erfahren.
Er macht uns zu seinen Mitabeitern im Dienst an den Menschen.
Er lässt uns an Christi Taufe teilhaben und den bösen Mächten widerstehen.
Er lässt uns aller Welt das Evangelium predigen und an seinem Tisch essen.
Er verbindet uns mit seinem Leiden und Sieg.
Er verspricht allen, die ihm vertrauen, Vergebung der Sünden und Überfluss an Gnade.
Er gibt Mut im Kampf um Gerechtigkeit und Frieden.
Er zeigt seine Gegenwart in Anfechtung und Freude.
Er lässt uns bleiben unter seiner Herrschaft, die kein Ende hat.
Ihm sei Lob, Ehre und Anerkennung.
Amen.
Die ‚United Church of Christ‘ ist ein Zusammenschluss von verschiedenen protestantischen Kirchen in den USA — sie gehört zu den sogenannten Mainline– Churches, die ihre Theologie nicht evangelikal oder fundamentalistisch formulieren.

D wie ‚Dankopferlied‘

In unseren Gottesdienstheften steht am Beginn der Abendmahlsliturgie ein Wort in eckigen Klammern:

[Dankopferlied].

Das heißt: Hier kann ein Dankopferlied gesungen werden wenn es passt und sinnvoll ist. Sinnvoll ist es, wenn hier tatsächlich auch ein Dankopfer gesammelt wird — wer ab und an in einen finnischen Gottesdienst geht, kennt die Klingelbeutel, die bei diesem Lied durch die Reihen gegeben werden.

Die Kollekte an dieser Stelle hält eine alte Tradition lebendig: In den urchristlichen Gemeinden brachte — wer es sich leisten konnte — Lebensmittel mit zum Gottesdienst. Vor dem Abendmahl wurden diese Gaben zum Altar gebracht — ein Gebet zur Gabenbereitung wurde über diese Lebensmitteln gesprochen, und dann wurde das Abendmahl gefeiert — mit Brot und Wein aus diesen Gaben. Die übrigen Lebensmittel wurden in der Gemeinde verteilt — beim anschließenden Agapemahl, bei dem sich auch die ärmeren Gemeindeglieder satt essen konnten — und durch die Diakone, die diese Lebensmittel zu bedürftigen Gemeindegliedern brachten, die nicht am Gottesdienst und Agapemahl teilnehmen konnten. So hielt man das über lange Zeit. Erst im 9. Jahrhundert wurde das Brot beim Abendmahl allmählich durch Oblaten ersetzt, und statt Lebensmittel brachte man eine Geldspende zum Altar — hinter dem nun der sogenannte ‚Opferstock‘ seinen Platz hatte. Diese Geldspenden dienten weiterhin der Unterstützung bedürftiger Gemeindeglieder, und der Zusammenhang von Abendmahlsfeier und Gemeindediakonie blieb zunächst noch erkennbar.

Das Dankopfer war ein Zeichen dafür, dass Menschen aus Dankbarkeit über Gottes Zuwendung zu ihnen sich ihren Nächsten zuwenden, und an deren Nöten Anteil nehmen. Leider blieb im Laufe der Zeit vom Wort ‚Dankopfer‘ nur der zweite Teil über ‚Opfer‘ — die Menschen verstanden ihre Gabe zunehmend als ein Opfer an Gott — als müssten sie damit Gott gnädig stimmen. Die Gebete, die nun zur Gabenbereitung gesprochen wurden, unterstützten dieses Missverständnis.

Gegen diese ‚Offertoriumsgebete‘ entrüstete sich Martin Luther — mit harten Worten gegen die ‚abergläubischen‘ Gebete, in denen die Ansicht deutlich wurde, der Mensch könne durch Gaben und gute Werke seine Stellung vor Gott verbessern, strich er das Offertorium, und damit die Geldsammlung. Aber das Geld wurde ja gebraucht; es war für die Diakonie der Gemeinde unverzichtbar — also wurde noch in der Reformationszeit das Dankopfer wieder eingeführt. Jedoch vermied man die Nähe zum Abendmahl, indem der Opferstock nun seinen Platz am Ausgang erhielt. Damit verlor sich nun der inhaltliche Zusammenhang von Gottesdienstfeier und Gemeindediakonie.

Wäre es denkbar, dass wir diesen Zusammenhang wieder deutlicher in unsere Gottesdienste aufnehmen?

Wäre es sinnvoll, die Kollekte wieder beim Dankopferlied zu sammeln, und dann zum Altar zu bringen?

Wäre es angemessen, diese Gaben am Altar mit einem Gebet entgegenzunehmen, das an die Empfänger dieser Gaben denkt? Und ist die Kollekte vielleicht auch in unmittelbarem Zusammenhang mit den Fürbitten viel aussagekräftiger, als wenn sie am Ausgang — sozusagen im Vorübergehen — gegeben wird?

Ich lade Sie und Euch ein, darüber nachzudenken und uns Gottesdienstgestaltern — Pfarrer, Kantorin, Küster — zu sagen, oder zu schreiben, ob Ihr, ob Sie die Kollektensammlung im Gottesdienst eher störend oder sinnvoll finden. Wir sind gespannt auf Ihre und Eure Gedanken!

