Besuch von Margot Käßmann in der Gemeinde am 15. und 16. März in Turku und in Helsinki

Im Rahmen des 500jährigen Jubiläums der Reformation wird Margot Käßmann vom 13. bis 17. März in Finnland sein. Im Rahmen dieses Aufenthaltes wird sie auch unsere Gemeinde in Helsinki und in Turku besuchen.

Am Mittwoch, dem 15. März kommt Professorin Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann in das Gemeindezentrum der Kapellengemeinde in Turku, Kaskenkatu 1. Dort haben wir Gelegenheit, unsere Gemeinde vorzustellen, genaueres über die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum zu erfahren und auch Fragen des Glaubens in kleinem Kreis mit ihr zu besprechen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich — jeder und jede ist herzlich willkommen.

Am Donnerstag, dem 16. März ist Frau Käßmann dann in Helsinki. Um 18 Uhr am Abend findet im Rahmen der Gesprächsreihe ‚Glaube & Zweifel‘ eine Diskussion im Kleinen Festsaal (pieni juhlasali, Fabianinkatu 33, Helsinki) statt. Im Gespräch, das wir zusammen mit der Universität Helsinki und dem Goethe–Institut veranstalten, wollen wir erörtern, ob in der gegenwärtigen Zeit von einer Renaissance des Religiösen in der westlichen Gesellschaft gesprochen werden kann.

Margot Käßmann ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie hatte zahlreiche Leitungsämter inne, u. a. war sie Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers (1999–2010) und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (2009–2010). Immer wieder ist sie als wichtige Stimme der Kirche in den Medien zu hören und zu sehen.

Der Besuch in Finnland steht in Zusammenhang mit dem Europäischen Stationenweg. In dem Projekt verbinden sich viele Städte Europas, die für die Verbreitung der Reformation von Bedeutung gewesen sind. Ein Reformations–Truck bereist die Städte im Laufe des Jubiläumsjahres und macht für einige Tage auch in Finnland Station. In und um ihn sind Geschichten der Reformation versammelt und es werden ganz unterschiedlichen Aktionen stattfinden. Vom 14. März bis zum 16. März ist das Geschichtenmobil in Turku zu Gast.

Gesichter der Reformation

Die „Gesichter der Reformation“ — eine Serie im Gemeindebrief der Deutschen Gemeinde in Finnalnd — sollen Ihnen und Euch Menschen nahebringen, die sich für das Anliegen der Reformation der Kirche eingesetzt haben. Martin Luther, Vater der deutschen Reformation und Margot Käßmann (geb. 1958 in Marburg), evangelisch–lutherische Pastorin und Botschafterin des Reformationsjubiläums 2017 — auf welche Weise verknüpfen sich die Glaubenserfahrungen dieser beiden Menschen nach 500 Jahren? Welche Schwerpunkte setzt Margot Kässmann in der Auseinandersetzung mit dem Erbe Martin Luthers?

Martin Luther stellt die Praxis der katholischen Kirche in Frage, durch den Kauf eines Ablassbriefes sich von Sünden frei zu kaufen und deshalb vom Fegefeuer verschont zu werden. Er betont stattdessen die Gnade Gottes, die jeden Menschen miteinschließt und ihn annimmt in seiner Sündhaftigkeit. „Allein durch Glauben werden wir gerecht.“

Jeder Christ wird in seinen besonderen Begabungen gesehen und bringt sich mit diesen in die Gemeinde ein. In dieser ‚Freiheit eines jeden Christenmenschen‘ steht er vor Gott als einzelner Mensch und erfährt die Liebe durch Jesus Christus. Diese Glaubensgrundsätze des Reformators haben Margot Käßmann von Kindheit an geprägt. Sie wächst in einer Familie auf, in der drei Generationen unter einem Dach leben. Die Eltern führen eine eigene Kfz–Werkstatt — die Großmutter teilt das Schicksal von Vertriebenen im Zweiten Weltkrieg. „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ ist sinnstiftender und tröstender Gedanke, der Margot Käßmann seitdem Grundlage ihres Glaubens ist.