E wie ‚Evangelium‘

Jeder Sonntag im Kirchenjahr hat sein Evangelium — einen Abschnitt aus den vier Evangelienbüchern, der an zentraler Stelle im Gottesdienst gelesen wird. In dieser Lesung kommt das Thema des jeweiligen Sonntags besonders zum Ausdruck — weitere Lesungen, Gebete und Lieder des Gottesdienstes sind auf dieses Thema bezogen. Die Evangeliumslesung ist sozusagen der ‚Kristallisationskern‘, um den herum sich das Gottesdienstgeschehen gestaltet.

So wird die Lesung aus dem Evangelium besonders hervorgehoben: Die Gemeinde steht auf und singt am Beginn der Lesung „Ehre sei dir, Herr“ und antwortet auf die Lesung mit dem Ruf: „Lob sei dir, Christus“ und mit dem Glaubensbekenntnis — einige Gemeindeglieder haben uns darauf hingewiesen, dass die Lobrufe „Ehre sei dir, Herr“ und „Lob sei dir, Christus“ in unserem Gottesdienstheft ungünstig gedruckt sind — das werden wir bei der nächsten Ausgabe für die Adventszeit ändern. Danke für Eure Anregungen.

Die Lobrufe erinnern noch daran, dass die Evangeliumslesung früher sehr viel stärker ausgestaltet war: In einer Prozession wurde das Evangelienbuch (‚Evangeliar‘) zum extra dafür vorgesehenen Lesepult getragen, und dem Lektor übergeben. Begleitet wurde diese Prozession von zwei Kerzenträgern, die sich mit ihren Leuchtern dann links und rechts vom Lesepult aufstellten: Ein Leuchter für das Gesetz (die Thora) und ein Leuchter für die Propheten — im Lichte der Mosebücher und der Prophetenworte wird das Evangelium von Jesus Christus vernehmbar und verstehbar.

Auch der Ort, an dem das Lesepult für die Evangelienlesung stehen soll, war fest vorgesehen: Auf der linken Seite des Altares, der sogenannten ‚Brotseite‘, auf der beim Abendmahl die Oblaten stehen: Jesus ist das Brot des Leben — sein Evangelium zu lesen nährt unseren Glauben.

Schön, dass in unserer Kirche das Lesepult genau dort steht!

F wie ‚Friedensgruss‘

„Friede sei mit Dir!“ — das sind kraftvolle Worte! Wenn mir jemand auf diese Weise Frieden wünscht, dann geht das nicht spurlos an mir vorbei! Diese Worte bewirken etwas in dem, dem sie zugesprochen werden.

Diesen Friedensgruß teilen wir mit unseren Schwesterreligionen: Im Judentum wünscht man sich „Schalom aleichem“ („Friede sei mit Dir / mit Euch“), und Muslime grüßen sich mit „As–salamu´alaikum“ („Friede sei mit euch“). Dieser schöne und tiefe Wunsch, der Mensch, dem ich begegne möge in Frieden sein, gehört seit alter Zeit auch in unsere Abendmahlsliturgie.

Eine alte Quelle schildert eine Abendmahlsfeier um das Jahr 400:

Sodann ruft der Diakon: „Nehmt einander an und lasst uns einander den Friedensgruß erbieten!“ Denke nicht, dieser Gruß sei der gleiche wie der, den sich gewöhnliche Freunde auf dem Markte geben! So ist es nicht! Dieser Gruß verbindet die Seelen miteinander und versichert ihnen, dass nichts mehr nachgetragen werde. So ist dieser Gruß ein Zeichen für das Verbundenwerden der Seelen und das Verbannen allen Nachtragens.

Deswegen sagte Christus: „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen, geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23f).
Der Gruß ist also eine Versöhnung und deshalb heilig.

Cyrill von Jerusalem, Mystagogische Katechesen

Im Original dieser Quelle wird der Friedensgruß als ‚Friedenskuss‘ bezeichnet — wer einmal an der Eucharistiefeier in einer orthodoxen Kirche teilnimmt, erlebt dort eindrucksvoll wie dieser Friedenskuss bis heute praktiziert wird. Auch in der katholischen Kirche ist er lange Zeit üblich gewesen. Heute sieht der katholische Ritus ein ‚ortsübliches Zeichen‘ vor — das kann eine Umarmung sein oder aber auch ein Händedruck und eben der Wunsch „Friede sei mit Dir.“

Im Laufe der Geschichte hatte der Friedensgruß an unterschiedlichen Stellen seinen Platz — zum Beispiel vor dem Beginn der Abendmahlsliturgie — dort nimmt er das eben schon zitierte Wort aus dem Matthäusevangelium 5,23f gut auf. Die neueren katholischen und evangelischen Gottesdienstordnungen sehen den Friedensgruß unmittelbar am Beginn der Austeilung des Abendmahles vor. Dort steht er auch in der in Helsinki üblichen Liturgie. Ich erlebe das als einen schönen Moment: Aufzustehen, aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig Frieden zu wünschen und dann gemeinsam zum Altar zu gehen.

Und ich wünsche mir, dass dieser Moment so auch in den Gottesdiensten der Gemeindegruppen im Land erlebbar wird.

G wie ‚Gloria in excelsis‘

Wenn mich jemand fragte: „Welcher Teil der Gottesdienstliturgie ist Dir der Wichtigste?“ — spontan würde ich sagen: „Das Gloria in excelsis“. Nach etwas Überlegung würde ich antworten: „Das Gloria in excelsis.“ Und nach intensivem Nachdenken meine ich immer noch: „Das Gloria in excelsis!“

Um diesen alten hymnischen Gesang dreht sich für mich die gesamte Gottesdienstliturgie: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen!“ Die Worte entstammen der Weihnachtsgeschichte: Der Engel des Herrn spricht zu den Hirten auf dem nächtlichen Feld: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren …“ Und dann kommt’s: „… alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Das ist die Antwort auf das Kyrie, in dem wir das Leid, die Angst, die Friedlosigkeit unserer Welt vor Gott bringen. Das ist unsere Antwort auf Gottes Zuspruch „Fürchtet euch nicht!“. Das ist der Gesang derer, über die die Angst keine Macht mehr hat. Wenn Dich die Angst im Griff hat, stirbt die Hoffnung. Das ist das zynische Kalkül nicht nur von Terroristen. Anleben gegen die Angst ist eine Lebensaufgabe. Nichts ist wichtiger, als dass dieser Zuspruch sich in Deinem Leben einwurzelt: „Fürchte Dich nicht!“ — auf dass die Angst keine Macht mehr habe über Dich.

366 mal kommt dieser Satz vor in der Bibel: „Fürchte Dich nicht!“ bzw. „Fürchtet Euch nicht!“ Dreihundertsechsundsechzig mal! Einmal für jeden Tag des Jahres und ein zusätzliches Mal für die Angst, derer Du Dir gar nicht bewusst wirst. Auf dass Du frei wirst von Angst und befreit singen kannst: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen!“ Dieser Gesang ist kostbar! Wie wunderschön hat Johann Sebastian Bach diesen Satz im Weihnachtsoratorium gestaltet! Wie zeitlos gültig hat Nicolaus Decius diesen Gesang nachgedichtet:

„Allein Gott in der Höh
sei Ehr und Dank
für seine Gnade,
darum dass nun und
nimmermehr uns rühren kann kein Schade.
Ein Wohlgefalln Gott
an uns hat;
nun ist groß Fried
ohn Unterlaß,
all Fehd hat nun
ein Ende.“

Nur abnutzen darf sich dieser Satz nicht — er darf nicht gewöhnlich werden, sich nicht in Routine verlieren. Deshalb galt schon in der Alten Kirche die Regel, dass dieser Gesang in den Fastenzeiten nicht gesungen wird. Und so schweigt er auch bei uns: in der Passionszeit und vom Zweiten bis Vierten Advent. — Bis er dann wieder angestimmt wird im Weihnachtsgottesdienst als Antwort auf die Botschaft, die unserer Welt Hoffnung gibt: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

H wie ‚Heilig‘ und ‚Hosianna‘

„Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll.
Hosianna in der Höhe.
Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herren.
Hosianna in der Höhe.“
Abendmahlsliturgie

Was ist uns heilig?

Was halten wir aus dem Streit der Meinungen heraus?

Was gibt unserem Leben Halt, Ziel und Orientierung?

Wir Menschen leben auch davon, dass es Werte gibt, die uns vorgegeben sind,

  • die wir nicht selbst formulieren müssen,
  • die wir nicht in einem Prozess demokratischer Willensbildung feststellen brauchen,
  • die sich nicht hinterfragen und per Mehrheitsentscheidung außer Kraft setzen lassen.

Der unbedingte Schutz des menschlichen Lebens und das Verbot menschliches Leben zu töten ist ein solcher Wert, der keiner Begründung bedarf. Leben ist heilig, weil es sich Gott verdankt. Damit ist es menschlicher Verfügungsgewalt entzogen. Gottesdienst ist Begegnung mit dem Heiligen — Begegnung mit dem heiligen Gott. Besonders im Abendmahl wird das spürbar: Gott gibt uns Anteil an seinem Heil — heilt und heiligt uns. Gott spricht unserem Leben einen Wert zu, den wir uns nicht selbst geben können und es ist eine heilsame Einsicht, dass wir uns diesen Wert auch nicht selbst zu geben brauchen. Gott spricht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der HERR, euer Gott.“ (3. Mose 19,2).

Unsere Abendmahlsliturgie stellt im Sanctus zwei Bibelverse zusammen. Zunächst die Proklamation der Heiligkeit Gottes aus dem Jesajabuch 6,3 — dort rufen die Seraphim einander im Tempel zu:

„Heilig, heilig,
heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!“

Eine kühne Behauptung die wohl nur diesen besonderen Engelwesen zusteht („Seraphim“ — „die Brennenden“, Engel, die in der Nähe Gottes ihren Ort haben). Wer von uns wollte denn behaupten, dass auch in den vom sogenannten „Islamischen Staat“ besetzten Landen Gottes Ehre wohnte? Und dennoch ein ungemein tröstlicher Gedanke, dass auch diese Lande nicht gottlos sind!

Die Antwort der Gemeinde auf diese tröstende und hoffnungsvolle Proklamation der Heiligkeit Gottes ist ein Jubelruf und Lobgesang:
Markus 11,9

Die begeisterten Rufe der Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem. Zweimal begegnen wir im Kirchenjahr dem Hosianna: am 1. Advent und am Palmsonntag. Wenn wir im Gottesdienst das „Heilig, Heilig, Heilig“ singen, ist der Wechsel zwischen der hoheitsvollen Stimme der Engel und den begeisterten Stimmen der Menschen kaum zu hören. Wunderschön hörbar wird das aber im Requiem von Mozart!

Achten Sie am 9. März mal darauf: Das „Sanctus“ mit dem unmittelbar folgenden „Osanna in excelsis“ ist vielleicht der dichteste Moment in Mozarts tief trostvoller Komposition!

K wie ‚Kollekte‘

Ich kenne 16 Witze über die Kollekte. Erzählen werde ich keinen davon. Denn lustig sind sie alle nicht.