Während des Theologiestudiums erhält Margot Käßmann als Auszeichnung für eine wissenschaftliche Arbeit zu Martin Luther King ein einjähriges USA–Stipendium. Während dieser Zeit an einer renommierten Universität der Ostküste wird sie das erste Mal sowohl mit Rassismus als auch mit der Aufarbeitung des Holocausts konfrontiert. Die theologische Auseinandersetzung mit der Schuldgeschichte der deutschen Christen und die Suche nach Wegen des versöhnten Dialogs, sowohl zwischen den einzelnen Konfessionen als auch zwischen den Religionen, bestimmten von diesem Zeitpunkt an ihr Denken und Handeln als evangelisch–lutherische Pfarrerin.

1983 wird sie in den Ökumenischen Rat der Kirche gewählt, 1995 zur Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages. 1999 ist sie die erste Landesbischöfin der Evangelisch–lutherischen Landeskirche Hannovers und 2009 die erste Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Februar 2010 trat sie nach einem Straßenverkehrsdelikt von Bischofsamt und EKD–Ratsvorsitz zurück. Seit dem 27. April 2012 ist sie nun die ‚Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017‘ im Auftrag des Rates der EKD.

Diese Liste von Ernennungen liest sich beeindruckend und verdeutlich die nicht selbstverständliche Anerkennung und Gleichstellung der Fähigkeiten einer Frau als ordinierte Pfarrerin und Seelsorgerin, die bisher so nur in der evangelischen Kirche denkbar ist.

Martin Luther löste diese Entwicklung aus, in dem er das Priesteramt verließ und eine ehemalige Nonne, Katharina von Bora heiratete. Er wollte mit diesen Entscheidungen die Kirche nicht spalten, sondern verändern — nicht mit neuen Lebensformen, sondern in der Weise, wie er sie in den Berichten der Evangelien und Paulusbriefe von den christlichen Urgemeinden vorfand. In seinem Ringen um das Christentum war ihm die tiefe Verbundenheit mit den Glaubenswurzeln des Judentums sehr bewusst. „Jesus Christus — ein Jude“ betont er noch 1523. Zwanzig Jahre später, nach Zeiten des zähen Ringens um den christlichen Glaubens, feindet er die Juden an, die Jesus nicht als Messias anerkennen und denen er nun zornig und gewaltbereit entgegen tritt.

Margot Käßmann als Botschafterin des Reformationsjubiläums ist sich dieser Widersprüchlichkeit sehr wohl bewusst. Sie spricht ausdrücklich davon, nicht den Lutherkult verstärken zu wollen, sondern den Menschen Luther zu feiern. Es soll ein Fest sein, welches Luther in seiner Zeit begreift, seine Irrtümer und Fehler benennt und gleichzeitig an seinen herausragenden Mut zur Veränderung erinnert. Käßmann bewertet Luthers theologische Schriften historisch–kritisch. Sie ist begeistert von seiner Sprachkraft, die gleichermaßen drastisch und poetisch sein kann, und die gerade auch in der neuesten Überarbeitung seiner Bibelübersetzung (2016) bewahrt wird, und die einen ungeheuren Bildungsimpuls in das Spätmittelalter sendete, der erstmalig alle Schichten der Bevölkerung erfasste.

Margot Käßmann gelingt Ähnliches in ihren Veröffentlichungen zu aktuellen theologischen Problemen, in Predigten und Interviews: sie spricht eine klare Sprache, die nie die Bodenhaftung verliert. Sie ist glaubwürdig, weil sie aus eigener, reicher Erfahrung schöpft und offen über schwierige Lebensumstände spricht. Ihre letzten Veröffentlichungen seien hier ausdrücklich erwähnt:

  • Im Zweifel glauben. Worauf wir uns verlassen können (2015)
  • Sorge dich nicht, Seele. Warum wir nicht verzagen müssen (2016)

Sicher werden Gedanken aus diesen Büchern auch im März in Turku und in Helsinki Diskussionsgrundlage sein, wenn Professorin Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann zu Gast in der Deutschen Gemeinde und an der Universität in Helsinki ist.

 


— Jana Gienapp.