Die Häufung unlustiger Witze ist mir ein Indiz für ein verklemmtes Thema. Wir tun uns schwer mit der Kollekte. Einerseits wählen wir meistens die unauffälligste Weise für die Kollektensammlung: Das Sammelgefäß am Ausgang ist uns lieber, als der Klingelbeutel, der durch die Reihen geht. Andererseits wird die Diskussion schnell sehr emotional, wenn beim Kirchenkaffee das Gespräch auf die Kollekte kommt: Geld und Gottesdienst — das passt scheinbar nicht zusammen.

Vielleicht ist das ein ‚reformatorischer Reflex‘ — denn schließlich hat die Reformation ja mit dem Protest gegen den Ablasshandel angefangen. Seitdem steht unser Umgang mit Geld im Gottesdienst unter einem Generalverdacht. Vielleicht ist das auch ‚Entwöhnung‘ — wir haben uns an den anonymisierenden Einzug der Kirchensteuer durch das Finanzamt gewöhnt. Wir erleben den direkten Zusammenhang zwischen dem Leben unserer Gemeinde und unseren finanziellen Beiträgen dazu nicht mehr. Das ist schade! — Und es schadet uns.

Geld ist auch ein geistliches Thema

Schaut man in der Bibel nach, dann finden sich über 700 Bibelverse, die direkt unseren Umgang mit dem Geld betreffen. Von den 29 Gleichnissen, die im Neuen Testament überliefert werden, sprechen 13 den rechten Gebrauch irdischer Güter an. Wenn die Bibel über Geld spricht, dann ist die Intention nicht, einen heiligen Bereich auszusparen, in dem Geld nichts zu suchen hat. Die Intention ist vielmehr, den gesunden Umgang mit dem Geld einzuüben.
Geld wird in der Bibel nicht dämonisiert, wohl aber entzaubert. Die Bibel sagt nicht: „Geld ist die Wurzel allen Übels“ sondern „Geldgier ist eine Wurzel allen Übels.“ (1. Tim 6,10). Geld ist nicht an sich ‚Mammon‘ — aber in dem Maße, in dem Geld Einfluss auf dein Leben gewinnt, mutiert es zum Mammon. Dagegen hilft es, wenn du deinen Umgang mit Geld vor Gott durchdenkst und verantwortest.

Dankopfer, nicht Almosen

Die Kollekte im Gottesdienst ist eine Weise, wie wir vor Gott mit dem Geld umgehen. Es geht dabei nicht darum, dem Armen vor der Kirchentür ein paar Kupfermünzen in den Hut zu werfen. Das ist ein Almosen. Es geht darum, mit der Kollekte Gott zu danken für die Lebensmöglichkeiten, die er uns schenkt. Das ist ähnlich wie bei einem Gastgeschenk:

Wenn ich bei fremden Menschen übernachte, dann ist es ein guter Brauch, ein Gastgeschenk mitzubringen. Ich überreiche dieses Gastgeschenk nicht, damit diese Menschen mir ihr Gästebett überlassen — das würden sie auch tun, ohne dass ich etwas mitbringe. Und ich überreiche dieses Gastgeschenk auch nicht, um damit für die Übernachtung zu bezahlen — das würde eher eine verletzende Reaktion auf die mir erwiesene Gastfreundschaft darstellen.

Ich bringe ein Gastgeschenk mit, weil es eine angemessene Weise ist, die mir erwiesene Gastfreundschaft zu würdigen und mich dafür zu bedanken. Der Dank ist dabei symbolischer Natur — es ist irrelevant, welchen materiellen Wert mein Gastgeschenk hat.

Es ist auch möglich, auf ein Gastgeschenk zu verzichten (oder es zu vergessen) — das hat keine unmittelbaren Folgen. Aber im Verhältnis zu meinen Gastgebern bleibt dann etwas offen, was untergründig doch wirksam ist — und zwar vor allem für mich selbst: Ich habe da etwas unterlassen, was gut zu tun gewesen wäre.

Das wirkt auf mich zurück — egal, ob meinen Gastgebern das überhaupt auffällt oder nicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Dankopfer: Es ist meine Antwort auf das Geschenk, in dieser Welt leben zu dürfen, ausreichend mit dem Lebensnotwendigen versorgt zu sein, Freude an meiner Umgebung empfinden zu können, et cetera. Und es ist auch ein Akt der Solidarität, in dem ich den schwer zu durchschauenden und noch schwerer zu ertragenden Sachverhalt anerkenne, dass es mir sehr viel besser geht, als dem Flüchtling an der griechischen Grenze, dessen Leben von Not geprägt ist.

Es hat für mich keine unmittelbaren Folgen, wenn ich das Dankopfer vergesse und verlerne. Gott ist deshalb nicht böse auf mich. Aber untergründig wirkt das auf mich zurück — meine Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden wird stumpfer, und ich sehe das Verhältnis zu meinen Lebensgrundlagen eher als Besitzverhältnis denn als mir erwiesene Gastfreundschaft Gottes in dieser Welt.

Schenken ist schön

Das ist der Wert des Dankopfers: Es tut uns gut, empfindsam für Dankbarkeit zu bleiben und unser Gewissen in Akten des solidarischen Handelns wach zu halten. Und es tut uns gut, uns die Fähigkeit zu erhalten, einen Teil unseres Geldes zu verschenken. Das hilft uns, unser Verhältnis zur Welt auszubalancieren. Wo Menschen das Dankopfer verlernen, tritt an die Stelle der Danksagungsgeste der Gestus der Besitzergreifung: Wo wir für uns das Vertrauen nicht mehr realisieren, dass der Urheber des Lebens uns das geben wird, was wir zum Leben nötig haben, da müssen wir selbst für Absicherung sorgen. Das tut uns nicht gut. Der Welt auch nicht.

Schenken setzt Freiwilligkeit voraus. Deshalb halte ich nichts davon, wenn in manchen (Frei)kirchen mit Prozentzahlen argumentiert wird — etwa mit dem biblischen ‚Zehnten‘, also 10 Prozent des Einkommens.

Aber ich halte es für wichtig, das Dankopfer im Gottesdienst bewusst und durchdacht zu geben. Ich wünschte mir, dass wir zu einer Praxis kommen, in der die Kollektenzwecke der kommenden Sonntage in unserem Gemeindebrief vorab veröffentlicht werden, und man sich vor dem Gottesdienst darüber Gedanken machen kann: Wie viel Geld nehme ich bei diesem Kollektenzweck für das Dankopfer mit? Und ich wünschte mir, dass wir zu einer Praxis kommen, bei der das Dankopfer der Gemeinde dann auch tatsächlich vor Gott gebracht wird. Das Spendengefäß am Ausgang legt eher die Assoziation ‚Almosen‘ nahe. Dagegen hat mir die Kollektensammlung beim diesjährigen Weltgebetstag sehr gut gefallen, als Körbe durch die Reihen gingen und diese gefüllten Körbe dann nach vorne gebracht wurden zu den Früchten, die für das Lebensnotwendende standen, zu den Blumen und Musikinstrumenten, die für die Schönheit und Freude des Lebens standen und zu den Blüten des Schmetterlingsjasmin, in die wir unsere Selbstverpflichtungen geschrieben hatten. Da wurde deutlich, wie sehr unsere Kollekte Ausdruck ist für unsere dankbare Hingabe an Gott.

L wie ‚Lesung‘

Zwei bis drei Lesungen aus der Bibel kommen in einem Gottesdienst vor. Und wer nur gelegentlich einen Gottesdienst besucht, dem kann die Auswahl dieser biblischen Texte schon ziemlich zufällig vorkommen.

Tatsächlich aber folgen diese Lesungen einem gehaltvollen Plan: über Jahrhunderte gewachsen hat die Ordnung der Lesungen die Weisheit vieler Generationen in sich aufgenommen. Und ich kenne keinen besseren Weg, die thematische Breite und inhaltliche Tiefe unseres Glaubens zu erkennen und zu verinnerlichen als das Kirchenjahr aufmerksam mitzufeiern. Alles, was in unserem Glauben wichtig ist hat im Kreislauf der Sonn– und Feiertage seinen Platz. Jeder Sonntag folgt einem Thema, jeder Feiertag hat seine Idee. Die Lesungen der einzelnen Gottesdienste entfalten den Sinn unseres Glaubens.

Herzstück eines jeden Gottesdienstes ist die Evangeliumslesung. Seit der Zeit der Alten Kirche ist darüber nachgedacht worden, welche Abschnitte aus den Evangelien zu welchen Sonn– und Feiertagen gehören sollten. Das die Weihnachtsgeschichte des Lukas zum Christfest und das Auferweckungskapitel des Markusevangeliums zum Osterfest gehören, das war schnell klar. Aber welcher Evangeliumsabschnitt gibt wohl besten wieder was uns unsere Taufe bedeutet? (Das ist Thema des 6. Sonntages nach dem Trinitatisfest). Und welches Thema kann wohl am besten auf das Taufthema folgen und im Mittelpunkt des 7. Sonntages nach Trinitatis stehen (das Abendmahl, so hat es sich im Laufe der Jahrhunderte herauskristallisiert).

Zwei Texte stehen dem Evangelium zur Seite: einer aus den Briefen des Neuen Testamentes (das griechische Wort für „Brief“ ist „Epistel“ — daher hat dieser Teil des Gottesdienstes den Namen „Epistellesung“ erhalten) und ein Text aus dem Alten Testament. In den meisten unserer Gottesdienste wird allerdings nur eine davon gelesen. Inhaltlich ergänzen, deuten, kommentieren diese Lesungen das Evangelium — manchmal stehen sie auch in Spannung zu ihm und machen deutlich, dass es auch kontroverse Themen in unserem Glauben gibt.

Und ein Psalm gehört noch zu jedem Sonntag — der sogenannte „Wochenpsalm“. Die Idee dabei ist, diesen Psalm eine Woche lang regelmäßig zu lesen, zu beten, zu meditieren und dabei zu erleben, wie die Worte und Bilder dieses Psalmes sich entfalten und in unseren Alltag hineinsprechen. Im Moment wird die Ordnung der Lesungen gerade überarbeitet: zum Reformationsgedenken 2017 soll ein neues „Lektionar“ (das Buch, aus dem im Gottesdienst gelesen wird) erscheinen. Unsere Gemeinde hat sich im vergangenen Jahr an der Erprobung dieser Lesetexte beteiligt.

Nun ist die Frage berechtigt, warum denn überarbeitet werden muss was in Jahrhunderten als Grundlage unserer Gottesdienstfeier gewachsen ist. Will da das Ei klüger sein als die Henne? Ja, Dank sei Gott — es gibt auch Lernprozesse, die in eine solche Überarbeitung einfließen: So ist zum Beispiel das Evangelium für den 2. Passionssonntag (Reminiszere) geändert worden, weil die bisherige Lesung eine unselige antijüdische Tradition hatte. Ich bin froh über diese Änderung und auch darüber, dass bei anderen Lesungen Anregungen aus der Ökumene aufgenommen worden sind: So sind gute Erfahrungen der Church of England eingeflossen in die Gestaltung des Überganges vom Weihnachtsfestkreis zum Osterfestkreis. Und auch eigene Erfahrungen aus den letzten Jahren fließen ein: in vielen evangelischen Gemeinden in Deutschland ist der 9. November als Tag des Pogromgedenkens begangen worden — im neuen Lektionar ist dieser Tag nun fest verankert, Gott sei Dank!

M wie ‚Musik‘

„Singend lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied!“ Musik ist mehr. Ich meine: Mehr als alles, was ich hier aufschreiben kann. Musik hat einen Mehrwert, der mit Worten nicht einzuholen ist. Und Musik ist mehr als die ‚Funktion‘, die ihr im Gottesdienst zugewiesen wird.

Musik ist — wie auch der Tanz — eine der Grundanlagen unseres Menschseins: Ein Geschenk sozusagen, das der Schöpfer uns am sechsten Schöpfungstage gemacht hat. Noch bevor wir Menschen zu sprechen gelernt haben, haben wir gesungen. Und deshalb gehört Musik unabdingbar zu unserem Gottesdienst — nicht nur als ‚Ausschmückung‘ und nicht nur um Texte singbar zu machen. Musik ist die angemessene Ausdrucksform für unseren Dank an den Schöpfer, unseren Gott.
Und von all dem, was wir im Gottesdienst tun, ist Musik dasjenige, was es sicher auch im Himmel noch geben wird (und das Abendmahl natürlich).

Ist das für uns noch vorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der Pfarrer ‚Chorstücken‘ den Platz am Anfang des Gottesdienstes und vor der Predigt zuwiesen, „damit sie die Liturgie nicht stören“?! Es ist das Verdienst der liturgischen Erneuerungsbewegungen vor knapp hundert Jahren, dass sie den heilsamen Bogen der Messe wiederentdeckten. Dieser Bogen spannt sich vom Kyrie (vor Gott bringen, was uns belastet) über das Credo (uns bewusst halten, woran wir glauben) zum Dona nobis pacem (Gott um Frieden und Heil bitten).

Und diesen Bogen spannen wir nicht in unserem Kopf — den erleben wir mit Herz, Seele und Gemüt, im Singen und im Hören von Musik. Im Grunde ist unser Gottesdienst eine Messkomposition für drei Stimmen: Chor, Gemeinde und Liturg. Schön wird das am Beispiel des Kyries deutlich, das wir in der Trinitatiszeit singen: Unser Wechselgesang zwischen Liturg und Gemeinde ist eigentlich unvollständig — der Part des Chores fehlt und wird vom Liturgen (quasi als ‚Notlösung‘) übernommen. Entfaltet sieht unsere Kyrie folgendes vor:

Liturg: Herr Jesus Christus, du bist für uns als Mensch geboren:
Chor: Kyrie eleison.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.

Liturg: Du bist für uns am Kreuz gestorben:
Chor: Christe, eleison.
Gemeinde: Christe, erbarme dich.

Liturg: Du bist für uns vom Tod erstanden:
Chor: Kyrie eleison.
Gemeinde: Herr, erbarm dich über uns.

Als vierte Stimme kommt die Orgel hinzu, die sowohl Teile vom Chor wie auch vom Liturgen übernehmen kann. Im Zusammenspiel von Chor/Orgel, Gemeinde und Liturg wird der Bogen der Messe gestaltet und (wenn es gut geht) seine heilsame Kraft erfahren. Gerade weil Musik uns Menschen in einer Tiefe anzusprechen vermag, in die Worte nicht reichen, geht von der Liturgie eine heilende Kraft aus: Musik vergegenwärtigt eine Harmonie, die wir in unserem fragmentierten Leben sonst verlieren. Musik ist mehr — aber sie ist nicht alles.

Musik bleibt andererseits auf das Wort angewiesen, weil Musik deutungsoffen ist. Die gleiche musikalische Sequenz, die Gottes Güte preist, kann auch für Weinbrand werben. So ist der Gottesdienst ein fein gewebtes Zusammenspiel von Musik und Wort, die sich gegenseitig ergänzen, interpretieren und in beglückenden Momenten auch zu einer höheren Harmonie verbinden.

N wie ‚Nicänum‘

Das Glaubensbekenntnis in unseren Gottesdiensten ist vieles: Es ist Lobpreis, es ist Hymnus, es ist Vergewisserung, und es ist auch Kurzfassung dessen, was wir als Christen glauben.

Im Großen Katechismus schreibt Martin Luther über das Glaubensbekenntnis: „Siehe, da hast du das ganze göttliche Wesen, Willen und Werk mit ganz kurzen und doch reichen Worten abgemalet.“ Luther hatte dabei das ‚Nicänum‘ im Blick: Das Bekenntnis, das auf der Synode von Nizäa (325) formuliert und in Konstantinopel (381) präzisiert worden ist. Es ist uns als Credo im Text der Messe aus zahlreichen Kompositionen — zum Beispiel in J. S. Bachs h–Moll–Messe — bekannt und vertraut. Dieses Bekenntnis war lange Zeit der Normalfall im Gottesdienst und wurde erst im Zeitalter des Rationalismus durch das Apostolische Glaubensbekenntnis ersetzt.

In den letzten Jahren entdecken viele Gemeinden das Nicänum neu: Mit seiner kraftvollen, hymnischen Sprache wird es vor allem zu den Hochfesten Ostern und Weihnachten geschätzt — kommt aber auch in Abendmahlsgottesdiensten zunehmend wieder in Gebrauch. Wertvoll an dieser Entwicklung ist die Einsicht, das unser Glaubensbekenntnis auch Gotteslob ist: Ein hymnisches Preisen des Heils, das Gott der Welt schenkt. Und das tut das Nicänum mit unglaublich schönen Worten:

Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen
durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.

Mit diesem Glaubensbekenntnis zieht etwas vom Glanz orthodoxer Liturgie in unsere Gottesdienste ein. Und mit diesem Glaubensbekenntnis greifen wir weit zurück in eine Zeit, in der die Westkirche und die Ostkirche noch nicht getrennt und „katholisch“ noch keine Konfession, sondern ein Wesenszug der Kirche war — nämlich weltumspannend und weltverbindend zu sein.

O wie ‚Opfer‘

Szene 1: Ein Bauer geht mit einem Korb zum Tempel. Die ersten Früchte seines Feldes hat er liebevoll im Korb arrangiert. Dankbar bringt er am Altar seine Gaben dar und spricht dabei Worte eines alten Bekenntnisses: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer, nahe daran zu verhungern. Als Sklave musste er dienen in Ägypten und sein Los war schwer. Aber Gott hat uns aus Ägypten herausgeführt hier in dieses Land, in dem Milch und Honig fließen. So bringe ich die ersten Früchte meines Feldes und danke dem Herrn, unserem Gott.“ Und dann feiert dieser Bauer ein fröhliches Erntedankfest – mit seiner Familie, mit den im Tempel beschäftigen Leviten und mit den Fremden, die in seinem Land eine Zuflucht suchen wie er sie hier einige Jahrzehnte zuvor gefunden hat
vgl. 5. Buch Mose, Kapitel 26

Szene 2: Ein alter Mann geht mit einem Korb auf einen Berg. Holz für ein Brandopfer und ein Messer trägt er darin. An seiner Seite geht ein halbwüchsiger Knabe. Der wundert sich darüber, dass sein Vater mit ihm zum Opferplatz geht und kein Opfertier mit sich führt. Dass er selbst zum Opfer bestimmt ist, wird ihm erst bewusst, als sein Vater ihn auf den Altar bindet. Der Mann, Abraham, meint es seinem Gott schuldig zu sein, dass er seinen einzigen Sohn opfert, den Sohn, an dem seine ganze Zukunft hängt. Und es bedarf des Eingreifens eines Engels, um ihn in letzter Minute von diesem grausigen Opfer abzuhalten.vgl. 1. Buch Mose, Kapitel 22

Zwei Szenen, in denen das Alte Testament Menschen schildert, die ein Opfer vollziehen. Voll ansteckender Festfreude die erste — abstoßend und furchtbar die zweite Szene. Eine unglaubliche Spannung zwischen beiden Szenen und in dieser Spannbreite wird sichtbar, wie unterschiedlich das ist, was Menschen unter einem Opfer verstehen.

Warum opfern Menschen? Kurz gesagt: Opfer sind eine Weise, wie Menschen ihr Verhältnis zu Gott und zu ihrer Mitwelt ausbalancieren. Zum einen antworten sie auf das Gute, das ihnen von Gott widerfährt. Zum anderen bringen sie einen Ausgleich, wo sie durch Schuld oder Ungehorsam die fragile Balance gegenüber Gott und ihren Mitmenschen gestört haben. Und gerade dieses zweite, der Versuch einen Ausgleich für Schuld oder eine Demonstration unbedingten Gehorsams zu leisten, kann durchaus extreme Formen annehmen. Formen auch, die nicht mehr im Willen Gottes begründet sein können.

Und so durchzieht die Bibel bis in das Neue Testament hinein eine Linie, die diese Formen des Opferns einzudämmen versucht. Die Geschichte von der glücklicherweise verhinderten Opferung Isaaks lesen Forscher und Forscherinnen als eine Geschichte der Ablösung des Menschenopfers durch ein Tieropfer. Das ist der Anfang eines Fadens, der sich bis in das Neue Testament hineinzieht, das alle Sühn– und Schuldopfer für abgelöst ansieht durch das eine große Selbstopfer, das Jesus Christus am Kreuz vollbracht hat.

Was für die Bibel vom ersten bis zum letzten Buch aber nie in Frage steht, ist der Sinn des Lob– und Dankopfers. In den Spuren des Bauern, der mit seinem Korb voller Feldfrüchte zum Tempel zieht, feiern wir bis heute unser Erntedankfest. In jedem Gottesdienst halten wir uns bewusst, wie barmherzig Gott an uns handelt und singen ihm mit dem Gloria in excelsis deo („Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade…“) unser Lob. Mindestens ein Lied im Gottesdienst — das Dankopferlied nach den Abkündigungen — thematisiert unseren Dank für die Lebensmöglichkeiten, die Gott uns schenkt.

Das ist eine Tradition, die wir unbedingt pflegen sollten. Uns geht Wesentliches in unserem Glauben verloren, wenn wir das Lob– und das Dankopfer verlernen. Dieses Vergessen und Verlernen wirkt auf uns zurück: es beschädigt unsere Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden und zu artikulieren und es lässt uns als Besitz empfinden was doch Gabe und Geschenk ist. Mahatma Gandhi hat diesen Zusammenhang im Blick, wenn er als eine der sieben sozialen Sünden der modernen Menschheit beschreibt: ‚Religion ohne Opfer‘ — Religion wechselt dann in den Selbstvergewisserungsmodus und verliert ihre sozial gestaltende Kraft.

In unseren Gottesdiensten die Tradition des Lob– und Dankopfers zu pflegen, stärkt dagegen unsere Fähigkeit Dankbarkeit zu empfinden und verändert unser Verhältnis zu unseren Lebensgrundlagen, die wir dann weniger als Besitzverhältnis sondern mehr als uns erwiesene Gastfreundschaft Gottes in dieser Welt begreifen.

P wie ‚Psalm‘

1940 — das nationalsozialistische Deutschland führt nach außen Krieg gegen seine osteuropäischen Nachbarn und nach innen gegen seine jüdischen Bürger; 1940 — die deutschen Christen versuchen, den christlichen Glauben von seinen jüdischen Wurzeln zu trennen und ihn der arischen Ideologie gefügig zu machen; 1940 erscheint ein Buch von Dietrich Bonhoeffer: Auf dem Deckblatt der jüdische König David, der Titel: „Das Gebetbuch der Bibel — Eine Einführung in die Psalmen.“ Dietrich Bonhoeffer schreibt in diesem Buch:

„In vielen Kirchen werden sonntäglich oder sogar täglich Psalmen im Wechsel gelesen oder gesungen. Diese Kirchen haben sich einen unermeßlichen Reichtum bewahrt, denn nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein. Bei nur gelegentlichem Lesen sind uns diese Gebete zu übermächtig in Gedanken und Kraft, als dass wir uns nicht immer wieder zu leichterer Kost wendeten. Wer aber den Psalter ernstlich und regelmäßig zu beten angefangen hat, der wird den anderen, leichten, eigenen „andächtigen Gebeten bald Urlaub geben und sagen: Ach, es ist nicht der Saft, Kraft, Brunst und Feuer, die ich im Psalter finde, es schmeckt mit zu kalt und zu hart.“ (Luther) Mit dem Psalter geht einer christlichen Gemeinde ein unvergleichlicher Schatz verloren, und mit seiner Wiedergewinnung werden ungeahnte Schätze in ihn eingehen.“

Die Wiedergewinnung des Psalters hat dann etliche Jahrzehnte gedauert. Erst mit der Einführung des Evangelischen Gesangbuches 1993 hat sich der Brauch wieder durchgesetzt, dass die Gemeinde im Eingangsteil des Gottesdienstes einen Psalm betet. Damit ist einer der ältesten Teile unserer Liturgie nun wieder zu seinem Recht gekommen:

Bereits um das Jahr 400 ist der Psalmgesang in den christlichen Gottesdiensten belegt. Wahrscheinlich ist er aus dem jüdischen Synagogengottesdienst in den Gebrauch der christlichen Gemeinden übernommen worden. Der Psalmgesang eröffnet den schlichten Gottesdienst einer christlichen Hausgemeinde und er begleitet den feierlichen Einzug des Bischofs und seines Gefolges in den großen Kathedralgottesdiensten. Und immer verankert er den christlichen Gottesdienst tief in der Heilsgeschichte des alten Gottesvolkes. In unserem Gesangbuch sind die Psalmen so gesetzt, dass sie sich gut im Wechsel zwischen zwei Gruppen beten lassen:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft;
Vor wem sollte mir grauen?
Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:
Dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang,
zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn
und seinen Tempel zu betrachten.

Diese Art des Psalmengebetes hat ihren Ursprung in den mittelalterlichen Klöstern: An der Nord– und der Südwand des Chorraumes standen die Mönche und sangen im Wechsel zueinander die Psalmverse, während der Abt mit den Zelebranten durch den Mittelgang zum Altar zog. Psalmen lassen sich in unseren Gottesdiensten auf vielfältige Art gestalten: Wir beten sie im Wechsel zwischen den Gemeindegliedern, die auf der Kanzelseite und der Taufsteinseite sitzen — oder im Wechsel zwischen Frauen und Männern im Gottesdienst.

Eine schöne Gestaltungsmöglichkeit ist auch der vom Chor gesungene Psalm, zu dem die Gemeinde eine wiederkehrende Antiphon singt – einen kurzen, wiederkehrenden Psalmvers mit einer einprägsamen Melodie. Manche Psalmen laden dazu ein, sie im Wechsel zwischen einer Einzelstimme und der gesamten Gemeinde zu beten (z.B. Psalm 24 – unser Adventspsalm).

Die „Wochenpsalmen“ prägen überhaupt unser Kirchenjahr: Schon früh in unserer Liturgiegeschichte wurden den einzelnen Sonntagen im Kirchenjahr feste Psalmen zugeordnet. Viele Sonntage (vor allem in der Zeit um Ostern) haben ihren Namen von diesen Wochenpsalmen: So hat der Sonntag „Okuli“ seinen Namen nach Psalm 25,15 „Meine Augen sehen stets auf den Herren“, der Sonntag „Judika“ heißt nach dem Psalm 43,1: „Richte, Gott…“

Als Wochenpsalm begleiten diese alten Gebete dann unsere Woche und es ist ein schöner — wenn auch selten gepflegter — Brauch, den Psalm vom Sonntag mit in die Woche zu nehmen und ihn täglich als Morgengebet zu sprechen. Denn, so schrieb Bonhoeffer, „nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein.“